Moresnet/Aachen: Wie Moresnet ein Magnet für Pilger wurde

Moresnet/Aachen: Wie Moresnet ein Magnet für Pilger wurde

Würde man in Aachen eine Umfrage starten, was der beliebteste Wallfahrtsort des Öchers sei, kaum einer würde seine eigene Heimatstadt mit den Textilreliquien im Marienschrein des Doms nennen. Obwohl die doch im Mittelalter ein wichtiges Pilgerziel waren.

Eine große Mehrheit würde Moresnet gleich hinter der Grenze zu Belgien nennen. Seit 1863, also seit über 150 Jahren, geht jeden Mittwochnachmittag eine Pilgergruppe aus Aachen vom Preusweg nach Moresnet. Und das mag damit zusammenhängen, dass Moresnet aufzeigt, wie auch zunächst als schlimmes Schicksal empfundene Geschehnisse sich zum Guten wenden können. Und so ist die Geschichte dieses verhältnismäßig jungen Wallfahrtsortes gespickt mit Stichworten wie Erdbeben und Epilepsie, Viehseuche und Kulturkampf oder Heilung und Frömmigkeit, Gebetserhörung und vor allem: Maria, die Gottesmutter.

Doch der Reihe nach: Nach einem schweren Erdbeben um die Mitte des 18. Jahrhunderts leidet der sechsjährige Peter Arnold in Moresnet an epileptischen Anfällen. In Sorge um die Gesundheit ihres Kindes machten die Eltern mit ihrem Sohn anlässlich der Aachener Heiligtumsfahrt 1748 eine Wallfahrt in die Kaiserstadt. Hier ließen sie ihn in vollem Gottvertrauen die gezeigten Reliquien berühren.

Peter Arnold war ein inniger Verehrer der Gottesmutter. Durch ihre Fürbitte erhoffte er sich Trost und Linderung von seiner Krankheit. Eine Nachbarin schenkte ihm das heutige Gnadenbild: Maria mit dem Kind. Täglich betete er im Elternhaus vor dem Gnadenbild, aber die Anfälle ließen nicht nach. Um bei seinen Gebeten nicht gestört zu werden, suchte er nach einem ruhigen Aufbewahrungsort für sein Marienbild, den er im Jahre 1750 im nahen Wald an einer kleinen Eiche fand. Die Eiche stand an der Stelle, wo sich heute die Wallfahrtskirche befindet. Durch sein inständiges Gebet und sein Gottvertrauen wurde er schließlich von den Anfällen befreit.

Die Nachricht von der Heilung verbreitete sich schnell; man schrieb sie Maria zu. Mit der Zeit kamen viele fromme Beter aus der näheren und weiteren Umgebung und vertrauten sich an diesem Ort Maria im Gebet an. Etwa 25 Jahre wurde die Muttergottes in dem Heiligenhäuschen an der Eiche verehrt, bis die französische Revolution auch Moresnet heimsuchte. Peter Arnold verbarg das Gnadenbild zu Hause. Als die revolutionären Wirren vorüber waren, wollte Peter Arnold das Gnadenbild wieder an seinen angestammten Platz zurückbringen. Doch die Kiste war leer. Wie die Chronik berichtet, fand er es an seinem angestammten Platz an der Eiche wieder. Er nahm an, dass das Bildnis auf eine wundersame Weise hierhin zurückgelangt war, und fühlte sich darin bestärkt, dass heilsame Kräfte von dem Bild ausgehen.

Zwei durch Gebete abgewendete Viehseuchen in den Jahren 1771 und 1797 ließen erneut viele Hilfesuchende als Pilger in Prozessionen nach Moresnet kommen. Obwohl das Pilgerleben noch nicht kirchlich organisiert und bestätigt war, gilt das Jahr 1797 als der Beginn der öffentlichen Wallfahrten zu „Unserer Lieben Frau von Moresnet“.

Kapelle 1823 von Bürgern erbaut

Bürger von Moresnet gründeten 1801 ein Komitee, um den Bau einer Kapelle zu ermöglichen. 1823 wurde der Plan verwirklicht. Während die kirchlichen Stellen bis dahin die Wallfahrten stillschweigend duldeten, gelang 1829 mit der ersten kirchlich organisierten Wallfahrt und Prozession der Pfarrei St. Jakob aus Aachen der Durchbruch. Infolge des Kulturkampfes in Preußen und des „Klostergesetzes“ wurden fast alle Klöster aufgehoben. Franziskaner aus Aachen siedelten im Mai 1875 nach Moresnet über. Der Lütticher Bischof übertrug ihnen den Pilgerdienst an der Gnadenkapelle. Die Franziskaner betreuten bis Ende 2005 den Gnadenort. Seitdem werden die Pilger durch einen Priester empfangen. Es erfolgt dann ein Segen oder eine heilige Messe.

Das Gnadenbild wird seit 1992 in der neuen Kapelle verehrt. Dem Pilger ist der Zugang zur Gnadenkapelle, die in Form eines Oktogons gebaut ist, durch drei Türen von der Wallfahrtskirche her möglich. Die 24 Zentimeter hohe Terrakotta-Statue der Gottesmutter mit dem Jesuskind stammt aus dem Jahre 1750. Um die besondere Verehrung hervorzuheben, ist das Gnadenbild an Festtagen seit 1823 mit Schmuck und Seidenstickereien bekleidet.

Moresnet ist nicht zu denken ohne den Kreuzweg. Die parkähnliche Anlage wird zu den schönsten ihrer Art in Europa gezählt. Die Stationsbilder stammen von der Hand des seinerzeit vor allem durch seine zahlreich geschaffenen Denkmäler bekannten Kölner Bildhauers Wilhelm Albermann. So stammt von ihm auch der bildhauerische Schmuck des heutigen Suermondt-Ludwig-Museums in Aachen.

Den ganz eigenen Charakter erhält Moresnet dadurch, dass es keinen „Rummel“ gibt, keine Devotionalien- und Souvenirläden. Vielleicht ist die Stille das Besondere, das die Menschen zu allen Zeiten dorthin zieht.

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