Zur Geschichte der Aachener Schirmfabrik Brauer

Archivalie des Monats : Ein Stück Bauhaus an der Jülicher Straße

Das Aachener Stadtarchiv zeigt aus seinen Magazinen regelmäßig interessante Stücke als Archivale des Monats. Die Archivale mit einem kurzen Begleittext wird entsprechend in einem Schaukasten im Foyer des Stadtarchivs am Reichsweg sowie digital auf der Homepage des Archivs präsentiert. Die Archivale des Monats April 2019 zeigt so ein Foto des Modells der Schirmfabrik Brauer, aufgenommen um 1928 von Thomas Lantin.

Am 12. April 1919 wurde durch die Vereinigung der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst in Weimar und der 1915 aufgelösten Kunstgewerbeschule Weimar das Staatliche Bauhaus in Weimar gegründet. Der Einfluss des Bauhauses mit seinem sachlichen, auf das Wesentliche reduzierten Stil auf die Architektur in Deutschland wurde Ende der 1920er-Jahre auch in Aachen sichtbar: beim 1928 einweihten Neubau der Schirmfabrik Brauer, dem heutigen Ludwig Forum.

Im Jahr 1882 eröffnete Emil Brauer sen. in der Adalbertstraße ein Schirmgeschäft mit eigener Fabrikation. Es wuchs rasch; 1913 bezog die Firma Brauer eine eigene Fabrik in der Peterstraße. Brauer etablierte sich am wetterabhängigen Markt.

Zwei Millionen Meter Schirmstoff

Für die Fabrikation wurden die einzelnen Bestandteile der Schirme – Gestell, Stock, Knauf, Schirmstoff – von Spezialfirmen bezogen, auf Lager gehalten und dann nach Bedarf zusammengesetzt. Ein kostenintensives Geschäft. In den Räumen der Firma Brauer lagerten Anfang der 1920er-Jahre ständig bis zu zwei Millionen Meter Schirmstoffe, 60.000 Dutzend Schirmgriffe und -stöcke, und bis zu 30.000 Schirmgestelle. Es wurden bis zu 70.000 fertige Schirme im Lagerbestand vorgehalten.

Die Besonderheiten des Herstellungsprozesses machten auf Dauer eine Fabrikationshalle notwendig, die auf die Bedürfnisse der Schirmherstellung ausgerichtet war und neben großen Lager- und Verkehrsflächen auch Ateliers und Räume für Musterausstellungen bereitstellte. Die Söhne des Firmengründers Emil Brauer, Emil jr. und Artur, gaben eine neue Fabrikhalle in Auftrag – inspiriert durch Aufenthalte in den USA. Sie wurde auf dem Gelände der ehemaligen Dampfkesselfabrik Piedboeuf an der Jülicher Straße gebaut. In der neuen Halle stellten die 1000 Mitarbeitenden mithilfe moderner Produktionstechnik bis zu 12.000 Schirme pro Tag her. Das bedeutete einen Marktanteil in Deutschland von zeitweise 40 Prozent.

Bachmann-Lürken-Entwurf

Entworfen wurde das neue Fabrikgebäude von den Architekten Josef Bachmann und Alexander Lürken im sachlichen Stil des Neuen Bauens. Bachmann und Lürken planten Lagerflächen in den Obergeschossen der Seitenflügel der vierflügeligen Stahlbetonkonstruktion ein. Im Flügel zur Straßenfront hin, der ein Geschoss höher war, waren neben Werkstätten auch die Büros und die Ausstellungsräume für Händler und Vertreter untergebracht. Der Neubau wurde im Dezember 1928 in Anwesenheit vieler prominenter Gäste eröffnet. Die Firma Brauer nutzte das Fabrikgebäude selbst als Werbemittel: Ein Modell der modernen Schirmfabrik wurde auf Messen präsentiert, Abbildungen erschienen in Anzeigen.

Produktionshalle wird Museum

Unter dem Druck der Konkurrenz aus Fernost verkleinerte sich die Produktion in den 1970er-Jahren. Im November 1984 wurde das Gebäude der Stadt Aachen als Ort für die zeitgenössische städtische Kunstsammlung unter Einbeziehung der Sammlung Ludwig angeboten. Im Zuge der Realisierung des ambitionierten Projekts durch den Architekten Fritz Eller verließen die letzten Teile der Schirmproduktion den Fabrikbau, der 1987 unter Denkmalschutz gestellt, ab 1988 saniert und zum Museum umgebaut wurde. Im Oktober 1991 wurde das Gebäude als „Ludwig Forum für moderne Kunst Aachen“ feierlich eröffnet.

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