Düren: 70 Dürener werden zu echten Tänzern

Düren : 70 Dürener werden zu echten Tänzern

Wer bin ich? Was zeichnet mich aus? Was macht mich einzigartig? Wann passe ich mich an, wann bestimme ich selbst? Dies sind die Fragen, mit denen sich die 70 Tänzer des Laien-Tanzprojekts „tanzwärts“ seit Ende April beschäftigen. Am Freitag, 1. Juni, bei der Premiere von „Ich und die Anderen“ werden sie sich und dem Publikum im Theater im Haus der Stadt den sprichwörtlichen Spiegel vorhalten.

„Noch nie habe ich jemanden getroffen, der nicht tanzen kann.“ Der dies sagte, ist der Choreograph Royston Maldoom. Seit vielen Jahren erarbeitet der gebürtige Engländer auf der ganzen Welt Choreographien mit Tanzlaien und hat damit eine Welle losgetreten, die 2016 auch Düren erreichte.

Das erste „Community Dance“- Projekt „tanzwärts“ hatte den Titel „Vier Jahreszeiten. Vom Werden und Gehen.“ Unter der künstlerischen Leitung von Dirk Kazmierczak bewegte es 2016 nicht nur 70 Tänzer auf der Bühne, sondern auch das Publikum in zwei gefeierten Vorstellungen. 2017 folgte ebenso erfolgreich „Sehnsuchtsort Heimat“, und jetzt geht es weiter: Zum dritten Mal heißt es in Düren: Jeder ist ein Tänzer.

Wunsch oder Realität

Im Fokus steht diesmal der einzelne Mensch. Welche Rollen spielen dabei Weltanschauung, perfekte Körper, aber auch Symbole, über die wir uns definieren? Stehen wir zu uns selbst? Leben wir in der Realität oder versuchen wir, einem unerreichbaren Wunschbild nachzueifern? Die Proben korrespondieren in hohem Maße mit den eigenen Erfahrungswelten.

Die Tänzer setzen sich dabei in vier Gruppen unter der Leitung von professionellen Choreographen künstlerisch mit den unterschiedlichen Fragen auseinander. Beinahe sechs Wochen haben die rund 70 Menschen aus dem Kreis Düren unter der professionellen Anleitung von Ronja Nadler und Hsuan Cheng in vier Gruppen Choreographien erarbeitet, die am Ende wieder zu einem großen Tanztheaterabend zusammengefügt werden.

Die künstlerische Gesamtleitung liegt erneut in den Händen von Dirk Kazmierczak, der nach einer langen Karriere als Bühnentänzer seit einigen Jahren als Choreograph mit Profitänzern und Laien arbeitet. Kazmierczak ist seit bereits 2016 künstlerischer Leiter von „tanzwärts“.

„Das Publikum darf sich auf einen berührenden Tanzabend freuen“, sagte Dieter Powitz, Leiter von Düren Kultur. „Obwohl alle tänzerische Laien sind, wird der Abend professionell und spektakulär“. Für die richtigen Rahmenbedingungen sorgen unter anderem der Sounddesigner Jonas Steven sowie die Technik-Crew im Haus der Stadt.

Die Kostüme stammen auch im dritten Jahr vom Kölner André Buch. Der freischaffende Kostümbildner und Stylist stattet seit zwei Jahrzehnten Tänzer, Akrobaten und Musiker auf der ganzen Welt für Auftritte aus. Kazmierczak: „André Buch im Team zu haben, ist ein echter Glücksgriff. Er bereichert mit seinen Kostümentwürfen unsere Arbeit und die der Tänzer ungemein.“ Bei aller Professionalität: Die Menschen, die am Ende auf der Bühne stehen sind „ganz normale“ Dürener. Kinder und Erwachsene, junge und alte Menschen, Handwerker und Akademiker, Zugezogene und Einheimische.

Sie alle haben sich ganz auf die Choreographen eingelassen und ein gemeinsames Ziel: die drei Vorstellungen im Haus der Stadt „Dass es Menschen wie du und ich sind, macht ‚tanzwärts‘ so außerordentlich spannend“, erklärt Powitz. „Menschen eben, denen man im Alltag in Düren begegnet.“ So seien unter den Teilnehmern zum Beispiel eine Hebamme, eine Gestalttherapeutin sowie Lehrer, Schulkinder und junge Erwachsene. Auch seien, wie schon in den Jahren zuvor, wieder Geflüchtete Teil des Projektes.

Dafür hat das „tanzwärts“-Team den Syrer Ahmad Katlesh ins Boot geholt, der nicht nur die Kontakte hergestellt und das Orga-Team Philipp Maurer und Jan Savelsberg unterstützt hat, sondern selbst zum ersten Mal als Tänzer auf der Bühne stehen wird.

Wiederholungstäter

Doch nicht alle Tänzer sind Neulinge. Im Gegenteil: Einige sind trotz aller Einschränkungen während der anstrengenden Probenarbeit bereits zum dritten Mal dabei, haben auf Freizeit und Familienleben verzichtet, Mühen und Muskelkater in Kauf genommen. Powitz: „Gepackt vom ‚tanzwärts‘-Virus haben sich Einige erneut und mit großer Begeisterung auf die Arbeit eingelassen“. Den Lohn für ihre Mühe werden alle gemeinsam bei den drei Vorstellungen einfahren.

Powitz: „70 Menschen im Scheinwerferlicht, dazu ein tosender Applaus von einem begeisterten Publikum — das ist ein emotionaler Moment, den weder die Teilnehmenden noch die Zuschauer so schnell vergessen werden.“

Mehr von Aachener Zeitung