Düren: Anna-Oktav: Anstöße zur kritischen Selbstbetrachtung

Düren: Anna-Oktav: Anstöße zur kritischen Selbstbetrachtung

Ginge es nicht um Religion, könnte von einem „Markenbegriff” die Rede sein: Fällt das Wort „Anna-Oktav”, weiß in und um Düren fast jeder Katholik, worum es geht. Denn die Verehrung der Mutter Mariens steht allen Veränderungen in Kirche und Gesellschaft zum Trotz bei den Menschen zwischen Eifel und Braunkohlerevier hoch im Kurs.

Darum ist am frühen Samstagmorgen die nach ihr benannte Kirche der Kreisstadt schon lange vor dem Beginn der Messe zur Eröffnung der Wallfahrtssaison von der ersten Bank bis zur letzten pickepackevoll.

Der eigentliche Moment, in dem sich die unverfälschte Volksfrömmigkeit Bahn bricht, kommt indes kurz nach dem Schlusssegen. Dann nämlich kommt der Moment, in dem Pfarrer Hans-Otto von Danwitz, der den Gottesdienst mit der Erhebung der Reliquie mit etlichen Amtsbrüdern und der Gemeinde gefeiert hat, die Gläubigen einlädt, im Seitenschiff der Kirche das Haupt der heiligen Anna zu verehren.

Dann strömen sie herbei, und das von allen Seiten. Da wird das, was im Alltag oft schwer fällt - das Zusammensein von Menschen verschiedener Abstammung und Kulturen -, auf einmal selbstverständlich. So umdrängen alteingesessene Rheinländer die edel eingefassten Gebeine mit dunkelhäutigen Südindern und Ceylonesen, mit Indonesiern, Vietnamesen, Chinesen und Afrikanern. Egal, ob Jupp oder Josef, ob dunkel- oder hellhäutig: In Düren und in ihrem Glauben sind sie alle zu Hause. Das wird in diesem Augenblick sinnlich greifbar.

Bewegend und bewegt wirkt schon vorher die Predigt von Regionaldekan Hans-Otto von Danwitz, der den ersten Pilgern zur heiligen Anna bei der frommen Verehrung nach der Messe zur Seite steht. Schon mit seiner Begrüßung stellt der Priester den „Traum von Gott und einer anderen Welt, Gottes Revolution mit uns” in den Mittelpunkt der Oktav.

Tag für Tag werde in diesem Sinne während der Oktav ein Vers des Magnifikat (mit diesem Lobgesang antwortet Maria auf die Ankündigung des Erzengels Gabriel, sie werde den Heiland zur Welt bringen) in den Gottesdiensten ausgelegt und betrachtet.

Aber die 2012er Anna-Oktav soll nicht nur politisch sein, sondern den Besuchern einige Anstöße zur kritischen Selbstbetrachtung bieten: „Schauen wir auf das, was wir mitbringen, was uns belastet”, appellierte der Regionaldekan an seine Zuhörer.

Zeitkritisch äußerte sich der Seelsorger zudem in seiner eigentlichen Predigt über „die Tendenz, falschen Sicherheiten wie Dogmatismus und Traditionalismus anzuhängen”. Danwitz Position: „Der Kern des christlichen Glaubens enthält mehr als Theorien.” Die Leitfrage der Gläubigen müsse sein: „Kann sich Gott auf uns verlassen?”

Und das Ziel dieses Weges: „Wer sich in Gottes Dienst begibt, hat Anteil an einer Revolution, bei der am Ende deutlich wird, was Unkraut ist und was Weizen.”

Das weitere Programm der Anna-Oktav ist auf der Webseite abrufbar.

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