Aachen: Zerrt die Stadt Kraemer noch vor den Kadi?

Aachen: Zerrt die Stadt Kraemer noch vor den Kadi?

Zunächst noch einmal die Zahlen: Bis zu zwei Millionen Euro kostet die Stadt der Unterhalt des Fußballstadions namens Tivoli. Pro Jahr. Dies, weil sie die „Sonderimmobilie“ einst für einen Euro aus der Insolvenzmasse des Pleiteklubs herausgekauft hat. Bei gravierenden Schäden dürfte auf die zwei Millionen noch ein Batzen obendrauf kommen.

Darüber hinaus werden mehrere hunderttausend Euro an Zinsen und Tilgung fällig. Ebenfalls pro Jahr. Dies, weil die Stadt knapp 19 Millionen Euro Schulden der Alemannia aus dem Stadionbau übernommen hatte, um dem damals tief in der Finanzkrise steckenden Profiverein zu helfen. Was später — siehe oben — wiederum zum Stadionkauf führte, weil die Stadt sonst auf besagten 19 Millionen sitzengeblieben wäre, ohne dafür überhaupt einen Gegenwert zu haben. Allerdings steckte die Politik schon ehedem längst in einer Zwickmühle. Ein Jahr zuvor schlingerte die Alemannia auch schon, woraufhin der Stadtrat einer Bürgschaft über drei Millionen Euro zustimmte. Das Geld wäre bei einer Alemannia-Pleite flöten gegangen. Die Rettungsaktion mittels Umschuldung hatte mithin keineswegs rein uneigennützigen Charakter...

Wenige Wochen nach der Schuldenübernahme musste die Alemannia trotzdem Insolvenz anmelden. War das zum Zeitpunkt der Umschuldung schon absehbar? Verwaltung und Politik sind felsenfest davon überzeugt. Und fühlen sich deshalb seitdem insbesondere vom damaligen Alemannia-Geschäftsführer Frithjof Kraemer übers Ohr gehauen und glauben, mit falschen Zahlen getäuscht worden zu sein. Also wurde überlegt, den aus ihrer Sicht Verantwortlichen vor den Kadi zu zerren und auf Schadenersatz zu verklagen. Diesbezüglich wird es jetzt schon rein zeitlich eng. Was am Mittwoch Abend den Stadtrat hinter verschlossenen Türen abermals beschäftigte.

Ende des Jahres läuft die Verjährungsfrist für etwaige Schadenersatzansprüche ab. Also müsste man jetzt handeln. Allerdings kommt ein von der Stadt beauftragter Rechtsgutachter zu dem Ergebnis, dass das Risiken birgt und möglicherweise wenig bis nichts bringt. In der Expertise wird nach AZ-Informationen dargelegt, dass die Stadt Kraemer hieb- und stichfest eine Täuschung nachweisen müsste. Doch einen solchen Beweis hatte es schon im Ermittlungs- und Strafverfahren gegen den Ex-Geschäftsführer nicht gegeben, in dem Kraemer letztlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Und: Es sei unbekannt, wie viel man sich überhaupt bei ihm — Stichwort Vermögensverhältnisse — holen könne. Demgegenüber steht der angesichts der Millionensummen enorme Streitwert eines solchen Verfahrens, an dem sich die Anwaltshonorare bemessen. Möglich, dass diese Honorare bei weitem das übersteigen würden, was man letztlich de facto erstreiten könnte. Wenn überhaupt. Dann würde die Stadt auch noch auf diesen Kosten sitzenbleiben. Die „Gegenseite“ hatte indes bekundet, lediglich unter Umständen einen Vergleich prüfen zu wollen — nach AZ-Informationen in Höhe einer Summe von wenigen zehntausend Euro.

Die Verwaltung hatte dem Stadtrat nun vorgeschlagen, keine Klage einzureichen, aber trotzdem über den Vergleich zu verhandeln. Dem folgte die Politik dem Vernehmen nach jedoch nicht. Nun soll über den Vergleich verhandelt und bei einem Scheitern der Gespräche flugs doch noch Klage eingereicht werden. Die Wut der Ratsleute über die damaligen Vorgänge ist offenbar immer noch immens groß. Vielleicht schwingt aber auch die Furcht vor einem eigenen Gesichtsverlust mit. Immerhin hatte beispielsweise unter anderem Aachens Kämmerin Annekathrin Grehling seinerzeit arge Bauchschmerzen bezüglich der finanziellen Lage des Klubs und der Umschuldung geäußert.

Sitzenbleiben wird letztlich — wie auch immer es ausgeht — der Steuerzahler auf dem Großteil beziehungsweise auf allen Kosten, die in diesem Zusammenhang stehen. Die türmen sich Jahr für Jahr weiter auf — Vergleich oder Klage hin oder her.

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