Zurückgeblättert: Das stand vor genau 50 Jahren in der Tageszeitung

Zurückgeblättert, Teil 1 : Gut aussehend, blond und Alleinerbin

Wir wissen nicht verlässlich, ob Dr. Anton Kurze warme Temperaturen mochte oder eher nicht. Wir wissen allerdings ganz genau, dass es im Dienstzimmer des damaligen Oberstadtdirektors am 29. Juli 1969 exakt 27 Grad warm war ... Zumindest meldete das die Aachener Volkszeitung auf der 1. Lokalseite. Die Zeiten ändern sich, die (Sommer-)Themen offensichtlich nicht. „Beamtengrill und Stellwerk haben Hitze aus erster Hand“, titelte die AVZ am 30. Juli 1969. Vor 50 Jahren in der Zeitung – wir werfen am Montag und in den nächsten Tagen einmal einen Blick ins Archiv. Zurückgeblättert ...

Auch den Aachener Nachrichten ist an diesem Mittwoch Ende Juli 1969 das Wetter einen Aufmacher wert: „Es wird wieder wärmer“, heißt es da. Und direkt daneben erfährt man, dass für die Polizei trotz hoher Temperaturen wenig Arbeit anfiel. Beruhigend.

Ganz im Gegensatz zu „Ehestreitigkeiten“, von denen beide Zeitungen berichten. Dass ein Mann seiner Gattin nach offensichtlichen Unstimmigkeiten mit einem Messer in den Rücken stach, wird als „Zwischenfall“ charakterisiert. Überschrift: „Ehemann verlor die Nerven“. Apropos Wetter. Eisig geht es im benachbarten Valkenburg zu. AVZ und AN berichten über das bevorstehende Eismusical „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Die Premiere muss verschoben werden – weil die Eismaschine defekt ist. Die Stars auf dem Eis – die Olympia-Zweiten von 1964, Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler  – sitzen auf der Wartebank.

„Zahlreiche Behördenapparate“

Tote Rinder in Oberforstbach haben laut AVZ „zahlreiche Behördenapparate in Tätigkeit gesetzt“. Die Frage steht im Raum, ob giftige Abwässer auch die Aachener Brunnenanlagen gefährden. „Bald Hochzeit im Gefängnis“ ist ein Zweispalter überschrieben, der von einem kriminellen Ehepaar handelt. Die beiden werden wegen Diebstahls verurteilt, gleichwohl aber erhalten sie die Erlaubnis, sich das Ja-Wort hinter Gittern zu geben.

Ein Problem gesundheitlicher Natur erörtern die Nachrichten auf der dritten Lokalseite: Die Bänke und Liegestühle in den Burtscheider Kuranlagen sind für Rheumakranke zu tief. Das Aufstehen, so die AN, wird „zur schmerzlichen Prozedur“.

Und die politischen Schlagzeilen des Tages? In den AN geht es um Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel, der wegen Äußerungen über die NPD in der Kritik steht. In der  AVZ wird über etwas diskutiert, das jetzt längst Alltag ist: die Fünf-Tage-Woche in der Schule. Sie ist – so heißt es in der Volkszeitung – „nicht von heute auf morgen zu verwirklichen“. Die Schlagzeile der Aachener Nachrichten zu diesem Thema: „Fünf-Tage-Penne noch ein Traum“. Samstags zur Schule? Das kann sich heute keiner mehr vorstellen. Weder Schüler noch Lehrer.

Was lief im Kino am 30. Juli 1969? 13 sogenannte Filmtheater hoffen in Aachen per Anzeige auf Besucher. Und da muss gleich von mehreren Instituten deutlich darauf aufmerksam gemacht werden, dass ein Besuch erst ab 18 Jahren erlaubt ist. Im Elysee geht es um „Ellenbogenspiele“, eindeutiger ist der Streifen im „Studio“ am Adalbertsteinweg: „Die andere Seite der Sünde“. Im „Intimes“ an der Großkölnstraße treiben „Professor Lust und seine Vögelein“ ihr cineastisches Unwesen.

Pudelnackt in Oberbayern

Das damalige „Cinema“ am Hansemannplatz war auch vor einem halben Jahrhundert für Schlüpfriges bekannt. „Pudelnackt in Oberbayern“, ein Film – glaubt man der Kleinanzeige in der AVZ  – voller „Turbulenz, Heiterkeit“ sowie „Sex mit Witz“. Natürlich geht im Juli 1969 auch Seriöseres über die Leinwand. Das „Diana“ in Burtscheid – mit Raucherloge und Getränkeausschank – zeigt den Krimi „Nacht ohne Zeugen“.

Alltag in Aachen – vor 50 Jahren. Der Anzeigenteil von Aachener Volkszeitung und Aachener Nachrichten mag ein Spiegel des Lebens Ende der 1960er Jahre sein. Da geht es um geistigen Frohsinn – „Täglich mehr fürs Geld! Scharlachberg Meisterbrand 8,85“ (DM wohlgemerkt), oder um entspannte Unterhaltung – „Das Flora Sextet“ in der Femina (in der heutigen Elisen-Galerie) mit der „charmanten Sängerin Hanna Thomasova“.

In den „Kleinanzeigen“ erfährt man am 30. Juli 1969 auch, dass ein Student „alte Teppiche u. Matratzen“ sucht, dass insgesamt drei Wellensittiche  – blauweiß, grüngelb und weiß – ausgebüxt sind. Ob sie in den heimischen Käfig zurückfanden, ist nicht überliefert. Ein Detektivbüro bietet „Beobachtungen und Ermittlungen“ an, und wer sich in die Hände der Friseurschule am Theaterplatz begibt, bekommt „Waschen und Lockwelle“ bereits für 2 Mark und 30 Pfennige. Ohne Risikozuschlag sozusagen. Sittsam geht es in der Rubrik „Heiraten“ zu.

Eine Ehevermittlung sucht für eine 24-jährige Architekturstudentin – „wirklich gut aussehend, blond, Alleinerbin“ –  einen „vielseitig interessierten Herrn“; eine „natürliche Frau“ wird von einem verwitweten Akademiker mit „stattlicher Erscheinung“ gesucht. Und schließlich fahndet eine 28-Jährige mit eigenem Haus und eigenem Geschäft nach einem „energischen Mann“. Vermögen sei unwichtig, „Anstand und Fleiß jedoch Bedingung“. Übrigens: Dass per großer Anzeige „die rechte Hand des Chefs“ gesucht wird, hat auch am 30. Juli 1969 nichts mit dem tragischen Verlust von Vorgesetztenkörperteilen zu tun ...