Reichsausbildungslager II in Germeter: Auf NS-Ideologie im Germeter gedrillt

Reichsausbildungslager II in Germeter : Auf NS-Ideologie im Germeter gedrillt

Wenn von der Rolle des Hürtgenwaldes in der Zeit des Nationalsozialismus die Rede ist, werden dies die meisten mit den Schlachten im Kriegswinter 1944/45 assoziieren. Weit weniger bekannt, aber genauso dürftig wissenschaftlich erforscht ist ein anderes Alleinstellungsmerkmal des Hürtgenwaldes, das Reichsausbildungslager II in Germeter.

Benedikt und Konrad Schöller sind genau diesem Lager auf die Spur gekommen und zeigen erste Informationen zu diesem Lager im „Raum des Friedens“ in der Schmidter Pfarrkirche.

Nach den Recherchen der Schöllers war der Hürtgenwald nicht nur monatelang ein Ort qualvollen Sterbens. „Hier befand sich einstmals eine braune Brutstätte zur rassenideologischen Indoktrination ausgewählter Jungvolkführer“, sagen die beiden Regionalhistoriker. Im „Reichsausbildungslager II Germeter“ stand neben militärischen Übungen ganz besonders eine massive politisch-ideologische und extrem antikirchliche Schulung im Vordergrund, die ausschließlich von fronterfahrenen und hochdekorierten Angehörigen der Waffen-SS durchgeführt wurde.

„Germeter war grässlich, wir wurden gnadenlos gedrillt und massiv weltanschaulich ausgerichtet, besonders antiklerikal“, fasst der inzwischen verstorbene Günther Roos aus Brühl in seinen Tagebuchaufzeichnungen die für ihn so ungewohnten wie harten Wochen im Lager rückblickend zusammen. Seine entscheidend in Germeter intensivierte Indoktrination blieb nicht ohne Wirkung. „Roos glaubte bis zuletzt an den ‚Endsieg’“, fasst Konrad Schöller zusammen.

Immerhin verlor sich bei ihm in der Nachkriegszeit das tief sitzende Gedankengut der NS-Rassenideologie. Er habe nach und nach erkennen müssen, dass der Nationalsozialismus ein verbrecherisches System gewesen sei. Aber erst im Laufe eines langwierigen Prozesses sei ihm das volle Ausmaß der Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Zweiten Weltkriegs bewusst geworden. Eine Erkenntnis, die im Hürtgenwald nach Ansicht von Benedikt und Konrad Schöller noch nicht bei jedem zu reifen scheint.

Günther Roos im Juni 1939. Foto: NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln/unbekannt

Bei ihren regionalhistorischen Nachforschungen sehen sie sich nicht selten massiven Anfeindungen ausgesetzt.„Im Gegensatz zum Rest der Republik hält sich im Hürtgenwald der Mythos von der ‚sauberen Wehrmacht’ nach wie vor hartnäckig, obwohl diese Legende seit Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt ist. Der eigene Opa war ja kein Nazi.

Nach der Lesart von Personen, die die örtliche Erinnerungskultur maßgeblich bestimmen, gab es im Hürtgenwald nur Opfer, aber keine Täter. Wagt man es, pauschale Behauptungen laut zu hinterfragen, gerät man unversehens in die Schusslinie der Geschichtsrevisionisten und wird als Nestbeschmutzer beschimpft“, beschreibt Konrad Schöller die unbequeme Rolle kritisch nachfragender Geister und ergänzt: „In der Schlacht um Kommerscheidt Anfang November 1944 hämmerte der US-Gefreite Joseph R. Perll nicht ohne Grund das „H“ (Hebrew) aus seiner Erkennungsmarke. Denn in deutscher Kriegsgefangenschaft hätte ihm seine jüdische Religionszugehörigkeit schnell zum Verhängnis werden können.“

Dass Benedikt und Konrad Schöller bei ihren Nachforschungen auch Gegenwind erleben, ist für sie keine neue Erfahrung. Bereits die Ausstellung „Routes of Liberation“ 2015 ist nicht nur auf ein positives Echo gestoßen. „Selbst 70 Jahre nach Ende des Krieges löst es noch Kritik aus, von einer Befreiung zu sprechen“, hat Benedikt Schöller damals erfahren.

Als beide 2016 das Leiden sowjetischer Kriegsgefangener an Einzelschicksalen deutlich machten, war die Bereitschaft, sich mit diesem unrühmlichen Teil der Geschichte auseinanderzusetzen, ebenfalls nur begrenzt ausgebildet. Genau das ist für sie aber gerade mit Blick auf aktuelle Entwicklungen zunehmend wichtig. Konrad Schöller: „Gerade in Zeiten, in denen rechtsgesinnte Politiker die NS-Zeit als ‚Vogelschiss der Geschichte’ verharmlosen und stolz auf vermeintliche ‚Leistungen’ von Hitlers Wehrmacht sind, wollen wir nicht in Passivität verharren sondern Aufklärungsarbeit leisten.“

Genau diesem Zweck dienen die erstmals ausgestellten Fotos und Texte zum „Reichsausbildungslager II Germeter“ im Schmidter Kirchengebäude. Ein Besuch der Ausstellung ist täglich zwischen 10 und 18.00 Uhr ohne Entgelt möglich.

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