Aachen: Weihnachten 1943: Als eine Bombe in die Chorhalle einschlug

Aachen: Weihnachten 1943: Als eine Bombe in die Chorhalle einschlug

Nur ganz am Rande wurde anlässlich des 600. Jubiläums der Chorhalle des Domes in diesem Jahr der gefährlichsten Minuten in deren Geschichte gedacht — als nämlich wenige Stunden vor Weihnachten 1943 eine Sprengbombe in die Chorhalle eindrang und nach einigem Hin und Her diese wieder durch ein Fenster verließ, und erst später draußen detonierte.

Das Luftschutztagebuch hat festgehalten, das Heiligabend 1943 nachts um 1.39 Uhr Luftalarm ausgelöst wurde. In der Zeit von 2.15 bis 2.34 Uhr warfen vier britische Flugzeuge 13 Sprengbomben auf Dom und Rathaus. Im offiziellen britischen Bericht heißt es zu dem Angriff: „Mosqitos führten Präzisionsangriffe auf Ziele in Aachen und Duisburg“ aus. Wörtlich zu Aachen: „Drei Mosquitos und ein Penwiper-Flugzeug bombardierten Aachen nach Plan; zwei bombardierten mit Oboe (Zielgerät), aber hatten teilweise Misserfolg, was auf mangelhafter Auslösung (der Bomben) beruhte“.

Mosquitobomber waren vorwiegend aus Holz gebaut und deshalb nur schwer im Fluge zu orten. Für den Dom waren drei Bomben bestimmt. Je eine sollte den Turm, das Oktogon und die Chorhalle treffen. Die Bomben auf Turm und Oktogon wurden um den Bruchteil einer Sekunde zu früh ausgelöst und schlugen im Kreuzgang und im Katschhofgarten des Domes ein.

Die dritte Bombe traf zielgenau. Sie schlug in das Dach der Chorhalle ein und durchschlug das Gewölbe des Chorschlusses. Gewölbetrümmer fielen auf den Hochaltar herab und zerstörten ihn überwiegend. Die Bombe tangierte mehrere Gewölberippen und riss sie mit den benachbarten Gewölbekappen herab. Dann schlug die Bombe auf einen der gotischen Queranker auf, knickte ihn, wurde dann aber nach Osten abgefälscht und rammte hoch oben die rechte Hälfte des östlichen Pfeilers, an dem unten die Figur Karls des Großen steht. Teile der Fensterlaibung wurden weggerissen und die Bombe fand an dieser Stelle den Weg ins Freie. Der Aufschlag erfolgte im Straßenpflaster vor der heutigen Bäckerei Nobis und trudelte dann die leicht abschüssige Hartmannstraße bis zum Haus Nr. 6 hinab, wo sie liegen blieb.

Da sie einen chemischen Langzeitzünder hatte, konnten die Feuerwerker die Bombe nicht entschärfen. Sie wurde mit zahlreichen Strohballen abgedeckt und detonierte am Heiligen Abend um 15.03 Uhr. Um 15 Uhr hätte die wegen der zahlreichen nächtlichen Luftalarme vorverlegte Christmette beginnen sollen. Doch wegen der Schuttmassen i2n Chorhalle und Oktogon waren alle Weihnachtsgottesdienste aus dem Dom in die Pfarrkirche St. Jakob verlegt worden.

Die Zeitzünder kurz vor Weihnachten waren kein Einzelfall. In einem Zeitungsbericht hieß es Tage später: „Die britischen Terrorflieger verwandten bei ihren Angriffen auf Wohngebiete des Reichsgebiets in den Morgenstunden des 24. Dezember eine große Anzahl von Langzeitzündern. Diese wurden so eingestellt, dass sie am Heiligen Abend detonieren sollten“.

Von niemandem beobachtet

Den nächtlichen Sturz der Bombe in die Chorhalle hat selbstverständlich niemand beobachten können. Aber im nördlichen Treppenturm des Domes hockten die Mitglieder der Domwache. Einer von ihnen, Walter Meven, hat später erzählt: „Als die Bombe durch die Chorhalle sauste und der ganze Steinkram herunterfiel, war unser erster Eindruck von dem ohrenbetäubenden Lärm: da ist die ganze Chorhalle zusammengefallen“. Adelheid Collette, eins von zwei Mädchen in der Gruppe, hat berichtet: „Als die Bombe fiel, habe ich geglaubt, die Chorhalle ist weg. Staub und Dreck wirbelten hoch, es war nichts zu sehen. Aber sie war nicht weg.“

Jahre später beschloss der Aachener Redakteur Jac. Vonberg ein Interview mit Domkustos Erich Stephany wie folgt: „Man mag jenen eigenartigen Glückszufall vor der Weihnacht 1943 nüchtern, rationalistisch mit dürren Worten beschreiben. Wir sind ja um vieles klüger, aber nicht an dem Geheimnis des Tages, das noch stärker wird, wenn man hört, dass gerade an diesem Pfeiler unten die Figur Karls des Großen steht, der so die schlimmste Gefahr, die seiner Gotteshalle in ihrer Geschichte drohte, abzuwenden schien. Wie gesagt: Wir sind nüchterner geworden. Das Mittelalter aber in seiner glücklichen Einheit von Gott, Geist und Leben hätte sicherlich eine Legende darum gedichtet“.

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