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Gerichtsverhandlung am Landgericht Aachen: Baby aus Verzweiflung geschüttelt

Gerichtsverhandlung am Landgericht Aachen : Baby aus Verzweiflung geschüttelt

„Ich wollte ihn retten“, sagte der Angeklagte im letzten Wort – und wurde vom Vorwurf der Misshandlung freigesprochen. Vor der 8. Großen Strafkammer wurde am Aachener Landgericht verhandelt.

In einem bewegenden „letzten Wort“ vor der Urteilsverkündung hatte der wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen angeklagte Gökhan Y. (36) aus Düren vor der 8. Großen Strafkammer am Aachener Landgericht erneut beteuert, er habe seinen erst drei Monate alten Sohn doch vor dem Ersticken retten wollen – und nur deswegen habe er das Baby so fest geschüttelt, dass es letztlich Schäden davontrug.

Später sei auch ihm klar geworden, sagte der Angeklagte unter Tränen, dass er das Kind zu fest geschüttelt habe, doch es sei aus Panik geschehen. „Ich liebe doch meinen Jungen“, hatte er unter Tränen ausgerufen. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Hans Günter Görgen war auf seiner Seite, denn die Beweisaufnahme hatte ergeben, dass die Hauptargumente den Angeklagten eindeutig entlasten.

So sprach die Kammer den 36-Jährigen, der seit sieben Monaten in U-Haft sitzt, davon frei, bewusst und vorsätzlich sein Kind an jenem Abend des 28. September 2019 verletzt zu haben, indem er sein Gehirn durch ein Schütteltrauma schädigte. Dass er das tat, ist unbestritten. Auch Gökhan Y. hatte berichtet, er habe seinen Sohn so fest geschüttelt, weil das Kind blau angelaufen im Bettchen lag und keine Luft mehr bekam, es hatte sich offensichtlich an Nahrungsresten verschluckt und drohte zu ersticken.

„Das ist sicherlich ein sehr tragischer Fall“, begann der Vorsitzende Richter Hans Günter Görgen die Entscheidung der Strafkammer zu erläutern. Man wolle und könne hier nicht darüber richten, ob es richtig gewesen sei, dem Säugling an jenem Abend, als die Mutter zum ersten Mal nach der Geburt aus dem Haus war, ein Fläschchen im Bett liegend zu geben und dann ins Wohnzimmer zu gehen. Doch das habe man wohl des Öfteren so gemacht, stellte der Vorsitzende fest.

Gleichzeitig hatte der Vater für sich und die ältere Tochter Pizza bestellt, und man wollte gerade essen, als das Drama begann. „Ich habe ihn hochgenommen und geschüttelt, ich wusste es nicht besser“, hatte Y. berichtet. Dann legte er das Kind auf die Couch im Wohnzimmer, klopfte ihm noch mehrfach auf den Rücken und versuchte, die Milchreste aus dem Mundinnenraum zu entfernen.

„Das ist ihm ja auch gelungen“, stellte Görgen fest, der nochmals beschrieb, wie in dem Notruf am Telefon zu hören war, wie das Kind sich wieder erholte und atmete, zwar rasselnd, aber es bekam wieder Luft. Auch der Notarzt hatte beim Abtransport nochmals Nahrungsreste aus dem Rachen des Kindes entfernt, bevor es abtransportiert wurde.

Erst als das Baby im Krankenhaus untersucht wurde und später nach Köln in die Uniklinik kam, wurde offenbar, dass im Kopf des Kindes Blutungen zu finden waren, zwei Tage später wurde die Kölner Rechtsmedizin hinzugezogen, der Verdacht der Misshandlung des Kindes kam auf. „Wir konnten allerdings kein Indiz dafür finden, dass der Vater dem Kind vorsätzlich Schaden zufügen wollte“, war die Quintessenz des Urteilstenors am Mittwochmittag.

Die inzwischen getrennt lebende Mutter war an den meisten Prozesstagen zugegen, begleitete oftmals unter Tränen den Prozess, hatte zu Beginn berichtet, dass es dem Jungen besser gehe, er jedoch eine Blindheit auf einem Auge davongetragen habe. Doch auch der Nebenklagevertreter, der als Anwalt des Kindes fungiert, stellte keinen Antrag auf Verurteilung wegen Kindesmisshandlung.

Trotzdem: Gökhan Y. wurde zu einer sechsmonatigen Freiheitsstrafe verurteilt, weil er im Nachgang zu den schrecklichen Ereignissen vom 28. September über die sozialen Medien sowohl die Mutter und Lebensgefährtin wie auch den Kinderarzt des Jungen massiv bedrohte, die Drohungen überschritten jedwede Toleranzgrenze. Obwohl Y. ausgelöst durch die Vorfälle in der Dürener Landesklinik behandelt wurde, musste er sich wegen Beleidigung und Bedrohung verantworten. Das Ergebnis von sechs Monaten Haft wird allerdings durch seine Zeit in der U-Haft kompensiert.