Camp und Demo: Reaktionen aus Düren und Merzenich

„Ende Gelände“-Demonstration : Angespannte Nerven und naheliegende Hilfe

In der Merzenicher Soccer-Halle sollte am Samstag ein Kindergeburtstag gefeiert werden. „Das musste abgesagt werden, weil sämtliche Straßen blockiert waren“, sagt Bürgermeister Georg Gelhausen (CDU). Die samstägliche Solidaritätsdemonstration von „Ende Gelände“ hat offenbar unerwartete Opfer gefunden.

Nicht zuletzt durch die Sperrung der A4 wälzte sich am Samstag der komplette Verkehr durch die Gemeinde, zusätzlich zu den vielen Demonstrationsteilnehmern. „Die Akzeptanz der Merzenicher für diese Aktionen tendiert gegen Null. Sicher auch wegen der vielen Belastungen der letzten Wochen und Monate. Es gibt viele Einschränkungen, die von den Bewohnern hingenommen werden mussten“, versucht Gelhausen die Stimmung wiederzugeben.

Bauern beklagen Schäden an Feldern

Mehrere Tausend Braunkohle-Gegner besetzen die Hambach-Bahn

Angespannt ist das Nervenkostüm der Merzenicher aber nicht nur wegen der Demos und Blockaden. Über das Wochenende wurden erneut Häuser in Alt-Morschenich besetzt, die geräumt werden mussten. Und: „Nach der Demonstration beklagen mehrere Bauern Schäden auf ihren Feldern. Ich habe mich schon schriftlich an ‚Ende Gelände‘ gewandt und werde jetzt dabei helfen, die Schäden aufzulisten“, verspricht Gelhausen, der ansonsten feststellt, dass die Demonstration am Samstag friedlich verlaufen ist. Ihn stört etwas anderes: „Ich bin es leid, dass Merzenich zum Austragungsort für die globale Klimadiskussion missbraucht wird.“

„Ich achte schon auf die Umwelt, halte mich aber aus den Protesten raus. Da gibt es andere Baustellen in Deutschland und mich da hinzusetzen wäre nichts für mich“, meint Michele Klinkhammer-Freischem. Die 35-Jährige aus Stockheim hätte die Aktivisten gern mit Schlafmöglichkeiten unterstützt, ihr Angebot kam aber so spontan, dass sich keine Interessenten mehr gemeldet haben. „Als ich erfahren habe, dass da Kinder bei sind, wollte ich helfen. Ich bin selbst alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Das ist doch nur menschlich, denen ein Dach über dem Kopf zu geben.“

Das sieht auch Sibylle Bode aus Düren so. Sie hat sieben Aktivisten zum Übernachten in ihrem Zuhause aufgenommen. „Ich fand, man muss da was machen, aber mit fünf Kindern ist es schwer, selbst aktiv zu werden“, erzählt sie. Die Familie hat bereits an vielen Sonntagsspaziergängen im Hambacher Forst teilgenommen und wollte den gewaltfreien Protest von „Ende Gelände“ unterstützen. „Wir haben viel Platz und genug zu essen, da war es naheliegend, zu helfen.“

Auf ihr Angebot in der Bettenbörse auf der Internetseite von „Ende Gelände“ haben sich dann auch so viele Interessenten gemeldet, dass Sibylle Bode noch einige bei Verwandten und Freunden unterbrachte. Die sieben Gäste, die sie willkommen hieß, seien durchweg sehr freundliche, rücksichtsvolle junge Menschen gewesen, sagt Bode.

Sie stört, dass den Aktivisten oft nachgesagt werde, es seien „Sozialschmarotzer“ und betont deshalb ausdrücklich, dass alle am Montag oder sogar Sonntag schon zurück zur Arbeit mussten. Bode: „Wir haben viel Zeit gemeinsam verbracht, das war super. Das werden wir jetzt öfter machen!“

Paul Larue zu Gast im Protestcamp

Zu Gast im Protestcamp war am Samstag auch Bürgermeister Paul Larue (CDU) – allerdings nicht zur inhaltlichen Diskussion. Gemeinsam mit Vertretern von Polizei, Feuerwehr und Ordnungsamt wurde vielmehr überprüft, ob die entsprechenden baurechtlichen Anforderungen und der Brandschutz eingehalten wurden. Larue: „Mein Eindruck war, dass vor Ort alles sehr friedlich und wohl organisiert war.“

Am Sonntag wurde Larue regelmäßig über die Leitstelle der Polizei auf dem Laufenden gehalten, immerhin musste ein großer Teil der Campteilnehmer wieder durch die Stadt zum Bahnhof, um den Sonderzug zu erreichen. Dass Larue die Ziele von „Ende Gelände“ nicht teilt, dürfte klar sein. „Wir werden die Braunkohle als Energieträger auch noch in Zukunft brauchen. Ich sehe derzeit nicht, wie wir diese Lücke schnell geschlossen bekommen könnten. Auch der Strukturwandel wird Jahrzehnte dauern, wenn man das Ziel erreichen will, den Menschen adäquate Arbeitsplätze anzubieten.“

(bugi/wel)