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„Zeelink“: Stadt sagt Pipeline-Plänen den Kampf an

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Die Stadt steigt mit einem Gasriesen in den Ring. Es geht um die geplante neue „Zeelink“-Pipeline, die von Eynatten zum Niederrhein und weiter nach Westfalen bis 2021 gebaut werden soll. Der Gegner hört auf den Namen „Open Grid Europe“ (OGE) und hieß früher „E.ON Ruhrgas“ – mit 12.000 Kilometern Leitungsnetz eine der Größen der Branche.

600 Millionen Euro sollen auf den insgesamt 215 Kilometern verbuddelt werden – die Dimensionen sind gewaltig und werden mit der Versorgungssicherheit begründet. Dem widerspricht die Stadt nicht. Auch erkennt sie eine „Schlüsselrolle“ Aachens im Trassenverlauf an. Doch da endet das Wohlwollen.

Beim vorgesehenen Verlauf der Pipeline im Stadtgebiet sagt die Stadt den Investoren den Kampf an. Denn je nach Variante geht es mal durch Natur- und/oder Wasserschutzgebiete, mal kilometerlang mitten durch den Aachener Wald, mal durch geplante Baugebiete, mal durch den historischen Westwall. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Derzeit läuft das „Raumordnungsverfahren“, in dem es um den groben Trassenverlauf geht. Bis 1. Juli kann jeder Bedenken äußern. Die Stadt tut dies mit einer umfangreichen Stellungnahme, die im Ton für Verwaltungsverhältnisse an Deutlichkeit nicht zu überbieten ist. Die Stadt übt darin harsche Kritik und erteilt allen von OGE vorgelegten Varianten eine klare Absage. Gleichzeitig fragt man sich, warum die Planer eine weitaus verträglichere Alternative gar nicht erst in Betracht gezogen haben. Ein Überblick in Kurzform:

Die „Vorzugsvariante“

OGE will selbstredend eine möglichst kurze Leitung bauen. Das spart Geld. Die „Vorzugsvariante“ – mit einigen kleinen Alternativwendungen im Bereich Hitfeld – führt dabei über zwölf Kilometer von der belgischen Grenze Richtung Brand und später nach Verlautenheide.

Schon aus Umweltgesichtspunkten heraus schlägt die Verwaltung bezüglich dieser Trassenführung Alarm. Betroffen wären „das Naturschutzgebiet Indetal mit zahlreichen geschützten Arten sowie einer reich strukturierten Flusslandschaft“, das geplante Naturschutzgebiet Rollefbachtal, das Schutzgebiet Brander Wald, das Wasserschutzgebiet Reichswald (Verlautenheide).

Zudem das Wasserschutzgebiet Eicher Stollen. Die „damit verbundenen großen Risiken für die Sicherheit und Qualität des Grundwassers“ seien so hoch, dass ein solcher Trassenverlauf abzulehnen sei. Das sei ein „umweltplanerisches Tabu“.

Überdies kreuzt die Höckerlinie des Westwalls den Untersuchungskorridor von 600 Metern Breite – beim Bau ist letztlich ein Arbeitsstreifen von rund 30 Metern nötig – komplett. Das könne, so die Stadt nur durch einen Tunnel gelöst werden. Denn eine Zerstörung des Denkmals ist undenkbar. Außerdem sind geplante Baugebiete in Oberforstbach, Freund und Eilendorf tangiert. Auch da verbiete sich der Bau einer Pipeline.

Die „Nord-West-Route“

Die OGE-Alternative zur „Vorzugsvariante“ ist eine Route, die von Belgien aus Richtung Nordwest über Laurensberg, Richterich und Haaren bis Verlautenheide um Aachen herumführt. Auch diese Variante lehnt die Stadt rundweg ab. Nicht nur, weil sie mit 25 Kilometern Länge doppelt so lang ist wie die „Vorzugsvariante“. Es seien in diesem Fall gar vier Mal so viele schutzwürdige Böden betroffen. Auf einer Länge von sechs Kilometern würde diese Trasse quer durch den Aachener Wald führen.

Bei einem Arbeitsstreifen von knapp 30 Metern kann man sich denken, dass unzählige Bäume fallen würden. Betroffen wären Landschaftsschutzbereiche, die sogar zu Naturschutzflächen hochgestuft werden sollen. Gekreuzt würde auch noch das Naherholungsgebiet am Haarberg in Haaren. Und auch hier sind Baugebiete tangiert – darunter die Erweiterungspläne für das Uniklinikum. Bei beiden Varianten übrigens sieht OGE bei weitem geringere „Raumwiderstände“ als die Stadt. Die Stadt wiederum kann das nicht nachvollziehen.

Die Alternative der Stadt

Apropos nachvollziehen: Unerklärlich bleibt der Stadt, warum eine Alternative nicht in Betracht gezogen wird, die von Aachener Seite schon 2008 ins Spiel gebracht worden war und die weit weniger Eingriffe in sensible Bereiche mit sich bringen würde. Damals plante RWE die „Mitteleuropäische Transversale“. Die Stadt klagte erfolgreich gegen die geplante Trassenführung, die in etwa der jetzigen „Vorzugsvariante“ entsprach. Das Projekt wurde dann aus anderen Gründen nie realisiert.

Die von der Stadt vorgeschlagene Alternative verläuft entlang der Autobahn 44 und zweigt dann nach Verlautenheide ab. Mutmaßlich, so heißt es seitens der Stadt, scheue man hier einen höheren technischen Aufwand, weil dort bereits Leitungen liegen. Das dürfe aber nicht dazu führen, dass diese Variante nicht in Betracht gezogen wird. Die Stadt fordert die Bezirksregierung auf, auch die Alternative zu prüfen.

Wie es weitergeht

Die Stellungnahme der Stadt wird in den kommenden Tagen Gegenstand eines Sitzungsmarathons sein: Bezirksvertretung Haaren, Laurensberg, Richterich und Mitte (alle 15. Juni), Planungsausschuss (16. Juni), Bezirksvertretung Brand und Eilendorf (22. Juni), Umweltausschuss (28. Juni) und schließlich Stadtrat (29. Juni). Politisch haben die Grünen bereits eine Unterschriftenaktion gestartet, auch die Brander CDU und SPD machen mobil. Die Bezirksvertretung Haaren kämpft zudem gegen eine riesige Verdichterstation, die in Verlautenheide gebaut werden soll (siehe Zusatzinfo).

Dem Vernehmen nach sind die OGE-Vertreter bei Gesprächen mit der Stadt äußerst selbstbewusst aufgetreten. Die Stadt setzt dem jetzt eine nicht minder selbstbewusste Stellungnahme entgegen. Spannend für Aachen wird die Frage, wie dieser Kampf ausgeht.

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