Düren: Als Ford nach Düren kam: Die Zukunft wurde erstmal vertagt

Düren: Als Ford nach Düren kam: Die Zukunft wurde erstmal vertagt

Stellen Sie sich bitte kurz vor, ein Weltkonzern interessiert sich für den Standort Düren. Eine offizielle Anfrage gibt es nicht, doch hochrangige Politiker haben die Lage sondiert und wissen zu berichten, dass das Unternehmen zwar mit anderen Städten verhandele, Düren als Standort aber in Betracht komme.

Im Raum steht eine Investition von 40 bis 50 Millionen, etwa 6000 Arbeitsplätze, heißt es inoffiziell, könnten entstehen. Was tut der Stadtrat in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause, um sich diese historische Chance nicht entgehen zu lassen? Weil der Bürgermeister im Urlaub weilt, wird eine Beratung in den ersten Finanzausschuss nach den Ferien vertagt. Das Thema sei zu wichtig, um voreilige Schritte zu unternehmen. Angenehme Sommerfrische.

Glaubt man den im Stadt- und Kreisarchiv gelagerten Berichten, herrschte im August 1960 im Stadtrat bereits Urlaubsstimmung. Zur Ehrenrettung der Politik muss gesagt werden, dass auch ohne Beschluss „Erkundungen“ eingeholt werden sollten. Wie wir heute wissen: mit Erfolg. Denn bei dem Unternehmen handelte es sich um den Autokonzern Ford, der eine Fabrik bauen wollte, um die Montage-Werke in Köln, Genk und Saarlouis mit Hinterachsen zu versorgen. Doch von dieser ersten Ratssitzung, bei der das Thema einmal angeschnitten wurde, bis zum Baubeginn des Werkes im Südosten der Stadt (heute Neapco) vergingen fast sechs Jahre.

Am 17. Mai 1966 rückten die Bagger an. Im Vergleich zur heutigen Zeit gibt es in den Zeitungen am Tag darauf kein Bild eines ersten Spatenstichs. Etwa 45 Millionen D-Mark investierte der Konzern, 2000 Arbeitsplätze sollten entstehen. Auch nach mehreren Verkäufen und Umstrukturierungen ist der Automobilzulieferer Neapco, der in den Hallen produziert, einer der größten industriellen Arbeitgeber der Stadt.

Vor 50 Jahren war die Freude in der Stadt aber gelinde gesagt verhalten. Ob überhaupt mit dem Bau begonnen wird, stand lange Zeit in den Sternen. Denn auf ungeteilte Freude stieß die Ansiedlung eines Großunternehmens nicht. Der Widerstand war groß. Bereits 1960 herrschte in der FDP große Sorge, dass den Familienunternehmen Mitarbeiter abgeworben werden. Die Dürener Industrie und die Landwirtschaft machten Front gegen die Pläne. Die Industrie sah in der Ansiedlung eines Großbetriebs die Gefahr einer „völligen Umstrukturierung der bisher mittelständisch orientierten“ Wirtschaft. Die Landwirtschaft wetterte gegen den weiteren Flächenverbrauch.

Ford machte damals eine andere Rechnung auf: Im Umkreis von zehn Kilometern lebten nach Berechnungen des Unternehmens etwa 35.000 männliche Erwerbstätige, von denen 17.000 täglich zur Arbeitsstelle pendeln. Von diesen Pendlern könnten durchaus Menschen Interesse an einem Arbeitsplatz in Düren zeigen, ohne der Industrie auf einen Schlag alle Mitarbeiter zu nehmen.

„Rückhaltlose Zustimmung“ gab es hingegen von der SPD. Ein gewichtiger Befürworter war letztlich auch Oberstadtdirektor Dr. Hubert Lentz. Die Landesregierung schätzte das Vorhaben unter „höheren strukturpolitischen und planerischen Gesichtspunkten“ als „begrüßenswert und förderungswürdig“ ein. Der Minister für Landesplanung wies Düren die Rolle eines Verbindungsgliedes zwischen den großen Industriezentren Belgiens und der Niederlande und dem Ruhrgebiet zu. Folglich seien Investitionen in Verkehr, Bildung und Wohnungsbau nötig, um „höchste Produktivität erreichen“ zu können. Minister Joseph Franken (CDU) prophezeite damals: „Bis zum Jahre 2000 wird Düren auf rund 95.000 bis 100.000 Einwohner anwachsen.“ Gut geschätzt, Herr Minister.

Als im November 1965 der Vertrag mit Ford unter Dach und Fach war, räumte die CDU-Fraktion ein, dass der „Dürener Raum zu weiterer Industrialisierung gezwungen sei“, wenn er nicht an wirtschaftlicher Bedeutung verlieren wolle. Das Unternehmen erwarb ein 326.000 Quadratmeter großes Grundstück von der Stadt, die Erschließungskosten in Höhe von damals rund 2,5 bis 3 Millionen D-Mark zahlte die Stadt, die sich ihrerseits zusätzliche Gewerbesteuereinkünfte in Höhe von zwei Millionen Mark pro Jahr erhoffte. Angesichts das damaligen Steueraufkommens in Höhe von 10 bis 11 Millionen Mark ein satter Aufschlag.

Nach langen Debatten in der Stadt blieb 1965 unter dem Strich stehen: Die Ansiedlung stärke das Wirtschaftspotenzial, belebe den Arbeitsmarkt, gebe neue Impulse für die Ansiedlung weiterer Industrie- und Gewerbezweige und stärke — nicht zuletzt — die seit einigen Jahren rückläufige Steuerkraft.

Geld konnte die Stadt gut gebrauchen, um die nicht unerheblichen Aufgaben zu meistern. Der Neubau der Krankenanstalten, also des Dürener Krankenhauses, war mit 40 Millionen Mark beziffert, der Neubau der Bundesbahnbrücken sollte zehn Millionen kosten, 22 Millionen Mark waren für Schulbauten vorgesehen. „Die Stadt sieht sich zu einer solchen Planung veranlasst, da sie ihre günstige Lage innerhalb des sich mehr und mehr entwickelnden wirtschaftlichen Großraumes der EWG nutzen möchte“, zitiert unsere Zeitung 1965 den damaligen Oberstadtdirektor. Standortvorteil würden Politiker heute sagen. Aus der EWG ist mittlerweile die EU geworden, doch der Rest des Satzes ist heute noch modern.

Doch nach der Freude kam kurz Ernüchterung. Seit dem Frühjahr 1967 war wegen der schlechten Konjunktur von einem einjährigen Baustopp die Rede, die Stadt stellte sich auf einen Millionenausfall an Gewerbesteuereinnahmen ein. Doch im Juli 1968 lief die erste Achse vom Band, im Dezember 1969 wurde die 500.000. Achse in Düren montiert. Zeitgleich wurde mit einer Erweiterung des Werks begonnen. Zum ersten Tag der offenen Tür strömten am 21. März 1971 mehr als 10.000 Menschen auf das Gelände, um sich an einem Sonntag die Produktionsstätte anzuschauen. Die Belegschaft brachte 2200 Liter Kaffee und 6000 Teilchen unter das Volk. Das Werk war offenbar zum Teil der Stadt geworden.

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