Aachen: Wird Camp Hitfeld bald zum Goldesel?

Aachen : Wird Camp Hitfeld bald zum Goldesel?

Niemand hat die Absicht, ein Gewerbegebiet zu bauen ... — so könnte man die öffentlichen Aussagen der beiden Interessenten auf den Punkt bringen, die sich seit kurzem förmlich um ein riesiges Grundstück im Aachener Süden reißen, das vorher über Jahrzehnte hinweg ein unverkäuflicher Ladenhüter war. Schließlich steckt der Boden des ehemaligen belgischen Militärgeländes Camp Hitfeld voller Altlasten.

Außerdem gehört das knapp 44 Hektar große Areal zur Wasserschutzzone Eicher Stollen, was eine künftige Nutzung stark einschränkt. Allenfalls Photovoltaikanlagen waren in der Vergangenheit dort immer mal wieder ein Thema.

Und dann kommt plötzlich die Landmarken AG des Aachener Investors Norbert Hermanns um die Ecke und kauft dem Bund das Ganze für einen Schnäppchenpreis ab. Man prüfe dort tatsächlich die technische Umsetzung der Option Photovoltaik, bekundet ein Landmarken-Sprecher — was im Portfolio des großen Projektentwicklers ein völlig neues Kapitel aufschlagen würde. Doch dann setzt ebenso plötzlich die Stadt zum Konter an, macht ein besonderes Vorkaufsrecht geltend und begründet dies mit „Bodenvorratspolitik“. Man brauche schließlich auch ökologische Ausgleichsflächen, heißt es öffentlich gar, bevor die Landmarken AG zurückschlägt und am Verwaltungsgericht gegen das Vorkaufsrecht klagt.

Ältestes Wasserwerk Aachens

Ganz schön viel Theater um einen relativ wertlosen Ladenhüter, der für einen Quadratmeterpreis von nur 1,90 Euro über den Tresen ging? Nicht, wenn man berücksichtigt, was in Sachen Camp Hitfeld hinter verschlossenen Türen, hinter den Kulissen von Stadt und Stawag vor sich geht. Ganz offensichtlich gibt es nämlich eine eindeutige Absicht, dort ein Gewerbegebiet zu errichten — und die Chancen scheinen dafür gar nicht schlecht zu stehen.

Denn nach AZ-Informationen steht das Wasserwerk Eicher Stollen, das eine gewerbliche Entwicklung des alten Belgiercamps bislang unmöglich macht, zur Disposition. Die Stawag prüft demnach ganz konkret die baldige Schließung des ältesten Wasserwerks Aachens, das bereits im Jahr 1880 fertiggestellt wurde. Eine Entscheidung darüber soll nach Möglichkeit noch in diesem Jahr fallen.

Damit einhergehen würde höchstwahrscheinlich die Aufgabe der Wasserschutzzone, die bislang nicht nur Camp Hitfeld, sondern auch riesige Flächen zwischen Driescher Hof/Niederforstbach, Oberforstbach, Lichtenbusch und eben Hitfeld umfasst. Die ehemalige Belgierkaserne liegt in der „Wasserschutzone III“, für die unter anderem laut regierungsbezirklicher Verordnung die „Schaffung und Änderung gewerblicher oder vergleichbarer Betriebe“ untersagt ist. Würde dieses Dekret fallen, könnte der Kauf des Geländes plötzlich Millionengewinne abwerfen — und der Ladenhüter zum Goldesel mutieren.

Je nach Lage werden in Aachen bis 130 Euro pro Quadratmeter für Gewerbeflächen gezahlt. Im Maximalfall wäre das also das 70-fache (!) des jetzigen Kaufpreises. Und selbst wenn man die aufwendige Altlastensanierung abzieht, dürfte noch ein ordentlicher Gewinn unter dem Strich stehen. Da macht der plötzliche Run auf das 25 Jahre lang geschmähte Gelände plötzlich ebenso Sinn wie der Zank der potenziellen Käufer bis hin zur Klage.

Über eine solche Perspektive — Aufhebung der Schutzzone, grünes Licht für Gewerbe — hatte die Aachener Stadtverwaltung bereits im Zusammenhang mit dem nun plötzlich so dringend gewünschten Vorkaufsrecht in einem nicht-öffentlichen Papier für die politischen Entscheider spekuliert, über das die AZ im Januar berichte. Das ließ auch die bereits vor vielen Jahren gegründete Bürgerinitiative „Rettet den Augustinerwald“ wieder aufhorchen. Auf deren Nachfrage im Stadtrat blieb Oberbürgermeister Marcel Philipp vage. Derzeit jedenfalls sei nichts Derartiges bei der Stawag konkret. Ob sich das irgendwann ändern könnte, sei heute nicht zu beantworten.

Seinerzeit bekundete auch die Stawag auf Anfrage unserer Zeitung noch öffentlich, von der ganzen Sache nichts zu wissen. Und auch heute gibt sich das Versorgungsunternehmen ziemlich zugeknöpft, was den Eicher Stollen angeht. Aber: Die Stawag räumt mittlerweile ein, dass man in der hiesigen Wasserwirtschaft aktuell überlege, wie Produktionskapazitäten gebündelt und optimiert werden könnten. Und in diesem Zusammenhang „überprüfen wir, ob alle Wasserwerke langfristig nötig sind“, so Unternehmenssprecherin Eva Wußing.

Wasserverbrauch sinkt

Hinter den Kulissen hört sich das wesentlich klarer an. Nach AZ-Informationen gibt es eine deutliche Tendenz, dass der Eicher Stollen als Wasserwerk aufgegeben wird. Und dafür spricht eine ganze Reihe von Gründen. Zunächst einmal geht es ums Grundsätzliche. In Sachen Wasserversorgung geht die Stawag seit kurzem mit dem Versorger „Enwor“ aus dem Altkreis zusammen. Gemeinsam verfügt man über sieben Wasserwerke — in Aachen sind das Schmithof, Reichswald (Verlautenheide), Brandenburg (südlich von Lich-tenbusch) und Eicher Stollen in Lintert.

Das benötigte Trinkwasser für die Stadt kommt indes zu etwas mehr als drei Vierteln aus den Talsperren der Umgebung, der Rest aus den vier Wasserwerken. Aber: Der Wasserverbrauch ist in den vergangenen zehn Jahren stark zurückgegangen — und das trotz deutlich steigender Einwohnerzahl. 2006 verkaufte die Stawag noch 18,9 Millionen Kubikmeter, zehn Jahre später waren es nur noch 17,3 Millionen. Aus den Wasserwerken werden rund vier Millionen Kubikmeter gezogen, davon rund 800 000 aus dem Eicher Stollen. Schon rein zahlenmäßig und damit aus wirtschaftlichen Aspekten heraus erscheint die Aufgabe einer Anlage plausibel.

Für eine Schließung infrage kommen nach AZ-Informationen insbesondere zwei Wasserwerke: Eicher Stollen und Reichswald. In beide Werke muss die Stawag auf Sicht kräftig investieren, um sie auf den Stand der Technik zu bringen. Dennoch ist das Werk Reichswald fast 100 Jahre jünger als der Eicher Stollen. Es wurde erst 1974 als letzte der vier Anlagen eröffnet. Und: Das Im Reichswald gewonnene Wasser aus Feinsandschichten ist von etwas besserer Qualität als das aus den Kalksteinschichten des Eicher Stollens. Und: Die Schutzverordnung für den Eicher Stollen wurde 2015 neu aufgelegt — befristet bis Ende 2018. Diese Befristung, so wird seitens der Bezirksregierung ebenso betont wie seitens der Stawag, sei nichts Ungewöhnliches. Trotzdem würde der Zeitpunkt des Auslaufens augenscheinlich prima passen...

Firmencampus für E-Mobilität?

Ein Bebauungsplan für das Camp ist indes längst in der Mache. Und zwar seit sechs Jahren. Allerdings ist er im Stadium des Vorentwurfs steckengeblieben. Dieser Entwurf geht noch vom damaligen Stand aus, nämlich dass rund die Hälfte des Areals der „Arrondierung des Waldes“ dienen soll und die andere Hälfte als Photovoltaik-Fläche. Dass dieser Bebauungsplan Realität wird, ist stark anzuzweifeln — zumindest auf letztere Hälfte bezogen und insbesondere mit Blick auf die mögliche Aufgabe des Eicher Stollens und den damit verbundenen Perspektiven.

Kein Geheimnis ist schließlich, dass die Stadt zur weiteren Entwicklung dringend Gewerbeflächen ausweisen will beziehungsweise muss. Dem Vernehmen nach gibt es zum Beispiel hinter den Kulissen Bestrebungen, eine Art Firmencampus in Sachen E-Mobilität mit Fahrzeugherstellern, Zulieferern und mehr zu entwickeln. Aachen soll so auch Dank „hausgemachter“ Erfindungen und Produkten wie Streetscooter und e.GO als Zentrum dieser enorm wichtigen und zukunftsträchtigen Branche positioniert werden. Allein: Für diese Idee gibt es bisher offenbar keine geeignete Fläche.

Da käme Camp Hitfeld wie gerufen. Was in nächster Konsequenz eine Anbindung an die Autobahn 44 voraussetzen würde. Und die ist eigentlich nur an der Monschauer Straße möglich. Genau das hatte einst zur Gründung der Bürgerinitiative geführt, die befürchtet, dass dann ein Teil des Augustinerwalds zwischen Camp und Monschauer Straße vernichtet werden würde.

Keiner hat die Absicht, in Camp Hitfeld ein Gewerbegebiet zu bauen? Wohl eher ist das Gegenteil der Fall — und demnächst müssen Verwaltungsrichter darüber entscheiden, wer damit das große Geschäft macht.

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