Aachen: Wie Aachener Volkszeitung und Aachener Nachrichten 1968 beschrieben

Aachen : Wie Aachener Volkszeitung und Aachener Nachrichten 1968 beschrieben

1968 riecht ein bisschen muffig, ist leicht vergilbt, etwas verstaubt ist es auch: gut und gerne 80 Kilo Papier, gebunden in 16 Zeitungsbänden, aufbewahrt im Archiv unseres Medienhauses. Wir wollten wissen: Wie haben eigentlich die Kollegen damals, wie haben Aachener Volkszeitung (AVZ) und Aachener Nachrichten (AN), die Vorgänge erlebt, beschrieben, kommentiert? Schlagzeilen und Zitate aus einem unruhigen Jahr.

4. April 1968: Memphis

Das Grundgesetz wird symbolisch zu Grabe getragen: Schweigemarsch durch Aachen am 30. Mai 1968 gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze. Foto: Archiv/Sepp Linckens

Was geschah: Es dämmert, als Martin Luther King auf den Balkon des Lorraine Motels tritt. Das Haus ist eines der wenigen, das Schwarze aufnimmt. Als er auf dem Balkon steht, trifft ihn eine Kugel. Es ist 18.01 Uhr. Eine Stunde später ist King tot. Der Kämpfer, der Hoffnungsträger für Millionen Schwarze. Der Rassist James Earl Ray wird dafür später als Mörder verurteilt. Sein Geständnis widerruft er.

6. April: „Rassen-Aufruhr in den Staaten“

„Rassen-Aufruhr in den Staaten“ titelt die AVZ, Chefredakteur Konrad Simons kommentiert: „Die hinterhältige Ermordung dieses Gewaltlosen liefert leider einen erneuten Beweis dafür, wie wenig ein uneingeschränkter, ein ungeschützter Pazifismus zu verwirklichen ist.“ Es sei „damit zu rechnen, dass sich der radikale Stokely Carmichael, der New Yorker Trinidadneger, als Nachfolger Kings in der Negerführung durchsetzen wird.“ Es sollte anders kommen: Nachfolger wurde der 41-jährige Geistliche Ralph Abernathy.

In den Aachener Nachrichten schreibt Chefredakteur Erich Hahn in seinem Leitartikel: „Sein gewaltsamer Tod scheint allen jenen recht zu geben, die Kings Mittel, den Negern ein menschenwürdiges Dasein zu sichern, für untauglich hielten.“ Der „Neger“ sei „zwar gut genug, im Krieg mit den Weißen zu sterben, aber er ist offenbar unwürdig, auch im Frieden mit ihnen zu leben“.

8. April: „Jetzt meucheln sie seinen Geist“

Unter dieser Überschrift sieht der Leitartikler der AVZ die Studentenbewegung durch die Bluttat von Memphis diskreditiert: „Der SDS ruft auch wieder zu Demonstrationen auf — jene Leute, die vor einigen Wochen noch forderten: ‚Schafft viele Vietnam‘.“ Und weiter: „Wie glaubwürdig sind solche Demonstrationen angesichts des Todes jenes Apostels der Gewaltlosigkeit?“

9. Apri: Oberhausen, „Der missglückte Aufstand“

Das Feuilleton der AVZ blickt zu den Oberhausener Kurzfilmtagen — und ist schwer entrüstet: „Fast hätte ein Phallus das Oberhausener Festival zu Fall gebracht. Dieses männliche Glied, anonymer Hauptdarsteller der primitiv gefilmten Masturbationsferkelei ‚Besonders wertvoll‘ von Hellmuth Costard, war dazu auserkoren, die Westdeutschen Kurzfilmtage via Staatsanwalt nicht nur in Kalamitäten zu bringen, sondern als ‚reaktionäre Veranstaltung der Etablierten‘ öffentlich zu denunzieren.“

11. April: Berlin

Was geschah: Mit einem aufgebohrten Revolver streckt der vorbestrafte Hilfsarbeiter Josef Bachmann (23) um 16.35 Uhr den linken Studentenführer Rudi Dutschke auf dem Kurfürstendamm mit drei Kugeln nieder. Dutschke überlebt schwer verletzt. Bachmanns Motiv: Hass auf Kommunisten und alle, die er dafür hält. Nach der Tat flieht er. Er schießt auf die Polizei, die ihn in seinem Versteck aufstöbert. Bachmann wird zu sieben Jahren Haft verurteilt. 1970 tötet er sich in seiner Zelle.

13. April: „Nach Attentat auf Dutschke: Schwere Krawalle in den Städten“

„Die Demonstrationen des SDS machten auch vor Kirchen nicht halt“, heißt es in der AVZ. Chefredakteur Simons kommentiert: „Wer den extremen Kommunisten Dutschke mit (...) King vergleicht, tut beiden unrecht. Persönlich von sanfter Natur, proklamiert Dutschke jedoch — unter der roten und der Vietcong-Fahne — die Revolution, und wo ist je eine Revolution gewaltlos abgelaufen?“ Die „abscheulichen Schüsse auf Dutschke“ seien „kein Anlass, die geltende freiheitliche Ordnung abzulehnen“.

Nach dem Attentat werden mehrere Gebäude in der Aachener Innenstadt beschmiert. „Eine der Parolen, auf ein großes Kruzifix im Schatten des Karlsdoms gemalt, wagte den gröbsten Vergleich. Sie lautete: ‚Jesu-Kind-Dutschke‘.“ (AVZ)

Eine Demonstration zieht durch Aachen. Unter den Teilnehmern „auffallend viele Ausländer und auch eine Anzahl Kinder“, beobachtet die AVZ. „Mit dem Sprechchor ‚Wir lieben Polizei‘ wollten sie offenbar die Beamten (…) lächerlich machen.“ Es seien „immer dieselben Gesichter, die bei solchen Aktionen zu sehen sind“, heißt es im Aachener Lokalteil. Die Art solcher Demonstrationen „lässt Zweifel darüber aufkommen, dass es hierbei um (berechtigte) studentische Belange geht.“

13. April: „Attentäter wollte Mord an King nachahmen“

In den Nachrichten heißt es über eine Demonstration auf dem Aachener Markt: „Wider Erwarten bewahrten die zumeist farbigen Studenten (…) Disziplin.“ Die „Teilnahme der Deutschen Studentenschaft war spärlich“ — es habe wohl an Examensprüfungen und den Semesterferien gelegen.

AN-Chefredakteur Hahn kommentiert: „Dutschkes Ideen mögen vage und unausgegoren sein. Tatsache aber ist, dass die von ihm geführte Kampagne erheblichen Staub nicht nur in den Universitäten aufwirbelt, sondern auch einige Bewegung in unser erstarrendes politisches Leben gebracht hat.“ Die Proteste seien zwar oft ziellos, „aber niemand bemüht sich auch ernsthaft, sie zu verstehen.“ Hahn fragt sich, „ob die Festungen der etablierten Autoritäten auf Dauer gehalten werden können.“

16. April

„Es sind Kräfte am Werk, die aus der Bundesrepublik Deutschland einen brodelnden Unruhe-Kessel machen wollen“, warnt die AVZ. „Die rohe Gewalt wird nicht nur durch die Schüsse auf Dutschke, sondern auch durch die Parolen des SDS und anderer Linksextremisten dokumentiert.“ Aber es gibt auch einen Appell zu staatlicher Mäßigung: „Die demokratische Mitte kann die Demokratie nicht mit dem Polizeiknüppel retten.“

17. April

Beim Versuch, den Aufruhr auf den Straßen der Republik zu erklären, beklagt die AVZ „einen eklatanten Mangel an Zivilcourage.“ Zu selten hätten „Ältere den Mut gehabt, die Jugend darauf hinzuweisen, dass es noch kein Verdienst ist, 20 Jahre jung zu sein“. Vor der ersten außerordentlichen Studentenversammlung im Audimax der RWTH befragt die Volkszeitung auch den AStA-Vorsitzenden Claus Haase und schreibt: „Es bleibt abzuwarten, was das erste Teach-in in Aachen bringt. Es bleibt zu hoffen, daß es nicht allein die radikalen Kräfte sind, die lautstark zu Wort kommen.“ Am Tag darauf schreibt die AVZ erleichtert: „Die Versammlung, an der zeitweise auch der Rektor und der Senat teilnahmen, verlief geordnet und ohne jegliche Zwischenfälle.“

Zu Forderungen aus den Reihen der Studenten, dass „die Aachener Tagespresse einmal wöchentlich die Anliegen der Aachener Studentenschaft sachlich und informativ wiedergeben solle“, schreibt die AVZ: „Wer unsere Zeitung regelmäßig liest, weiß, dass vielfältige Stimmen in ihr zu Wort kommen, dass die Redaktion auch denen Raum gibt, die entgegengesetzte Meinungen als sie selbst vertreten.“

20. April: „Die Feiglinge“

„Die Feiglinge“ betitelt AVZ-Chefredakteur Konrad Simons seinen Kommentar:

„Die Feigheit der Etablierten. Hierzu gehören Professoren, die den Studenten nach dem Mund reden. Richter, die sich von ihnen verhöhnen lassen und milde Strafen ‚zur Bewährung‘ verhängen. (….) Fernseh-, Funk- und Pressekommentatoren, die das nicht zu sagen wagen, was sie — abweichend von der ‚Meinung der Jugend‘ — meinen.“

6. Mai: Paris

Was geschah: Studenten besetzen die Pariser Universität Sorbonne. Die Polizei räumt mit Gewalt. Es folgen Demos, Barrikaden und blutige Straßenschlachten. Die französischen Gewerkschaften rufen zum landesweiten Generalstreik auf, Arbeiter besetzen Betriebe.

8. Mai

AVZ-Kommentator Karl Plum sieht in den Studenten in den Straßen von Paris und Berlin „junge Leute, die links von Mao stehen“. Was sich da „als sogenannte außerparlamentarische Opposition breitmacht, (…) ist in Wahrheit eine Verschwörung gegen die Demokratie. Eine Verschwörung, die um nichts harmloser dadurch wird, dass sie lange nicht ernst genommen wurde.“ Der Leser solle sich nicht täuschen lassen: „Hinter der Fassade von Hippies kann sehr wohl die Leere der absoluten Anarchie geboren werden. Und sogar Blumenmädchen können sich schnell in Flintenweiber verwandeln.“

14. Mai

Die Volkszeitung setzt sich kritisch mit der Reaktion der französischen Regierung auf die Mai-Unruhen auseinander: „Ein Regime, das sich für unfehlbar hält, verfängt sich in der eigenen Schlinge.“ Der „fast militärisch anmutende Einsatz der helm- und schildbewehrten Polizisten war ein schwerer Fehler.“

11. Mai: Bonn

Was geschah: Zehntausende nehmen an einem Sternmarsch gegen die geplanten Notstandsgesetze durch die damalige Bundeshauptstadt Bonn teil. Sie sollten es der Regierung erlauben, im Fall eines „inneren Notstands“ wie einem Umsturzversuchs, aber auch einer schweren Naturkatastrophe Grundrechte einzuschränken und Funktionen des Bundestags zu übernehmen. Die APO befürchtet, dass dieser Schritt die Rückkehr zur Autokratie oder gar zum Faschismus einleitet.

11. Mai: „Sternmarsch auf Bonn soll die Öffentlichkeit irreführen“

Die AVZ schreibt: „Am Sternmarsch — einzelne Gruppen legten die etwa vier Kilometer lange Strecke untergehakt im ‚Ho-Tschi-Minh‘-Hop, einem sturmartigen Lauf in breiter Formation zurück — beteiligten sich auch Gruppen von Ausländern und vereinzelt mit Plakaten gegen die Agrarpolitik protestierende Bauern und Winzer.“

16. Mai

Eine Demonstration gegen die Notstandsgesetze zieht von der RWTH durch die Innenstadt. Am Tag darauf heißt es auf der Titelseite der Aachener Volkszeitung unter einem Foto: „Über 1000 Studenten, Schüler und Schülerinnen zogen (...) in disziplinierter Demonstration vor das Gebäude unserer Zeitung in der Theaterstraße, um in Sprechchören ‚Besser informieren‘ und ‚AVZ — ins Klosett‘ zu rufen.“

17. Mai

Die Nachrichten kommentieren die 2. Lesung der Notstandsgesetze im Bundestag: „Seit gestern hat unser Grundgesetz, mit dem wir bisher recht gut gefahren sind, mehrere Löcher. (…) Es wäre bequem, wenn auch niederträchtig, die Bundeswehr beispielsweise gegen ‚Unruhestifter‘ einzusetzen, denen es um die Durchsetzung berechtigter Forderungen geht.“

20. Mai

Hanno Ernst, stellvertretender Chefredakteur der AVZ, schreibt, man müsse bei der Beurteilung der Proteste differenzieren: „Die Unzufriedenen sind keineswegs alle als Ultralinke (…) einzuordnen. Die Palette ihres vorläufig gewählten politischen Standorts ist gar nicht so weit von dem, wo ihre Väter stehen.“

30. Mai

Zehn Tage später klingt das in der Volkszeitung schon wieder anders: Der Autor sieht „durchaus politisch engagierte Studenten“ auf der Straße, aber auch „Umstürzler des SDS“, „als ultralinks bekannte Dozenten“ und „einige schon immer um ihren Standort unbekümmerte Literaten und Künstler“ — sowie „etliche mehr vom Mißtrauen als vom Vertrauen zehrende geistliche Würdenträger.“

30. Mai: Aachen

Was geschah: Rund 250 Notstandsgegner mit Fahnen und Transparenten sprengen im Stadttheater die Aufführung von Carl Zuckmayers Lustspiel „Der fröhliche Weinberg“ nach dem ersten Akt und hieven einen Sarg auf die Bühne, der den Tod des Grundgesetzes symbolisiert. Nach zwei Stunden räumt die Polizei den Saal.

30. Mai: „Stadttheater im Notstand“

Die AVZ schreibt im Feuilleton: „Aachens lange Theatergeschichte ist um eine ‚Inszenierung‘ reicher, auf die die Zuschauer gern verzichtet hätten. Dabei erklangen Franz-Josef Degenhardts provozierende Songs.“

Mehr von Aachener Zeitung