Wenn im Alexianer Krankenhaus in Aachen kein Zimmer mehr frei ist

Aachen: Wenn im „Alexianer“ kein Zimmer mehr frei ist

Weil immer mehr psychiatrische und psychotherapeutische Fälle in Aachen gezählt werden, muss das Alexianer Krankenhaus — das nach Aussage der Alexianer-Regionalgeschäftsführerin Birgit Boy „aus allen Nähten platzt“ — expandieren. Exakt 3559 Patienten wurden 2013 behandelt, mittlerweile sind es pro Jahr rund 4000.

Zu den 190 vollstationären Krankenhausbetten und 60 teilstationären Betten sowie 120 Wohnplätzen für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sollen 48 weitere Betten kommen.

Alexianer Krankenhaus

„Es gibt verschiedene Ausbau-, Umbau- und Neubauvarianten, auch für die Seite Mörgensstraße. Aber das reicht nicht. Es steht noch nicht fest, wie wir vorgehen. Und die Finanzierung ist ebenfalls noch nicht geklärt“, sagt Boy. In Kürze werden jedenfalls auch gegenüber dem Stammsitz am Aachener Alexianergraben leerstehende Geschäftslokale für „ambulante Arbeitstherapie“ genutzt. Insgesamt 790 Mitarbeiter zählen die Alexianer inzwischen. Stück für Stück wurde das historische Gebäudeensemble am Rande der Innenstadt immer weiter ausgebaut. Zudem mussten weitere Immobilien angemietet werden.

Geschäftsnachbarn haben sich arrangiert

Viele Anwohner und Geschäftsnachbarn haben sich seit Jahren damit arrangiert, dass im Umfeld des Krankenhauses vermehrt Menschen mit offensichtlicher psychischer Beeinträchtigung im Stadtbild auftauchen. Dies müssen aber nicht zwangsläufig Alexianer-Patienten sein. „Suchtkranke und Obdachlose suchen die Nähe unseres Hauses — auch ohne Behandlung“, sagt Boy.

Die traditionelle tägliche Brotausgabe der Alexianer zieht die ganze Bandbreite der hilfsbedürftigen Klientel an. 20.224 warme Mahlzeiten gab die St. Alexius-Stube im Jahr 2016 aus, hinzu kamen 11.880 Butterbrotpakete. „Wir könnten den Zustrom verringern, wenn wir die Brotausgabe einstellen, aber das möchten wir nicht“, betont der Ärztliche Direktor und Chefarzt im Alexianer Krankenhaus, Dr. Michael Paulzen.

Seit 100 Tagen ist der 43-jährige Spezialist im Amt. Er hat Humanmedizin und Betriebswirtschaftslehre studiert und war zuletzt als Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Uniklinik Aachen tätig. Er weiß, dass der „normale“ Bürger vor der Türe häufiger als früher mit auffälligen Menschen konfrontiert wird. Auch eine Folge des Bundesteilhabegesetzes, das Menschen mit Behinderung mehr Selbstbestimmung garantiert. Viele sind rund um die Klinik zwischen Globus-Center, Mörgensstraße und Alexianergraben unterwegs. Manche sind extrem in sich gekehrt, murmeln etwa vor sich hin.

Einige wenige — wie auch die Geschäftsführerin der Fachklinik und die Polizei auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigen — verhalten sich laut und aggressiv. „Ja, es ist schlimm. Dass hier Passanten angegangen und angepöbelt werden, kommt täglich vor“, sagt eine Geschäftsfrau, die nur wenige Meter entfernt vom Haupteingang arbeitet. „Nein, hier gibt es ein völlig unproblematisches Miteinander. Die Lage ist entspannt, genauso wie vor 30 Jahren“, sagt ein anderer Nachbar.

Ähnlich widersprüchlich ist die Einsatzstatistik der Polizei. Zwar zählte man dieses Jahr bereits über 100 Fälle, was enorm viel ist, aber die wenigsten drehen sich um Ruhestörungen oder gar Gewalttaten. Meist geht es um Vermisstenfälle, die das Alexianer Krankenhaus an die Polizei weiterleitet. Vor der Tür der Klinik musste die Polizei 2017 bislang 17 mal anrücken — wegen verdächtiger Personen, Körperverletzung, Einbruch, Randale, Hilfeersuchen, Streit, Belästigung, Ruhestörung und Hausfriedensbruch.

Apropos vermisst: Nur die wenigsten Patienten werden gegen ihren Willen zur psychiatrischen Behandlung in der Klinik festgehalten. Die Hürden des Gesetzgebers dafür sind immer weiter gewachsen. Es müssen „akute erhebliche Gefährdungsaspekte“ richterlich bestätigt sein. Aggressives Pöbeln gepaart mit auffällig abnormalem Verhalten reicht dafür bei weitem nicht aus. Trotzdem fühlen sich Bürger in Einzelfällen bedroht — etwa wenn ein augenscheinlich verstörter Mann vor dem Portal des Alexianer Krankenhauses wahllos nach Kinderwagen tritt. Eine Ausnahme, wie die Geschäftsführung klarstellt. Zumal nicht geklärt ist, ob es sich bei diesem Fall aus der vergangenen Woche tatsächlich um einen Patienten oder einen Bewohner handelte.

Hausintern freut man sich über den „Neuzugang“ Paulzen. Vor Monaten hatte es von Patienten und Klinikangestellten Kritik an der Umstrukturierung von Geschäftsbereichen sowie Einschnitten bei ambulanten Therapieangeboten gegeben. „Es gibt deswegen keine Nachwehen. Ich erlebe hier großen Wissensdrang und viel Engagement“, lobt Klinik-Chef Paulzen.