Aachen: Wenn der Zug endet, legt Madeleine Niesche los

Aachen: Wenn der Zug endet, legt Madeleine Niesche los

„Meine Damen und Herren am Gleis acht, der RE 1 nach Aachen, planmäßige Abfahrt 17.09 Uhr hat heute 90 Minuten Verspätung!“ Madeleine Niesche flucht, zieht sich ihre blaue Kapuze noch ein bisschen fester über den Kopf und jongliert geschickt mit einem Kaffeebecher in der einen und dem Smart-Phone in der anderen Hand: Die Bahn-App hat eine solche Verspätung nicht angezeigt. Madeleine Niesche ist nur fast eine normale Pendlerin.

Es ist zugig und unglaublich kalt am Bahnhof in Köln-Deutz. Nur wenige Minuten vor der Bahnsteigdurchsage hat Madeleine Niesche noch von den Konventionalstrafen erzählt, die ein Schauspieler bekommen kann, wenn er zu spät zur Vorstellung erscheint - das bedeutet im schlimmsten Fall, dass er für den kompletten Vorstellungsausfall aufkommen muss. „Bei so einer Zugverspätung geht einem der Arsch schon mal auf Grundeis“, sagt sie und lacht. Dann schlägt sie vor, sich zumindest unter den Treppenaufgang zu stellen, solange man noch warten muss. „Hier ist es weniger kalt, das merkt man direkt.“ Frieren, das könne sie nicht leiden.

Ankunft am Hauptbahnhof: Wenn die Schauspielerin den Zug verlässt, geht der Arbeitstag erst richtig los. Aber pendeln gehört für die Künstlerin zum Beruf dazu. Foto: Andreas Steindl

Bühne statt Regie

Madeleine Niesche ist 1973 geboren in Mecklenburg-Vorpommern, ein Mädchen von der Müritz. Nach dem Abi wollte sie eigentlich Regisseurin werden, begann als Regieassistentin am Theater, um in den Beruf einzusteigen. „Irgendwann musste ich dann mal mit dem Textbuch einen Schauspieler vertreten. So wurde ich entdeckt“, erinnert sie sich zurück. Ab diesem Zeitpunkt war klar: Sie wird Schauspielerin.

Am Bahnsteig acht in Köln-Deutz macht sich allgemeiner Unwille breit - 90 Minuten Verspätung: „Nee oder?!“ Niesche nimmt immer zwei Züge früher, damit sie rechtzeitig am Grenzlandtheater in Aachen ist, wo sie im Moment im Stück „Tief in einem dunklen Wald“ die Betty spielt.

Um 17.24 Uhr ist es dann doch schon so weit: Die 90 Minuten Verspätung waren Fehlalarm, Madeleine Niesche sitzt im Zug nach Aachen. Sie zieht ihre Jacke aus und macht es sich im warmen Zug auf den blaukarierten Sesseln bequem. Es ist voll, die Pendler fahren nach Hause. Viele Leute telefonieren, einige sind einfach müde vom Arbeitstag, im Zug liegt eine schläfrige Stimmung in der Luft.

Madeleine Niesches Arbeitstag geht jetzt erst richtig los: Wenn sie im Grenzlandtheater angekommen sein wird, setzt sie Teewasser auf, schminkt sich selbst, dann geht es auf die Bühne.

Jetzt lutscht sie aber erstmal einen Kräuterbonbon und erzählt, dass sie bis 2009 am Theater in Koblenz fest angestellt war. „Dann kam ein Intendantenwechsel und mein Mann und ich wurden entlassen.“ Was für andere mit Mitte 30 eine Katastrophe wäre, war für Niesche ein Neuanfang. Seitdem ist sie freiberufliche Schauspielerin, lebt in Köln und das Pendeln gehört zum Alltag. Köln-Aachen, Köln-Düsseldorf, Köln-Essen — das weiteste, sagt sie, war bis Frankfurt. „Jeden Morgen saß ich mit massenhaft Anzugträgern im Zug“, erzählt sie. Auch in Hamburg, Berlin oder München spielt sie manchmal, dann wohnt sie allerdings auch zeitweise dort.

Madeleine Niesche ist ein angenehm offener Mensch, man hat direkt das Gefühl, man rede mit einem Freund. Ohne Umschweife gibt sie zu, dass das Arbeiten als freie Schauspielerin gar nicht so einfach ist - vor allem nicht als Frau. „Für uns gibt es einfach weniger Rollen.“ Das Alter käme noch dazu - vor allem im Fernsehen werde viel zu jung besetzt. Neben ihrer Leidenschaft, dem Theater, hat Niesche auch schon für Serien in ARD, ZDF oder Sat 1 vor der Kamera gestanden.

„Nächster Halt Düren, Ausstieg in Fahrtrichtung links!“ Der RE 1 bewegt sich ohne weitere Zwischenfälle durch das Winterdunkel weiter Richtung Aachen.

Ob so ein Schauspieler-Nomadenleben es einem schwer macht, irgendwo seine Wurzeln zu finden? Niesche muss über die Frage erstmal nachdenken. „Am Wichtigsten in meinem Beruf ist, dass die Arbeit gut ist“, erklärt sie dann. „Die Familie bildet meine Wurzeln und sie ist mir sehr wichtig.“ Auch Niesches Mann ist Schauspieler und Regisseur, die Tochter geht auf ein Gymnasium in Köln, will aber nicht in die Fußstapfen der Eltern treten. „Nachdem wir in Koblenz aufhören mussten, hat sie gesehen, wie schwer es sein kann.“

Ihren Pendel-Alltag und das allmonatliche Spielortwechseln will Niesche aber nicht missen, sagt sie und lächelt. „An verschiedenen Häusern zu arbeiten und verschiedene Menschen zu treffen ist sehr schön. Man erfährt eine große Wertschätzung“, sagt sie. Eigentlich sei die Entlassung 2009 sogar wirklich gut gewesen. „Sonst wäre das Leben ja völlig gleich geblieben. Für einen künstlerischen Beruf ist das nicht gut.“

Das Zugfahren, das sei ihre Zeit. Sie liest gern auf dem Weg zum Auftritt, außer bei Premieren sei man nicht mehr aufgeregt. Dennoch gelte auf dem Weg zum Theater: jeden Stress vermeiden. „Ein Auftritt ist emotional immer anstrengend, deshalb bin ich gern eine Stunde vorher da.“

Anspannung ist plötzlich da

„Meine Damen und Herren, wir erreichen Aachen Hauptbahnhof, dieser Zug endet hier.“ Madeleine Niesche packt sich wieder in ihren Wintermantel ein und zieht schwarze, fellgefütterte Fausthandschuhe über. Als sie das Aachener Gleis betritt, merkt man, dass nun die Anspannung da ist, die man braucht, bevor man auf die Bühne steigt. Es ist jetzt 18.36 Uhr. Zu Fuß geht es über den Bahnhofvorplatz Richtung Theaterstraße und über Harscampstraße und Suermondtplatz Richtung Elisengalerie. In Aachen ist es definitiv nicht so kalt wie in Köln. Autofahren komme nicht in Frage. „Ein Stau würde mich hysterisch machen. Ich würde irgendwann über den Acker fahren.“ Irgendwie nimmt man ihr das sofort ab.

Eine Cola kauft sie sich noch, dann verschwindet Niesche im Theater. Um kurz vor 22 Uhr nach der Vorstellung wird sie dann in den Zug zurück nach Köln steigen, um kurz nach halb elf ist sie wieder zu Hause. Morgen geht es dann wieder von vorne los.

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