Aachen: Wortkünstler bewiesen in der „Raststätte“ großen Spürsinn für die feinen Pointen

Aachen : Wortkünstler bewiesen in der „Raststätte“ großen Spürsinn für die feinen Pointen

Wer keinen der raren Stühle mehr ergattern konnte, der saß eben auf dem Boden direkt vor der Bühne. Kaum größer als ein Klassenzimmer ist der Raum. Und doch fanden mehr als 100 Aachener den Weg in die „Raststätte“, jene Kneipe, in der Monat für Monat der „Satznachvorn“, der Aachener Poetry Slam, veranstaltet wird.

Jetzt stieg das große Jahresfinale, bei dem der Spürsinn für feine Texte und rhetorisch ausgeklügelte Pointen gefragt war — oder wie die „Raststätte“ im Internet wirbt: „Wo die Sieger der vergangenen zehn Monate in einem ‚epischen Kampf der Wortkunst‘ aufeinandertreffen.“ Regeln gibt es dabei nur wenige: Requisiten sind nicht erlaubt, Gesang auch nicht, sonst aber alles, solange der Auftritt nicht länger als sechs Minuten dauert.

Mit dem Publikum auf Tuchfühlung gingen die „Slammer“ beim Jahresfinale in der Raststätte. Und die Zuhörer stimmten per Handzeichen für ihre Favoriten ab. Foto: Andreas Herrmann

Zehn „Slammer“ aus ganz Deutschland waren angereist, um die Gunst des Aachener Publikums zu ergattern — das nämlich entschied per Handzeichen, wer den besten Text mitgebracht hatte. Und ein Finale war es auch deswegen, weil der Sieger dieses Abends sich nicht nur die Krone des Stadtmeisters würde aufsetzen dürfen, sondern auch, weil er als Abgesandter Aachens an den deutschsprachigen Meisterschaften im November teilnehmen wird. Durchsetzen mussten sich die zehn Poeten dabei schon in der Vorrunde, von ihnen schafften es nur vier ins Halbfinale. Von den Halbfinalisten wiederum durften schließlich nur zwei den Weg ins Finale antreten.

Jeder musste also mindestens drei Texte parat haben. Wovon diese handelten, blieb jedem selbst überlassen. Mal ging es um gesellschaftskritische Themen, mal um die Wehwehchen des Studentenlebens und Erwachsenwerdens, verpackt in einem Harry-Potter-Plot: „Harry Potter und die Wohnungssuche in München, Harry Potter und der erste Steuerbescheid, Harry Potter und die Gehaltserhöhung.“ Mal lehrreich, mal emotional, mal amüsant — aber immer pointiert.

„Satznachvorn“ macht Pause

Auch die 23-jährige Nora Schäferhenrich, selbst Medizinstudentin in Aachen, hatte die Sorgen des „kleinen Mannes“ zum Thema gemacht. Beim Reisen habe sie in ihrem Umfeld wahrgenommen, wie viele junge Menschen an sich selbst zweifelten und eher pessimistisch durchs Leben gingen. Optimist aber sollte man sein, lautete eine Message ihres Textes, „schließlich sieht der Optimist das Optimale in dem ganzen Mist und macht aus zwei Fingern eine Handvoll“, sagte sie.

Zum Aachener Stadtmeister hat das Publikum schließlich Benjamin Poliak gekrönt, der sich im Finale gegen Theresa Sperling durchsetzte. Er wird also im November zu den deutschsprachigen Meisterschaften nach Zürich reisen und gegen Dutzende andere Wortkünstler antreten. „Satznachvorn“ geht dagegen nun in die Sommerpause.

Die neue Poetry-Slam-Saison in der Raststätte beginnt am 5. Oktober.

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