Düren: Boxer kämpft in der Rurtalhalle um den Weltmeistertitel

Düren : Boxer kämpft in der Rurtalhalle um den Weltmeistertitel

Wenn Baktash Saidi am Samstagabend in den Ring steigt, wird ihm wohl keinerlei Nervosität anzumerken sein. Und das, obwohl es um den Weltmeistertitel im Verband AFSO geht, einem der weltweit wichtigeren. Denn der K-1- und Thaiboxer ist kampferprobt, wartet mit einer starken Bilanz von 105 Kämpfen (102 Siege/3 Niederlagen) auf.

K-1 ist eine eigene Kampfsportart, die Techniken aus dem Boxen, Karate, Muay Thai, Taekwondo, Kickboxen, Savate und vielen anderen Kampfsportarten kombiniert. 35 Kämpfe entschied der 30-Jährige gar durch Knockout — etwas mehr als ein Drittel also, entsprechend gefürchtet ist die rechte Klebe des Normalauslegers bei seinen Gegnern.

Flucht aus Afghanistan

Doch Baktash Saidis Geschichte beginnt natürlich nicht erst mit dem Moment, in dem er erstmals in den Ring steigt oder im Training erstmals die Boxhandschuhe überstreift. Baktash Saidi wird am 25. Juni 1988 in der afghanischen Hauptstadt Kabul geboren. 1992 flüchtet er mit seiner Familie aus dem Land, weil ein Leben im Kriegsgebiet zu gefährlich ist.

Die Familie Saidi verschlägt es ins beschauliche und friedliche Nideggen-Brück. Für Baktash Saidi ein Glücksfall, wie er unumwunden zugibt: „Ich denke gerne an die Zeit in Brück zurück, weil ich die Natur in all ihrer Vielfalt liebe. Im Wald rund um Brück habe ich viele, viele Stunden meiner Kindheit verbracht. Ich habe dort mit Freunden gespielt oder auch einfach nur Spaziergänge gemacht.“

Er geht auf die Gemeinschaftsgrundschule Nideggen, lernt fleißig die deutsche Sprache. „Es gab keine Alternative. In Brück kannst du dich nur mit Deutsch verständigen“, erklärt er lachend. „In diesem Dorf waren wir die einzigen Ausländer. Alle anderen lebten schon ihr ganzes Leben dort.“

Die Motivation, Deutsch zu lernen, ergibt sich von ganz allein: „Es hat mich wahnsinnig geärgert, dass ich links und rechts nichts verstand. Und weil ich ein so ehrgeiziger und wissbegieriger Mensch bin, habe ich die deutsche Sprache innerhalb von drei, vier Monaten erlernt. Ich war wie ein Schwamm, habe jedes Wort aufgesogen, in kürzester Zeit Deutsch gelernt und perfektioniert.“

Familie Saidi findet sich generell in der Dorfgemeinschaft ein. Schnell findet Baktash Freunde. Sport begeistert ihn schon damals. Er beginnt seine Sportlerlaufbahn im Fußball, kickt für die damalige FG (heute SC) Mausauel-Nideggen. Im Fußball will er nicht nur am Ball den Takt vorgeben. Er wird Schiedsrichter. „Da war ich auch sehr aktiv und erfolgreich“, meint Saidi, der Spiele auf Verbandsebene leitete. Parallel probiert er ab seinem sechsten Lebensjahr Ju-Jutsu beim TC Kreuzau aus, entwickelt unter der Führung von Helmut Titz eine Leidenschaft für den Sport.

Vom Ju-Jutsu fand Baktash Saidi „irgendwie den Übergang zum Kick- und Thaiboxen“. Ein Freund habe ihm von einem neuen Kickbox-Studio berichtet, das in Lendersdorf eröffnet hatte: „Er sagte: ‚Das könnte dir Spaß machen, du bist ja eh ein kleiner Flipper‘. Ich habe es ausprobiert und gleich beim ersten Training einen Kick ins Gesicht bekommen, der mich zwar von den Beinen geholt hat — aber irgendwie auch fasziniert. Von diesem Moment an wollte ich diesen Sport erlernen.“

Und Saidi startete durch: „Ich bin sehr früh zur deutschen Nationalmannschaft gekommen. Eine sehr schöne und blitzartige Karriere.“ Der „afghanische Tiger“, wie sich Baktash Saidi im Ring nennt, ist geboren.

Einer der besten

Auch die private Laufbahn kann sich sehen lassen. Nach der Schule absolviert Saidi seine Ausbildung zum IT-Systemkaufmann bei einem großen Telekommunikationsanbieter, die er bundesweit als einer der besten seines Jahrgangs abschließt. Der Lohn: eine Festanstellung. Doch Saidi tauscht nach sechs Jahren den Schreibtisch gegen den Boxring, verdient seine Brötchen mit dem Sport. Seine heutige Frau Tijana lernt er über „seinen“ Sport kennen, weil ihr Vater einen Gegner von Saidi coacht.

Sie heiraten, und die Geburt ihres Sohnes Rayan, der heute sechs Jahre alt ist, lässt das private Glück weiter wachsen. Sportliches Glück kennt Saidi schon. Doch er will mehr. Nach dem Weltmeistertitel, den er sich Samstagabend angeln will, soll der nächste Schritt im Profi-Boxen folgen. Bislang hat er drei Kämpfe absolviert — alle drei durch K.o. gewonnen.

Mehr von Aachener Zeitung