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Bilanz: Ein Jahr Jungenklassen an der St.-Angela-Mädchenschule Düren

Ein Jahr Jungenklassen an der Angela-Schule : Gemeinsam, aber irgendwie auch getrennt

Nach fast 350 Jahren Schulgeschichte werden seit einem Jahr an der Dürener St.-Angela-Schule auch Jungen unterrichtet. Bis dahin war es eine reine Mädchenschule. Lehrer und Schüler ziehen Bilanz und erklären, wie die neue Regelung funktioniert und ob die Jungen sich in der Schulgemeinschaft integriert haben.

Es war durchaus ein Meilenstein in der fast 350-jährigen Schulgeschichte: Seit dem Schuljahr 2018/19 ist die Dürener St.-Angela-Schule nicht nur in Trägerschaft des Bistums Aachen und trägt deswegen den Namen „Bischöfliche St.-Angela-Schule“. Vielmehr werden seit rund einem Jahr an der bis dahin reinen Mädchenschule auch Jungen unterrichtet.

Mittlerweile gibt es vier reine Jungenklassen mit 120 Schülern. Insgesamt haben Gymnasium und Realschule der Angela-Schule 1200 Schüler. Aber wie funktioniert die neue Regelung? Wie haben die Jungen sich in die Schulgemeinschaft integriert? Und wie ist es für die Lehrer, plötzlich nicht mehr nur Mädchen zu unterrichten?

„Die Angela-Schule“, sagt Olaf Windeln, seit einem Jahr Schulleiter und zuvor schon Mitglied im Verwaltungsrat der St.-Angela-Schulgesellschaft, „ist im Jahr 1681 von der Ordensgemeinschaft der Ursulinen gegründet worden, weil Mädchen damals gegenüber Jungen sehr stark benachteiligt waren. Für sie gab es so gut wie keine Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen.“ Mittlerweile, ergänzt Windeln, seien Jungen auf dem besten Weg in Sachen Schul- und Ausbildung benachteiligt zu werden. Windeln: „Immer weniger Jungen machen Abitur und studieren. Außerdem haben Mädchen heute im Schnitt eine bessere Abiturnote. Das war vor fünf Jahren noch ganz anders. Für unsere Schule war das Anlass, auch Jungen aufzunehmen.“

Dabei war sofort klar: Die Tradition einer Mädchenschule sollte nicht völlig aufgeweicht werden. Will heißen: Nur ein Drittel aller Angela-Schüler sollen männlich sein. Bis zur zehnten Klassen findet der Unterricht nach Geschlechtern getrennt statt. „Jungen lernen anders“, sagt Windeln.

„Sie tun sich beispielsweise mit Sprachen viel schwerer als Mädchen. Die sind dafür im co-edukativen Unterricht gerade in den naturwissenschaftlichen Fächern viel zurückhaltender. Es gibt Untersuchungen, nach denen fast alle Studentinnen der Fächer Chemie, Biologie und Physik Absolventinnen von Mädchenschulen sind. Dem wollen wir Rechnung tragen.“ Darüber hinaus, ergänzt Windeln, habe es immer Anfragen von Eltern gegeben, die ihre Söhne an der Angela-Schule anmelden wollten.

Mädchen- und Jungenklassen

Claudia Oldiges ist seit 17 Jahren Lehrerin an der Angela-Schule und unterrichtet Deutsch und Religion am Gymnasium – in Mädchen- und Jungenklassen. „Das macht großen Spaß“, sagt die Pädagogin. „Der Unterricht in einer Jungenklasse ist sehr erfrischend.“ Oldiges erklärt gleich, wie sie das meint. Jungen spiegelten sofort wider, ob ihnen der Unterricht gefalle oder nicht. „Man bekommt direkt eine Rückmeldung. Außerdem sind Jungen sehr an Spezialthemen interessiert.“

Grundsätzlich ergänzt Oldiges, könne man in geschlechter-getrennten Klassen deutlich besser auf die jeweiligen Bedürfnisse von Jungen und Mädchen eingehen. Verschiedene Lehrpläne für Mädchen und Jungen gibt es indes nicht. Olidges: „Jungen haben aber einen größeren Bewegungsdrang. Das berücksichtigen wir mit kleinen Bewegungseinheiten während des Unterrichts.“

Oldiges’ Kollege Boris Thelen, seit 2009 Deutsch- und Englischlehrer an der Angela-Schule, nennt noch ein anderes Argument für Mono-Edukation. „Jungen, die kurz vor oder in der Pubertät sind, tun sich häufig schwer, im Beisein von Mädchen etwas Persönliches über sich zu erzählen. Und viele Mädchen finden es durchaus angenehm, im Unterricht ohne Beobachtung des andere Geschlechtes agieren zu können.“

Auch Vanessa Voßhage, Oberstufenschülerin an St. Angela, ist eine Verfechterin von Mono-Edukation. Gleichzeitig nennt sie es „einen großen Fortschritt für die Schule“, dass dort jetzt auch Jungen unterrichtet werden. „Das Schulleben ist generell viel aufgelockerter“, sagt die 16-Jährige. „Die Stimmung ist sehr lustig und angenehm. Vorher war es auch schön, aber jetzt mit den Fußball spielenden Jungen, die einen mit ihren riesigen Rucksäcken umrennen, ist es anders schön.“

Vanessa Voßhage, Olaf Windeln, Claudia Oldiges und Boris Thelen (von links) blicken zurück auf ein Jahr Unterricht für Jungs an der Angela-Schule. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Trotzdem will auch die Abiturientin die Mono-Edukation nicht missen. „Ich habe als einen meiner Leistungskurse Chemie gewählt, der Unterricht dieses Kooperationskurses findet am Stiftischen Gymnasium statt. Wir sind zwei Mädchen und fünf Jungen in dem Kurs, und ich bin überzeugt, dass ich mich deswegen dort so gut behaupten kann, weil ich vorher in reinen Mädchenklassen war.“ Dort sei Konkurrenzkampf nie wirklich ein Thema gewesen, „Heute weiß ich, was ich kann, und ziehe mein Ding einfach sehr selbstbewusst durch.“

Trotz aller Mono-Edukation ist es Schulleiter Windeln wichtig, dass Schülerinnen und Schüler seiner Schule zu einer echten Gemeinschaft werden. Windeln: „Unser Motto ist ‚Getrennt lernen, gemeinsam leben’. Und das setzen wir auch um.“ Auf dem Schulhof und in den verschiedenen Arbeitsgemeinschaften werden Jungen und Mädchen gemeinsam betreut. Boris Thelen: „Das gelingt auch ohne Probleme. So können die Kinder an dieser Schule in bestimmten Grenzen gemeinsames und getrenntes Lernen erfahren.“

Bei den Eltern scheint das besondere Konzept gut anzukommen. „Für die Realschule“, erklärt Windeln, „hatten wir in diesem Jahr deutlich mehr Anmeldungen für die Jungenklasse als 2018. Aber es bleibt dabei: Das Verhältnis Mädchen zu Jungen soll immer zwei Drittel zu einem Drittel sein.“