Weihnachtskistenaktionen der Tafeln in Düren und Jülich: Aus Scham wird Selbstverständlichkeit

Weihnachtskistenaktionen der Tafeln in Düren und Jülich : Aus Scham wird Selbstverständlichkeit

Die Weihnachtskistenaktion der Tafeln in Düren und Jülich sind für viele bedürftige Menschen eine wichtige Initiative. Sie versorgen rund 4000 Menschen mit Lebensmitteln. Aber wie fühlen sich Kunden der Tafeln dabei?

Marianne Breuer (Name von der Redaktion geändert) hält einen kleinen roten Weihnachtsstern in der Hand. 2,99 Euro steht auf dem Preisschild. „Für das Geld kann ich mir ein großes Brot kaufen“, sagt die 59-Jährige. „Wenn ich den Weihnachtsstern bezahlen müsste, würde ich darauf verzichten.“

Marianne Breuer ist eine von rund 4000 Menschen in Jülich und Düren, die regelmäßig Lebensmittel von den dortigen Tafeln bekommen. Seit zehn Jahren ist sie schon Tafel-Kundin. „Mein Mann ist seit zwölf Jahren schwer krank und kann nicht mehr arbeiten. Irgendwann hat er kein Krankengeld mehr bekommen, und wir sind schnell in Hartz IV gerutscht, obwohl ich selbst halbtags gearbeitet habe.“

Irgendwann ist Breuer dann zum ersten Mal zur Tafel gegangen. „Damals gab es noch keinen festen Laden in Düren“, erzählt sie. „Die Tafel-Mitarbeiter sind mit einem kleinen Bus rumgefahren, dort konnte man sich die Sachen abholen.“ An ihr erstes Mal bei der Tafel kann Breuer sich noch gut erinnern. „Es waren schon einige Leute da, als ich ankam. Und es sind auch nach mir noch viele gekommen. Aber ich habe alle vorgelassen. Ich wollte genau sehen, wie das da abläuft.“

Marianne Breuer spricht von Scham, davon, dass es ihr anfangs unangenehm war, zur Tafel zu gehen. Auch dann noch, als es schon längst den Tafel-Laden in der Rurstadt gab und sie dort anfangs mit den anderen Bedürftigen in einer langen Schlange vor dem Geschäft stehen musste. „Richtig wohl habe ich mich damit nicht gefühlt“, sagt sie. „Es ist schwer, dieses Gefühl zu erklären. Auf der anderen Seite gibt es aber ja auch keine Alternative. Ohne die Unterstützung der Tafel wüsste ich nicht, wie wir über die Runden kommen. Sonst hat uns niemand seine Hilfe angeboten.“

Mit den anderen Tafelkunden, ergänzt Breuer, verstehe sie sich gut. „Natürlich sind manche freundlicher als andere. Und es gibt Leute, die immer etwas zu meckern haben. Aber das gibt es genau so an jeder Supermarktkasse auch.“

1,50 Euro für eine Kiste

Für die Lebensmittelkiste, die Marianne Breuer für sich und ihren Mann jede Woche bekommt, zahlt sie 1,50 Euro. „Natürlich gibt es nicht immer alles bei der Tafel“, sagt sie. „Und manche Sachen muss ich auch noch im Supermarkt einkaufen. Aber gerade bei Obst und Gemüse bin ich für die Sachen unglaublich dankbar.“ Es sei ihr wichtig, ergänzt Breuer, jeden Tag frische Mahlzeiten zu kochen. „Ich habe gesehen, dass ein Blumenkohl im Augenblick zwei Euro kostet. Und auch Tomaten sind im Winter sehr teuer. Zu teuer, dass ich sie mir leisten könnte.“ Die Tatsache, dass sie Lebensmittel bekommt, die sonst vielleicht weggeworfen würden, ist für die Tafel-Kundin kein Problem. „Warum?“, fragt sie. „Die Sachen sind alle noch gut. Und die große Wegwerf-Mentalität ist doch ein Problem unserer Gesellschaft. Da ist es doch besser, wenn die Lebensmittel noch gegessen werden.“

Marianne Breuer gehört auch zu denjenigen, die sich ein Weihnachtspaket bei der Tafel abholen. „Das ist etwas, worauf wir uns schon sehr freuen“, sagt sie. „Sehr oft sind die Plakate sehr liebevoll gepackt, machmal ist sogar ein kleines Kärtchen mit Weihnachtsgrüßen dabei. Das ist ein Zeichen von Wertschätzung. Das ist sehr schön.“

Grundsätzlich hat Marianne Breuer in den zehn Jahren, in denen sie bei der Tafel einkaufen geht, beobachtet, dass die Gesellschaft immer ich-bezogener wird.

„Und so eine Krankheit wie die meines Mannes“, sagt sie, „isoliert einen noch einmal zusätzlich. Für uns ist die Tafel auch deswegen wichtig, weil man Menschen trifft, die entweder ganz ähnliche Probleme haben wie man selbst. Oder Menschen, die dort arbeiten und uns gut gesonnen sind. Das ist ein schönes Gefühl.“

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