Aachen: Wie Kaspar sich der Macht der Sprache beugt

Aachen : Wie Kaspar sich der Macht der Sprache beugt

Als eine Art Urknall bezeichnet Regisseur Guido Rademachers vom Theater K das Stück „Kaspar“ von Peter Handke. Denn zum ersten Mal werde hier thematisiert, wie Sprache Gesellschaftsordnungen etabliere und wie Geschichten erzählt würden, sagt er.

Das Stück wurde am 11. Mai 1968 uraufgeführt, an eben dem Tag, als mit einem großen Sternmarsch auf Bonn gegen die Notstandsgesetze demonstriert wurde. Und es passt laut Ensemblemitglied Mona Creutzer ganz wunderbar zur aktuellen Ausstellung „Flashes of the Future“ im Ludwig Forum. Und genau dort feiert „Kaspar“ am Samstag, 2. Juni, Premiere.

Einen kleinen Vorgeschmack bekam das Publikum schon während der offiziellen Eröffnung der Schau mit dem Untertitel „DieKunst der 68er oder die Macht der Ohnmächtigen“. Da unterbrachen die Schauspieler des Theater K die offiziellen Reden und gaben einen Einblick in das, was die Zuschauer bei „Kaspar“ erwartet. Die Geschichte lehnt an die historische Figur Kaspar Hauser an und zeigt einen Menschen, der zunächst nur einen Satz kennt. Durch anonyme „Einsager“ wird er mit Wörtern und Grammatik gedrillt.

„Kaspar wird über die Sprache dem Ordnungssystem angepasst“, sagt Rademachers. Und so werde aus einem anarchischen Wesen ein diszipliniertes. Ein höchst spannender Prozess, wie das Ensemble des Theater K meint. Zumal auf dem Höhepunkt des Erreichten etwas ganz Unerwartetes geschieht: Gerade in dem Moment, in dem sich Kaspar die Sprache der „Einsager“ bis aufs Letzte zum eigen gemacht hat, zerbröselt alles.

Dass der Titelheld Kaspar von einer Frau (Annette Schmidt) gespielt wird, findet Andreas Beitin, Direktor des Ludwig Forums, ganz wunderbar. „Das ist eine tolle Idee“, sagt er, denn es passe sehr gut zum Thema Frauenbewegung, die ihrerseits wieder einen Bezug zu den 68ern habe.

Beitin hatte beim Theater K angefragt, ob Interesse bestünde, die aktuelle Ausstellung im Ludwig Forum mit einem Theaterstück zu ergänzen. „Kaspar“ ist nach Meinung aller Beteiligten genau die richtige Wahl und zudem auch heute noch brandaktuell.

Denn Sprache zu hinterfragen sei nach wie vor wichtig, vor allem in Zeiten, in denen Politiker wie US-Präsident Donald Trump mit Blick auf die Sprache „ein Stammtischniveau auf internationale Ebene“ heben würden, meint Andreas Beitin.

Wie sehr Sätze und Satzmodelle geeignet sind, Menschen zu disziplinieren und Herrschaft zu etablieren, können die Zuschauer bei „Kaspar“ beobachten. Laut Mona Creutzer ist das Stück extrem „ausgefeilt und liefert einen Diskurs durch die deutsche Grammatik“. Kaspars „Disziplinierung“ ist demnach ein langer Prozess, an dessen Ende dann aber nicht das geschieht, was man erwartet hätte.

Es spielen: Mona Creutzer, Jochen Deuticke, Norman Nowotko, Barbara Portsteffen, Anton Schieffer, Annette Schmidt und Svenja Triesch.

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