Vossenack: Begegnung und Gedenken über den Gräbern

Vossenack: Begegnung und Gedenken über den Gräbern

Kurz nach der Ankunft im Ziel war Max Powilleit noch richtig außer Atem. Den schweren Rucksack noch immer über die Schultern geschnallt, die Stiefel dreckig, griff er zum Verpflegungstisch. Wasser. Und noch einmal Wasser.

Der Reservist aus Nideggen hatte so eben die 20 Kilometerstrecke beim 27. Internationalen Hürtgenwaldmarsch hinter sich gebracht. „Ich war nun zum vierten Mal dabei. Da ist einfach riesig hier”, freute sich Powilleit trotz Erschöpfung. „Die Strecke ist so geschickt geführt, dass man tolle Aussichtspunkte hat.”

Heute ist die Aussicht in den Wäldern der Gemeinde Hürtgenwald schön. Vor rund 65 Jahren sah das anders aus. Etwa 68.000 Menschen fanden auf beiden Seiten der Front gegen Ende des Zweiten Weltkrieges den Tod, die Landschaft war verwüstet.

Und so ist der Hürtgenwaldmarsch nicht nur eine sportliche Leistungsveranstaltung. Es geht um eine Versöhnung über den Gräbern, um Völkerverständigung. Die Grundsteine dafür, dass so etwas, wie es der Hürtgenwald im Jahre 1944 erlebte, nie wieder geschieht.

Organisiert wird der Marsch von der Reservistenkameradschaft Hürtgenwald in Zusammenarbeit mit dem Landeskommando NRW der Deutschen Bundeswehr. „Der Hürtgenwaldmarsch ist vor allem Erinnerung”, erklärt Heinz-Uwe Adrian, Vorsitzender der RK Hürtgenwald. Mit einem Gedenkgottesdienst und einer Kranzniederlegung hatte die Veranstaltung begonnen, am Samstag ging es dann auf die verschiedenen Strecken.

Zehn, 20, 30 oder 40 Kilometer konnten zivile und uniformierte Marschierer bewältigen oder den Leistungsmarsch mit 15 Kilogramm Gepäck über sechs, neun oder zwölf Kilometer wählen. „Es ist in der heutigen Zeit so, dass Soldaten kürzere Strecken mit viel und schwerem Gepäck bewältigen müssen”, betont Major Michael Dorn mit Blick auf die kürzeren Strecken.

Rund 400 Teilnehmer machten sich bei strahlendem Sonnenschein auf die Strecken quer durch den Hürtgenwald. Aus Deutschland, Belgien, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden kamen die Marschierer. Auch eine Gruppe aus Polen war angereist, um durch den Hürtgenwald zu ziehen.

Warum der Hürtgenwaldmarsch so beliebt ist? „Die Strecke hier ist eine Herausforderung. Und zusammen mit der Historie ist sie einzigartig”, gibt Max Powilleit eine Erklärung. Das sieht auch kurhessische Marschgruppe so. Seit 2003 nehmen die Männer aus Kassel, Göttingen und Umgebung am Hürtgenwaldmarschteil. Otto Baumann, Oberstleutnant der Reserve, nennt drei Faktoren, die ihn und seine Gruppe immer wieder in den Hürtgenwald ziehen: „Wir sind hier zum Gedenken, zur körperlichen Ertüchtigung und zur Begegnung mit anderen Nationen.” Echte Freundschaften hätten sich bereits entwickelt. Zum Hürtgenwaldmarsch will die Gruppe - die in diesem Jahr 23 Mann stark war - auch in den nächsten Jahren kommen.

Eine Premiere erlebte hingegen Jürgen Bergmann, stellvertretender Kommandeur des Landeskommandos NRW. „Ich bin zum ersten Mal beim Hürtgenwaldmarsch und habe einen sehr guten Eindruck. Das ist eine so bedeutende Veranstaltung, bei der man sich sportlich betätigt, aber auch nachfühlen kann, was hier vor Jahren passiert ist.” Genau das ist es, was Heinz-Uwe Adrian und seinen Mitstreitern von der Reservistenkameradschaft Hürtgenwald so am Herzen liegt und, was sie nun schon im 27. Jahr erreichen.

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