Leopold-Hoesch-Museum: 60.000 Euro für Nazi-Raubkunst

Leopold-Hoesch-Museum: 60.000 Euro für Nazi-Raubkunst

Die Entscheidung im nicht-öffentlichen Teil des Kulturausschusses war einstimmig: Die Stadt soll das Ölgemälde „Ostsee/Schiffe am Strand“ von Karl Schmidt-Rottluff zurückkaufen. Bei dem Bild handelt es sich um Raubkunst aus der Zeit des Nationalsozialismus. Es befindet sich unrechtmäßigerweise im Bestand des Museums.

Zum Hintergrund: Der renommierte Provenienzforscher Dr. Kai Artinger hat im Rahmen eines knapp zweieinhalbjährigen Projektes, das mit Mitteln der Stiftung „Deutsches Zentrum Kulturgutverlust“ finanziert wurde, mehr als 2000 Werke des Leopold-Hoesch-Museums unter die Lupe genommen.

Das Ergebnis seiner Arbeit hat er in dem 216 Seiten starken Katalog „Unsere Werte? Provenienzforschung im Dialog“ zusammengefasst, sechs Seiten beschäftigen sich auch mit dem Werk von Schmidt-Rottluff.

Karl Schmidt-Rottluff ist 1884 in Chemnitz geboren und 1976 in Berlin gestorben. Er gilt als einer der bedeutendsten deutschen Maler des Expressionismus. Das Bild „Ostsee/Schiffe am Strand“ hat er 1922 gemalt. 1952 verkauft Annie Marnitz, Haupterbin des Kunstsammlers Paul Wiegmann, der im Dritten Reich das Bild erworben haben soll, mit Vermittlung der Düsseldorfer Galerie „Kunstausstellung Wilhelm Grosshennig“ das Bild an das Leopold-Hoesch-Museum.

Allerdings besitzt das Leopold-Hoesch-Museum keine Unterlagen, die belegen, dass die Übertragung des ursprünglichen Besitzers des Gemäldes auf Wiegmann aufgrund eines ordentlichen zivilrechtlichen Vertrages erfolgte.

Umfangreiche Forschungen

Dr. Kai Artinger hat vielmehr bei seinen umfangreichen Forschungen herausgefunden, dass der Restitutionsanspruch, also das Recht auf Wiederherstellung der Eigentumsverhältnisse, bei der Familie Bernario liegt. Hugo Bernario, der von 1875 bis 1937 gelebt hat, galt als einer der großen privaten Kunstsammler Berlins. Er sammelte Werke von der Zeit der griechischen Antike bis in die Gegenwart.

Das Bild „Ostsee/Schiffe am Strand“ hat er vermutlich 1922 oder 1923 bei einer Ausstellung des Berliner Kunsthändlers Ferdinand Möller, zu dessen Stammkünstlern Schmidt-Rotluff gehörte, erworben. 1935 leiteten die Nationalsozialisten ein Devisenverfahren gegen Hugo Bernario ein, ein damals beliebtes Mittel zur Entziehung jüdischen Vermögens. Hugo Bernario starb 1937. Seiner Ehefrau gelang es zwei Jahre später, Deutschland zu verlassen und nach Großbritannien zu emigrieren.

Sie konnte nur wenige, kleinere Kunstwerke mitnehmen, „Ostsee/Schiffe am Strand“ gehörte nicht dazu. Für die Zeit von 1933 bis 1952 verliert sich die Spur des Bildes. Artinger vermutet, dass Toni Bernario das Bild unter der Hand verkauft hat, und es zwischen 1936 und 1938 in den Besitz von Paul Wiegmann kam. Artinger schreibt: „Hugo Bernario und seine Familie gehörten eindeutig zu den aus rassischen Gründen Verfolgten des NS-Regimes.“

Zurück zur Gegenwart: „Es gibt eine Position im städtischen Haushalt über 60.000 Euro, um das Bild zurückzukaufen“, sagt Bürgermeister Paul Larue (CDU). „Außerdem haben wir bereits Gespräche mit den Rechtsanwälten der Erbengemeinschaft der Familie Bernario geführt und Förderanträge an verschiedene Stiftungen gestellt.“ Denn natürlich kostet das Bild viel mehr als 60.000 Euro. Wie teuer es ist, wollte Larue nicht sagen. Nur so viel: „Diesen Posten kann die Stadt nicht aus ihrem eigenen Etat stemmen. Die 60.000 Euro aus dem städtischen Haushalt sind das, was nicht von Stiftungen gedeckt werden kann.“

Repräsentatives Werk

Aber warum ist „Ostsee/Schiffe am Strand“ überhaupt so wichtig für das Leopold-Hoesch-Museum? Bürgermeister Paul Larue erklärt das so: „Seine expressionistische Sammlung ist eine der wichtigsten Säulen unseres Museums. Wir möchten von jedem prominenten Vertreter des deutschen Expressionismus ein repräsentatives Werk in unserem Bestand haben.

Und für Schmidt-Rotluff ist es eben das Bild ‚Ostsee/Schiffe am Strand‘.“. In dem Zusammenhang will die Stadt Düren auch das Ölgemälde „Bild mit Tieren“ von Heinrich Campendonk zurückkaufen. Darüber hat der Kulturausschuss in seiner jüngsten Sitzung allerdings nicht beraten.

Ingesamt hat die Recherche von Kai Artinger ergeben, dass immerhin 181 Werke als „NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut“ (neben den beiden Ölgemälden 179 Druckgrafiken und Handzeichnungen) identifiziert worden sind. Dazu gehören auch vier Grafiken, bei denen es sich um Kulturgutentzug in der Sowjetischen Besatzungszone handelt.

Mit den rechtmäßigen Eigentümern beziehungsweise deren Nachfolgern hat die Stadt Kontakt aufgenommen, um eine gerechte Lösung zum Verbleib der Kunstwerke zu finden. Was „Ostsee/Schiffe am Strand“ angeht, ist Larue zuversichtlich, dass dieses Gemälde unter Umständen noch in diesem Jahr zurückgekauft werden kann. „Wir haben alle Vorarbeiten geleistet und warten nur noch auf die Förderzusagen. Darauf haben wir aber natürlich keinen Einfluss.“