Düren: Alte Prozessakten und Hautleim aus Hasenfell

Düren: Alte Prozessakten und Hautleim aus Hasenfell

Die Schwimmblase des Störs und das Stadt- und Kreisarchiv - auf den ersten Blick hat das herzlich wenig miteinander zu tun. Auf den zweiten Blick aber schon etwas mehr.

Mit der Hausenblase (benannt nach der Störart Hausen), Hautleim aus Hasenfell, Knochenleim und ähnlichen Materialien arbeitet Matthias Frankenstein. Er arbeitet für das Stadt- und Kreisarchiv und sorgt dafür, dass alte Dokumente für die Nachwelt erhalten bleiben.

Seit nunmehr zehn Jahren ist der 40-jährige Wahl-Münsteraner freiberuflich für das Dürener Archiv tätig. Dass er einmal Restaurator werden würde, hätte er als Kind eher nicht gedacht. Zwar war sein Vater in der Archivberatungsstelle des Landschaftsverbands Rheinland beschäftigt, das erste Praktikum sollte Matthias Frankenstein jedoch in einen anderen Beruf führen. Er wollte zu einem Elektronikfachmarkt.

Daraus wurde nichts, Matthias Frankenstein schnupperte bei seinem Vater rein, und schon war der Berufswunsch geboren. Frankenstein absolvierte eine Buchbinderlehre, hospitierte vier Jahre im In- und Ausland, legte seinen Meister im Buchbinderhandwerk ab und schloss ein Studium in Restaurierung an der Fernuni an. Er arbeitete im Stadtarchiv Wesel, war sechs Jahre Leiter des NRW-Staatsarchivs in Detmold und wechselte dann nach Münster zum Landesarchiv NRW.

Über seinen Vater kam der Kontakt nach Düren zustande. Aber was macht ein Restaurator genau? „Die Arbeit dient in erster Linie der Substanzerhaltung. Wenn etwas zum Restaurator kommt, dann ist es in der Regel sehr stark beschädigt”, erklärt Frankenstein.

Die Methoden, um die alten Schätzchen zu bewahren, sind sehr verschieden. So wird oft Schimmel in einer Sicherheitswerkbank mit leichter Druckluft oder mit einem Radierschwamm (aus aufgeschäumtem Kautschuk) entfernt. Etliche Dokumente müssen stabilisiert werden. Bei anderen müssen Stellen ersetzt werden, etwa wenn Feuer oder Mäuse „gearbeitet” haben. Solche Arbeiten werden beispielsweise mit Japanpapier erledigt. Dieses spezielle Papier ist nicht nur teuer (ein Bogen kostet fünf bis 20 Euro), sondern auch besonders geeignet, weil es säurefrei und alterungsbeständig ist.

Die meisten Materialien, die Restauratoren verwenden, sind lange erprobt. So wie die Hausenblase. Oder Knochenleim, der aus Abfällen aus der Schlachterei gewonnen wird. Solche Leime haben eine hohe Klebekraft, da die Eiweißverbindung für eine bessere Bindung etwa mit Pergament sorgt.

Oberstes Credo bei den Erhaltungsmaßnahmen ist: „Wir erhalten alles, aber wir dürfen auf keinen Fall Spuren verwischen”, sagt Frankenstein. Einschüsse oder Granatensplitter nennt er als Beispiele. Damit nichts verloren geht, werden sämtliche Arbeitsschritte dokumentiert - auch fotografisch. Das ist wichtig, schließlich handelt es sich bei den meisten Dokumenten um Unikate. In Düren hat Frankenstein in letzter Zeit hauptsächlich Prozessakten restauriert. „Diese Quellen sind die einzigen, die etwas über die einfachen Leute verraten, etwa in richterlichen Prozessen”, erklärt Frankenstein.

Immer mehr an Bedeutung gewinnt die Schutzdigitalisierung. „Anfangs gab es große Befürchtungen, dass die Archivare dann überflüssig werden”, sagt Frankenstein und liefert gleich ein Gegenargument: „Für eine Digitalisierung müssen Objekte erst digitalisierungsfähig gemacht werden.” Genau dafür werden Matthias Frankenstein und seine Kollegen gebraucht. Genau wie Hautleim aus Hasenfell und Hausenblasen.

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