Morschenich: Ausverkauf: Ein Dorf macht sich bereit

Morschenich: Ausverkauf: Ein Dorf macht sich bereit

Ein Briefkastenschlitz ist schon zugeklebt, in einem Gewächshaus hängen die vertrockneten Reste von Pflanzen an den Hölzern, es gibt erste Häuser, in denen die Jalousien nicht mehr hochgezogen werden. Die Umsiedlung hat begonnen, das ist in Morschenich spürbar. Wenn auch zunächst nur ein bisschen.

Noch sind erst wenige Häuser im neuen Dorf bewohnt. Aber mit jedem Haus, dass in Morschenich-Neu gebaut wird, verliert der alte Ort an Leben. Die Morschenicher sind bereit für den Aufbruch. Sie müssen es sein.

„Bestimmt zehn Jahre lang, bin ich immer ein bisschen traurig geworden, wenn ich in meinem Garten gesessen habe“, beschreibt Inga Dohmes. Schließlich sei klar gewesen, dass der Tag des Abschieds kommt. „Aber jetzt freue ich mich auf das Neue“, sagt sie, und ihre Freundin Anke Jansen ergänzt: „Es nützt ja auch nix. Jetzt wird neu angefangen.“

Eine Umsiedlung, das wird im Gespräch mit einer Gruppe Morschenicher deutlich, verläuft in Phasen. Nicht nur organisatorisch. auch emotional. Die Stimmung schwankt zwischen Trauer und Vorfreude, zwischen Abschiedsschmerz und Euphorie für den Neuanfang. „Vor allem für die älteren Menschen ist die Situation sehr schwer“, weiß Bernd Servos. Manche wüssten noch nicht, wo sie hinziehen sollen. Ein Neubau komme für sie nicht mehr in Frage. Die Phase der Freude auf den Neuanfang fehle diesen Umsiedlern, es bleibe die Depression.

„Leicht ist die Situation aber auch für junge Menschen nicht“, beschreibt Anke Jansen. „Meine Kinder wissen, dass sie ihren Kindern niemals zeigen können, wo sie aufgewachsen sind. Hier ist irgendwann nur noch ein Loch. Zu diesem Ort der Familiengeschichte zurückkommen geht dann nicht mehr.“

Über all die traurigen Seiten der Umsiedlung haben die Morschenicher schon viel gesprochen. Aber jetzt ist das Bauen neues Dauerthema. Wann fängst Du an? Welche Fliesen nehmt ihr? Wann zieht ihr ein? Alle sind in einer ähnlichen Situation. „Das verbindet auch. Es gibt einen guten Zusammenhalt im Ort“, sagt Trudemie Servos. Vielen Morschenichern kann es jetzt nicht mehr schnell genug gehen, auch wenn ihnen vor dem Moment der Schlüsselübergabe graut.

In einem Geisterdorf leben möchten die meisten nicht. Und es dauere nicht lange, bis man einem Haus ansieht, dass es unbewohnt ist. Das Unkraut wird nicht mehr gezupft, das Gras nicht mehr gemäht. „Irgendwann kommen die Ratten“, schildert Anke Jansen.

Den Verfall nicht mit ansehen

Mit dem Verfall vertrauter Häuser, mit dem Aussterben des Dorfes, gehen die Morschenicher sehr unterschiedlich um. „Ich will mir das nicht anschauen“, sagt etwa Inga Dohmes. Bernd Servos hingegen sieht hin, dokumentiert alles mit dem Fotoapparat. Das hat er schon mit dem Hambacher Forst so gemacht. Es gibt viele Strategien, den Verlust der Heimat zu verarbeiten.

„Als wir aus Etzweiler umgesiedelt sind, bin ich kurz vor dem Abriss noch einmal zurück in mein Elternhaus gegangen. Das hätte ich nicht tun sollen. Danach war ich sehr lange traurig“, sagt Berthold Servos (68). Ihn hat es der Liebe wegen wieder in einen Ort gezogen, der nicht für immer seine Heimat sein konnte. „Wir wussten schon als Kinder, dass wir hier nicht für immer wohnen können. Aber dann ging es plötzlich doch sehr schnell“, sagt seine Frau Trudemie. Aber weil Heimat eben Heimat ist, haben sich auch vor 20 Jahren noch mehrere Paare entschlossen, in Morschenich zu bauen.

„Ab jetzt gibt jetzt immer wieder ein letztes Mal“, beschreibt Anke Jansen. Der Abschied verläuft in Etappen. Die letzte Silvesterparty im alten Haus liegt ebenso schon eine Weile zurück wie der letzte Waldspaziergang. Das letzte Schützenfest wird vermutlich im nächsten Jahr gefeiert. Und am 16. August steht der vierte und wohl auch letzte große Dorftrödel an (siehe Infokasten).

„Wenn der Trödel vorbei ist, dann kommt direkt der erste Container“, beschreibt Ingrid Welsch. Sie hat schon begonnen, die Sachen für den Trödel auszusuchen. Immer wieder kommen beim Sortieren Familienerbstücke und damit Erinnerungen zum Vorschein. Und während alte Spielsachen, Küchenutensilien und Co. auf dem Trödelstapel landen, werden diese Dinge aufbewahrt. Als Andenken an die alte Heimat, an einen verschwindenden Ort, kommen sie mit in das neue Haus in dem wachsenden Dorf.