Düren: Das Feld, auf dem die Sternenkinder liegen

Düren: Das Feld, auf dem die Sternenkinder liegen

Der 30. Geburtstag ist eine Besonderheit. Neben dem 18. natürlich. Dann fühlt man sich nicht mehr als junger Erwachsener, sondern richtig erwachsen. Verdient mittlerweile sein eigenes Geld und wohnt nicht mehr in einer WG mit einer Küche, die aus dem Baumarkt zusammengestellt wurde. Ob Tobias tatsächlich in einer Single-Wohnung gelebt hätte oder gar mit seiner Freundin oder seinem Freund, weiß seine Mutter nicht.

Carina R.s (Name von der Redaktion geändert) Sohn ist wenige Stunden nach der Geburt gestorben. Tobias ist für sie ein Sternenkind. Nächstes Jahr im Februar wäre er 30 Jahre alt geworden. Der Grund für den Tod des Jungen: Er hatte Zystennieren, ein Gendefekt. Die Nieren sind im Verhältnis zur Körpergröße des Neugeborenen viel zu groß und nehmen den Lungen viel Platz weg. Trotz künstlicher Beatmung konnten die Ärzte den Jungen nicht retten. Carina R. lag zu dem Zeitpunkt noch im Kreißsaal, als ihr die Ärzte und Schwestern mitteilten, dass ihr Kind verstorben ist.

Ein Moseskörbchen, das Betroffene im Krankenhaus Düren zur Bestattung des Kindes bekommen. Foto: Wildermann

Seine erste und letzte Ruhestätte fand Tobias im Grab seiner Urgroßeltern auf einem Friedhof im Dürener Raum. Dort liegen auch seine Brüder. Die heute 55-Jährige brachte 1988 und 1990 zwei Jungen zur Welt. Alexander und Matthias litten ebenfalls wie Tobias an dem Gendefekt.

Die Gedenkstätte für Sternenkinder auf dem Dürener Friedhof an der Friedensstraße gab es in den 90er Jahren noch nicht. Auch in den Krankenhäusern war es nicht üblich, dass Angehörige das tote Kind noch einmal sehen konnten. „Man war vor 30 Jahren noch nicht so weit, dass man gefragt wurde, ob man von dem toten Kind Abschied nehmen will“, erinnert sich Carina R. Sie spricht ruhig und bedacht über die drei Todesfälle. Für das Gespräch hat sie ein entfernt liegendes Büro ihrer Arbeitsstelle mit Blick zum Garten gewählt. Nur hin und wieder kommt eine Kollegin herein und bittet um Hilfe. Dann verlässt Carina R. für ein paar Minuten den Raum.

Für Carina R. ist es wichtig, dass es solch eine Gedenkstätte in der Stadt gibt. „Den Eltern wird ein Ort gegeben, an dem sie ihr Kind bestatten können. Damals gab es noch keine Pflicht, das Kind beizusetzen, wenn es unter 500 Gramm wog und nicht atmete. Auf dem Feld für die Sternenkinder ist das egal. Dort werden auch Kinder beerdigt, die auf dem Ultraschallmonitor als solche noch nicht zu erkennen waren“, sagt sie. Für sie sind es alles Sterne, die nur kurz aufgeglüht und Leuchtkraft abgegeben haben.

Die Gedenkstätte ist ordentlich und sauber gehalten. Die Friedhofsverwaltung kümmert sich um die Pflege. Rindenmulch wurde auf der Fläche verteilt, darauf liegen viereckige Platten, auf denen teilweise Namen der verstorbenen Kinder eingraviert wurden. Insgesamt sind es 31 Grabstätten. „Die Platten können so gestaltet werden, wie die Eltern das wollen“, sagt Heike Tingart (49), stellvertretende Leiterin der Friedhofsverwaltung. Teilweise wurden sogar Grablichter, Blumen und kleine Engelsfiguren von den Angehörigen aufgestellt. Auf diesem Areal sind Früh- und Fehlgeburten in Moseskörbchen beigesetzt, die unter 500 Gramm gewogen haben. „Sobald es über 500 Gramm sind, besteht eine Bestattungspflicht und die Kinder werden im Sarg in Kinderreihengräbern beigesetzt“, erklärt Heike Tingart. Erst dann wird auch eine Sterbeurkunde ausgestellt.

Inzwischen existiert das Grab, in dem Tobias und seine Brüder beigesetzt wurden, nicht mehr. Die Liegezeit für die Urgroßeltern ist abgelaufen und Carina R. und ihr Mann wollten die nicht verlängern. Als kleines Mädchen konnte sie sich überhaupt nicht vorstellen, dass auch Kinder sterben. „Ich war neun oder zehn Jahre alt und immer, wenn wir das Grab meines Opas besucht haben, mussten wir auch an Kindergräbern vorbei. Ich fand das damals komisch. Das war sehr surreal für mich.“

Als sie mit ihrem zweiten Sohn Alexander schwanger war, besuchte sie hin und wieder Tobias und als sie vor seinem Grab stand, dachte sie: Wird das zweite Kind hier auch liegen? „Nach der 20. Schwangerschaftswoche und einer weiteren Untersuchung hatte ich Gewissheit: Es wird dort liegen“, erzählt Carina R. Obwohl Alexander nach der Geburt noch zwei Tage lebte, bekam er zu wenig Sauerstoff. Auf Rat der Ärzte wurde er nicht weiter künstlich beatmet und schlief letztlich ein. „Man erklärte uns seine Zustand so, als ob er unter einer Schneelawine begraben ist. Dort ist der Sauerstoff auch sehr reduziert. Irgendwann wird er weniger und man schläft weg“, sagt Carina R. Kindergebrüll ist plötzlich zu hören. An den Garten ihrer Arbeitsstelle grenzt ein Kindergarten, und die Jungen und Mädchen spielen auf dem Hof Fangen.

Selbst wenn Alexanders Atmung stabil geworden wäre, hätte er mindestens für ein Jahr an Schläuchen und Geräten angeschlossen sein müssen, um die Nieren funktionstüchtig zu halten. „Wir wollten alles versuchen. Dass unser Sohn sein Leben leben konnte oder nicht, lag nicht an uns, sondern an Gott und an dem Kind selbst“, sagt Carina R.

Die Ärzte hatten dem Paar damals den Vorschlag gemacht, dass Carina R. bis zur 24. Schwangerschaftswoche einen Abbruch vornehmen lassen kann. Sie entschieden sich gegen den Eingriff. „Der Arzt meinte damals, dass ich körperlich noch in guter Verfassung sei, weshalb wir nach wie vor versuchen sollten, Kinder zu bekommen. Denn statistisch gesehen haben nur 25 Prozent der Kinder diesen Gendefekt und die restlichen 75 Prozent sollten wir noch ausschöpfen. Ich dachte aber nur, dass ich keine Gebärmaschine bin“, erzählt Carina und ergänzt, dass sie ursprünglich vier Kinder wollten. Aber sie und ihr Mann entschieden sich nach dem dritten Todesfall gegen ein weiteres Kind. „Mit welcher Bürde hätte dieses vierte Kind eventuell leben müssen? Das haben wir uns schon häufiger gefragt“, sagt sie.

Auch wenn der Kinderwunsch groß war, hat das Paar die Beziehung nie aus den Augen verloren, obwohl die Todesfälle die Ehe stark belasteten. „Das, was mir passiert ist und auch meinem Mann, hat mich dennoch nicht verbittern lassen. Eher zuversichtlicher gemacht“, sagt Carina R.