Aachen: Wenn Neonazis Che-Guevara-Shirts tragen

Aachen: Wenn Neonazis Che-Guevara-Shirts tragen

Einmal im Jahr stehen bei Neonazi-Aufmärschen die „Lederdeppen” auch vor den Türen des Aachener Theaters. Grund genug für Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck, sich mit dem Thema Rechtsextremismus auseinanderzusetzen.

Deshalb veranstaltet das Theater eine Themenwoche zur Premiere von George Taboris „Mein Kampf”, in dem der ungarische Schriftsteller dem Grauen von Rassismus und Massenmord mit schwarzem Humor begegnet. „Mit der Themenwoche wollten wir auch vermitteln, warum wir uns überhaupt mit diesem Thema beschäftigen. Schließlich ist der Rechtsextremismus eine Krise in Deutschland, die bis in die heutige Zeit reicht ”, erklärt Schmitz-Aufterbeck.

Das wird auch bei der Podiumsdiskussion im Spiegelfoyer des Theaters mit Richard Gebhardt und Michael Klarmann deutlich. Die Diskussion mit dem Titel „Die Lederdeppen vor der Tür” wurde von Bernd Büttgens, dem stellvertretenden AZ-Chefredakteur, moderiert und ist ein Bestandteil der Themenwoche.

Richard Gebhardt ist Politikwissenschaftler an der RWTH und Koordinator der Forschungsgruppe Rechtsextremismus. Der Journalist Klarmann recherchiert seit mehreren Jahren intensiv in der rechten Szene in Aachen und Umgebung. Eindrucksvoll berichtete er von seiner Arbeit, die ihn immer wieder selber in Gefahr bringt. „Ich bekomme regelmäßig Morddrohungen, wurde schon mehrmals angegriffen. Mit solchen Erlebnissen muss man eben leben”, so Michael Klarmann.

Obwohl die NPD bei den Landtagswahlen vor zwei Wochen nur 0,7 Prozent der Zweitstimmen gewinnen konnte, sieht Politikwissenschaftler Richard Gebhardt Gründe zur Besorgnis: „Das Problem Rechtsextremismus kann nicht an Wahlprozenten fest gemacht werden, sondern ist eine Frage der Militanz und der Gewaltbereitschaft.” Nach einer Studie verfügten in Deutschland 8,6 Prozent über ein geschlossen rechtsextremes Weltbild - ein Potential, das irgendwann von den rechten Parteien mobilisiert werden könne.

Auch Michael Klarmann warnt davor, sich vom Schein trügen zu lassen. „Die rechte Szene ist sehr aktiv, auch wenn sie ihr Aussehen so verändert hat, dass sie von außen oft nicht gleich erkennbar ist.” Glatze, Bomberjacke und Springerstiefel gehören demnach nicht mehr zur stereotypen Ausstattung von Neonazis, die sich inzwischen auch anderer Symbolen der Jugendkultur bedienten. „Man sieht auf Veranstaltungen durchaus auch Rechtsextreme im Che-Guevara-Shirt oder mit Palästinenser-Tuch”, so Richard Gebhardt.

Rechtsextreme Gruppierungen, wie etwa die Autonomen Nationalisten, versuchen zunehmend, auch unpolitische Jugendliche anzusprechen, und bedienen sich dabei Elementen der Jugendkultur, die eigentlich nicht der rechten Szene zugeordnet werden können, wie etwa Graffiti, Comicfiguren aus populären amerikanischen Serien oder Musik der eher linken Punkszene. Ist der Kontakt einmal geknüpft, werden ideologische Inhalte vermittelt und rechte Anschauungen eingeimpft.

Generell warnt Gebhardt davor, rechte Tendenzen nur an den Symbolen festmachen zu wollen: „Einen Nazi erkennt man nicht an den Schnürsenkeln.” Wenn Eltern bemerken wollten, ob ihr Kind eventuell in die rechte Szene abrutsche, sollten sie auf die Gesinnung und die Haltung besonders in Bezug auf bestimmte Reizthemen achten, empfiehlt er.