Düren/Bali: Anwalt sitzt am Markt, Mandant auf Bali hinter Gittern

Düren/Bali : Anwalt sitzt am Markt, Mandant auf Bali hinter Gittern

Christoph Rühlmann wälzt in seiner Kanzlei am Markt dicke rote Akten. Sein Mandant sitzt im Gefängnis. Rühlmann ist Strafverteidiger. Sowas gehört zu seinem sein Arbeitsalltag. Doch dieser Fall ist anders. Denn Hans-Peter Naumann sitzt auf Bali hinter Gittern. Fast 12.000 Kilometer Luftlinie von Düren entfernt.

Am 26. September war der Schlagersänger alias Patrick Naumann vom thailändischen Bangkok auf die indonesische Ferieninsel Bali geflogen. Mit 328 Gramm Kokain im Körper. In Kapseln verpackt, verschluckt und eingeführt. Der 48-Jährige wurde erwischt und in das Gefängnis Kerobokan gebracht. Gitterstäbe statt weißer Strand. Ab fünf Gramm können Richter in Indonesien die Todesstrafe verhängen. Früher hat Naumann als Partysänger sein Glück gesucht. Auf Mallorca. Jetzt wollte er in Pattaya, Thailand, einen Biergarten betreiben.

In einer kurzen Notiz in der Dürener Zeitung erfuhr Christoph Rühlmann von dem Fall. Er kontaktierte die Familie des Mannes, das Auswärtige Amt, die Deutsche Botschaft. „Ich wollte helfen“, sagt der Strafverteidiger. Es reizte ihn, Neuland zu betreten, sich einer beruflichen Herausforderung zu stellen. „Außerdem bin ich ein erbitterter Gegner der Todesstrafe. Sie ist ein absolutes No-Go für eine zivilisierte Gesellschaft“, sagt Rühlmann.

In Indonesien aber werden Menschen getötet. Auch für Drogendelikte. Das ist bekannt. „Mein Mandant hat mir erzählt, dass er zum Drogenschmuggeln gezwungen worden sei“, sagt der Anwalt. Man habe Naumann eine Waffe an den Kopf gehalten. Der Anwalt hält diese Geschichte für glaubwürdig. Sein Mandant habe nicht gewusst, dass „Bodypackern“ die Todesstrafe drohe.

Christoph Rühlmann hatte einen Plan: Er zeigte seinen Mandanten in Augsburg, seinem letzten Wohnsitz, an. Auf diesem Weg wollte er erreichen, dass Hans-Peter Neumann ausgeliefert wird und in „unserem Rechtssystem seine Strafe findet“. Dieser Plan scheiterte.

Hans-Peter Naumann kam auf Bali vor Gericht, ein indonesischer Anwalt vertrat ihn. „In Deutschland wäre mein Mandant mit zwei bis drei Jahren bestraft worden“, sagt Rühlmann. Vielleicht wäre es auch nur eine Bewährungsstrafe geworden. Erst im Februar wurden in Indonesien ausländische Häftlinge erschossen. „Für exakt dasselbe, was mein Mandant getan hat“, sagt der 47-Jährige.

In dieser Zeit sei die Sorge sehr groß gewesen, die Nervosität gestiegen. Der Dürener reiste nach Bali, traf seinen Mandanten, machte sich ein Bild von dem Gefängnis. „Die Umstände sind mit den hiesigen nicht vergleichbar“, schildert Rühlmann. Sowohl die medizinische Versorgung als auch die Versorgung mit gesunden Lebensmitteln, die Hygiene — alles sei mangelhaft. Verlässlichkeit gebe es nicht.

Nur wer Geld habe, könne sich eine vernünftige Zelle und besseres Essen leisten, alle anderen würden mit 20 anderen Gefangenen im Dreck leben. In einem Bericht der Süddeutschen Zeitung wurde jüngst deutlich, dass Geld auf Bali auch Urteile beeinflussen kann. „Es ist wie Roulette“, heißt es da.

Rühlmann sagt, er habe sich dafür eingesetzt, dass sein Klient Sozialhilfe bekomme. Jetzt könne er auch medizinisch versorgt werden.

Nach Deutschland holen

Mitte März wurde Hans-Peter Naumann verurteilt. Zu 15 Jahren, die Staatsanwaltschaft hatte 17 gefordert. Laut Rühlmann ist das dem gemeinsamen Wirken des Auswärtigen Amtes, der Deutschen Botschaft sowie den Anwälten zu verdanken. „Auch wenn die Sache glimpflich ausgegangen zu sein scheint, ist sie an unseren Standards gemessen noch immer furchtbar“, sagt der Strafverteidiger.

Er will sich weiter dafür einsetzen, dass sein Mandat nach Deutschland gebracht wird, um seine Strafe unter besseren Bedingungen abzusitzen. „Eine Gesetzesänderung könnte das ab dem Sommer möglich machen“, sagt er.

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