Düren: Ätzende Sprüche und hinterlistige Frotzeleien

Düren: Ätzende Sprüche und hinterlistige Frotzeleien

„Der Mann mit der blauen Brille” war wieder in der Kreisarena. Wirkungsvoll wie immer inszenierte er seinen Auftritt. Hämmernde Rockmusik vom Band im abgedunkelten Oval, dann tauchte der Lockenkopf auf der Bühne auf.

Wie ein Prediger hatte er die Arme ausgebreitet, hochgestreckt zum Hallendach, den Kopf im Nacken und führte das Publikum gekonnt in Atze Schröders Welt ein. Jenen „Unterhaltungskosmos” aus ätzenden Sprüchen, derben Klamauk, hinterlistigen Frotzeleien, sprachlichem Krawall, schamlosen Getöse. Kein Programm, das der Ruhrpott-Comedian „Schmerzfrei” nennt, für empfindsame, feinnervige oder dünnhäutige Naturen. Die Zuhörer wollten nicht „schmerzlos sein, sondern den Hau-Drauf spüren in Düren, das er unter großem Gejohle als „Nabel der Welt”ausmachte.

Schmerzlos bedeutete für Atze Schröder „oben angekommen” zu sein. Er benutzte das Wort in seiner Vorstellung eher als Synonym für den derzeit herrschenden unendlichen Zeitgeistbegriff. Lernresistente „Ältere” fielen darunter. Im Blick hatte er Helmut Schmidt, den Altkanzler, der „immer päpstlicher” werde. Wo er sei, steige weißer Rauch auf. Es war eine merkwürdige Humor-Mischung, die Atze Schröder eloquent bot. Kabarettistische Züge brausten los, intelligente Zwischentöne begleiteten einige seiner Geschichten, ließ seine Herkunft von der Kleinkunstbühne erkennen.

Doch seine Masche ist eine andere: Derb, gemein und politisch unkorrekt zu sein und mit drastischen Worten Ereignisse zu kommentieren a la: „Berlusconi, der sexbesessene italienische Präsident, ist nicht abgetreten, sondern abgeschwollen”. Bei der Europaabgeordneten Sylvana Koch-Mehrin, die für ein Erotikmagazin Kolumnen schreibt, fragen sich deren Leser sicherlich, warum die Blondine keine Brüste zeige.

Dann wieder der Kabarettist im Prollkopf: Überhaupt sei die FDP eine mystische Partei, weil sie an ihre eigene Existenz glaube und politisch hellenisch: „Jahrelang haben wir gedacht, der Ouzo wäre umsonst gewesen. Nun gibts die Rechnung”.

Genussvoll sezierte er Sprüche altinternationaler Fußballer wie Franz Beckenbauer („Der Grund war nicht die Ursache, sondern der Auslöser”). Fast betrübt stellt der bekennende Porsche-Fahrer fest, dass die meisten Mitglieder der aktuellen deutschen Nationalmannschaft sogar in ganzen Sätzen redeten.

Dann ging es mal wieder unter die Gürtellinie, als sich Atze Schröder über „späte Väter” und den Zeugungsvorgang ausließ. Das Publikum, insbesondere den weiblichen Teil, animierte er zu einem angewiderten „Ihh” als die Namen Wickert, Wepper, Jean Pütz oder Reiner Calmund fielen und schob noch ein publikumsträchtiges Bonmot nach: „Selbst die dickste Kerze hat irgendwo einen Docht.”

Schonungslos

Er reduzierte mathematisches Wissen („Der Satz des Pythagoras besagt, dass über jedes gleichschenklige Dreieck noch ein Tanga gehört”), diagnostizierte schonungslos („Hautkrebs ist in England ein Sternzeichen”) und Burnout habe sich zur neuen Volkskrankheit geputscht. Dabei habe er dieses Erschöpfungssyndrom schon mit 15 Jahren körperlich wahrgenommen, als er sein erstes Playboy-Heft gekauft hatte.

Allen Männern bescheinigte er zum Gaudi der Frauen, eine feine Truppe zu sein, die einfach zu beeindrucken und zu „bedienen” wäre (drei Knöpfe: An/Aus/Lob).

Das Publikum in der Halle feierte den Komiker, der sein Metier beherrschte und geschickt Geistreiches mit Geschmacklosem, Esprit mit Narretei oder Witz mit Zote verband. Eben ein Atze Schröder-Abend.