Nideggen: „Bühne unter Sternen“: Jamie Cullum auf Burg Nideggen

Nideggen: „Bühne unter Sternen“: Jamie Cullum auf Burg Nideggen

Der englische Musiker und Sänger Jamie Cullum liebt die Herausforderung. An aufeinanderfolgenden Konzertabenden gibt es von ihm nie dasselbe Programm zu hören. Und wenn ihn die Lust packt, krempelt der bald 40-Jährige mit der jungenhaften Aura auch schon mal mitten im Konzert seine Songauswahl um. Warum?

Weil er kann, was sich viele nicht trauen, den Moment huldigen. Die freiheitliche Musikauffassung des Jazz besitzt in seiner Spielweise unbedingten Unterhaltungswert. Mit Anspruch und Qualitätsbewusstsein. Warum er große Posen trotzdem nicht mag und Fan geblieben ist, erzählt er im Interview mit Michael Loesl.

Mr. Cullum, Sie moderieren eine Musiksendung bei der BBC, leiten Bands unterschiedlicher Größen, Sie haben sich als Sänger und ausgewiesener Charakterkopf am Piano profiliert. Bilden Ihre vielen Interessen ein großes Kontinuum?

Jamie Cullum: Ja, zumindest federt diese Sichtweise ein wenig die Verwirrung ab, die meine vielfältigen Interessen bereiten können, denn ich bin die Person, die alles miteinander verbindet. Ohne mein bewusstes Zutun, wurde meine Radiosendung in den letzten Jahren eine Art Impulsgeber für mich. Wenn man im Radio arbeitet und Interviews führt, wird man zwangsläufig zum Zuhörer. Damit fing meine Musikleidenschaft vor vielen Jahren an, mit dem Zuhören. Ich war Plattensammler bevor ich Musiker wurde und redete beinahe ausschließlich über Musik. Mein Radio-Job erinnert mich ständig daran, warum ich Musik spiele.

Inzwischen haben Sie längst gelernt, mit dem Piano und als Sänger von Ihrer Faszination zu erzählen.

Cullum: Und alles kulminiert in meinen Konzerten. So aufregend es auch ist, eine Platte aufzunehmen und Zuhörer übers Radio für bestimmte Arten von Musik begeistern zu können, lässt nichts meine Synapsen mehr schwingen als der Moment, in dem du spontan sein musst. Die Möglichkeit, zuhören zu können, ist beinahe das Wichtigste auf der Bühne.

Ist nicht jeder Musiker letztlich ein Zuhörer?

Cullum: Man sollte es meinen, aber Sie glauben gar nicht, wie oft das nicht der Fall ist. Inzwischen spielen endlos viele Bands zu Tracks, die ihnen Metren direkt ins Ohr spielen, damit sie im Takt bleiben. Dadurch ist die Kunst, einander auf der Bühne zuhören zu können, ein wenig verloren gegangen. Damit beraubt man sich leider auch der Möglichkeiten, spontan sein zu können. Ich wähle meine Bandmitglieder auch nach ihren Möglichkeiten aus, als Kollektiv improvisieren zu können. Und dazu braucht jeder ein gutes Gehör.

Wie groß ist die Plattensammlung des Musikbesessenen Jamie Cullum?

Cullum: Die Frage ist beinahe irrelevant heutzutage, denn auch ich bin Abonnent von Musikstreaming-Diensten. Auf der anderen Seite findet man dort eben bei weitem auch nicht alles, was man gerne hören mag. Meine Plattensammlung, im traditionellen Sinne, ist, sagen wir mal, riesig. Jede Wand meines Studios ist vom Boden bis zur Decke mit Regalen ausstaffiert, die mit Vinylplatten und CDs gefüllt sind.

Ihr letztes Album erschien vor drei Jahren. Die Intervalle werden länger.

Cullum: So scheint es, aber ich nehme Platten nur auf, wenn ich das Bedürfnis danach verspüre, nicht, weil es Zeit ist, ein neues Album herausbringen zu müssen. Dafür ist mir die Musik viel zu wichtig. Mein Plattenlabel weiß, dass meine Musik nur erfolgreich sein kann, wenn ich sie fühlen kann, wenn genügend Leben drinsteckt. Deswegen lässt man mich nach meiner inneren Uhr gewähren.

Denken Sie darüber nach, in welches soziale und politische Gefüge Sie jeweils eine neue Platte platzieren?

Cullum: Es ist mir bewusst, dass sich die politische und gesellschaftliche Großwetterlage seit meinem Major-Debüt ‚Twentysomething‘ enorm verändert hat. Ich lese jeden Tag Zeitung, informiere mich ständig über das Weltgeschehen. Aber es ist schwer zu sagen, ob meine Musik davon geformt wird. Hier und da fließen sicher Kommentare zum Zeitgeschehen in meine Texte ein. Als Mensch bin ich zwangsläufig politisch, als Musiker möchte ich allerdings nicht alle fünf Minuten darauf reagieren müssen, was in Washington, London oder Brüssel entschieden wird. Das können Journalisten viel besser als ich.

Aber einem wachsamen, intuitiven Charakter wie Ihnen muss doch angesichts starrsinniger Parolen regelmäßig der Kragen platzen.

Cullum: Ich bin kein wütender Mensch und es braucht eine Menge, bevor mir der Kragen platzt. Sie liegen natürlich vollkommen richtig mit Ihrer Annahme, dass mir Statik unheimlich ist. Noch unheimlicher ist mir rückwärtsgewandtes Denken und Handeln. Dennoch weigere ich mich, in meinen Texten explizit politisch zu werden. Warum auch? Musik ist in der Hinsicht viel effektiver als jedes Wort. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass Musik sich in ihrer sentimentalen Vielfalt an die Leine legen lässt? Es ist schon eine Menge erreicht, wenn Musik fühlen lässt.

Haben Sie schon Konzerte erlebt, in denen Sie sich schwertaten, Ihr Publikum fühlen zu lassen?

Cullum: Glücklicherweise passiert das selten. Es ist mir wichtig, in einen Dialog zu treten. Allerdings muss man als Bühnenakteur ein feines Gefühl dafür entwickeln. Man darf nicht dem Irrtum erliegen, dass Menschen nicht zuhören, wenn sie nicht lautstark reagieren. In einigen Ländern drehen die Leute nicht per se durch, wenn man die Bühne beschreitet. Das bedeutet aber keineswegs, dass sie weniger leidenschaftlich bei der Sache sind. Was man bei mir nicht erleben wird, ist Publikumsanimation. Das finde ich respektlos. Dann versuche ich doch eher, das Publikum musikalisch zu überzeugen.

Bei welchem Bühnen-Animationsklischee stehen Ihre Nackenhaare zu Berge?

Cullum: Mein Favorit ist klar „Gefällt‘s euch? Habt ihr eine gute Zeit?“. Und zwar in der halbgeröchelten, halbgebrüllten Variante, die alle zehn Minuten wiederholt wird und so klingt, als ob der Animateur an Verstopfung leide. Ich meine, wenn dem Zuhörer die Musik gegen den Zeiger ginge, hätte er die Halle ja längst verlassen, oder? Wenn ich diese Animationsroutine höre, frage ich mich manchmal, ob manche Menschen wohl ein paar Stufen der Evolution verschlafen haben.

Sie agieren sowohl auf Ihren Platten wie auch auf der Bühne überaus nuancen- und detailverliebt. Braucht man für diesen Feinsinn überschaubare Band-Größen?

Cullum: Nein, eigentlich nicht. Alles steht und fällt mit den Musikercharakteren, die man um sich versammelt. Mit meiner größeren Band kann ich deutlich mehr Farben ins Spiel bringen. Meine fünfköpfige Band, mit der ich zur Burg Nideggen kommen werde, kann hingegen viel flexibler auf mein jeden Abend neu gestaltetes Programm reagieren. Ich kann Ihnen allerdings nicht sagen, was wir spielen werden. Nur, dass wir für unsere Musik brennen.

Zur Person

Jamie Cullum ist am 20. August 1979 in Essex geboren. Den Bezug zur Musik fand er schon sehr früh. Sein israelischer Vater und seine Mutter, die aus Burma stammt, spielten in der Band „The Impacts“. Dort sammelte Jamie Cullum bereits als Kleinkind erste Erfahrungen am Klavier, später hatte er Gitarren- und Gesangsunterricht. Als Jugendlicher hatte er Auftritte in Bars und Clubs. Damit finanzierte er sein Studium.

Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in London.