Aachen: Wechselvolle Geschichte umgibt „Maria im Tann”

Aachen: Wechselvolle Geschichte umgibt „Maria im Tann”

Für viele Aachener ist der Name „Maria im Tann” ein Synonym für Kinderheim. Aber die 100-jährige Geschichte der Gebäude im Aachener Wald ist vielfältiger. Zunächst als Erholungsheim für Lungenkranke gebaut, waren die Gebäude teilweise Kindererholungsheim und beherbergen heute ein modernes Zentrum für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe sowie die Jugendberufshilfe der Stadt Aachen.

Abgeschieden vom Lärm der Stadt und doch gut mit der Kleinbahn zu erreichen: So sahen im Jahr 1900 die idealen Voraussetzungen für eine Lungenheilstätte im Aachener Stadtwald aus. Bereits zu dieser Zeit waren Mediziner davon überzeugt, dass allein die stationäre Behandlung im Krankenhaus nicht ausreicht. Erst eine zusätzliche Erholungskur sollte die vollständige Genesung bringen.

„Begründet wurde dies nicht nur aus ethischen Gründen, sondern auch wegen der nationalökonomischen Tragweite: Man wollte die Arbeits- und Wehrkraft der Nation erhalten”, sagt Dr. Holger A. Dux, Historiker an der Volkshochschule Aachen. Allerdings dauerte es tatsächlich noch neun Jahre, bis die Gebäude eröffnet werden konnten.

Anlässlich der Silberhochzeit des deutschen Kaiserpaares Wilhelm II. und Augusta Viktoria machten die Aachener und Münchener Feuerversicherungsgesellschaft und der Verein zur Beförderung der Arbeitsamkeit der Stadt 1906 ein Angebot. Sie wollten jeweils 150.000 Mark in die Errichtung eines Genesungsheimes investieren.

Die Stadträte beschlossen den baldigen Baubeginn, stellten weitere 100.000 Goldmark zur Verfügung sowie das Baugrundstück im Aachener Wald. Weitere Gelder kamen aus privater Hand. Drei Jahre später, am 8. Juni 1909, konnten die beiden Gebäude, für die Stadtbaumeister Joseph Laurent die Planung und Ausführung übernahm, eingeweiht werden.

„Sie waren für die getrennte Unterbringung von Frauen und Männern bestimmt und wurden nach dem Deutschen Kaiser Wilhelm II. und seiner Gattin benannt: Kaiser-Wilhelm-Genesungsheim für Männer, Kaiserin-Augusta-Viktoria-Genesungsheim für Frauen”, so Dux. Beide Häuser waren ausgestattet mit Spielzimmern und je zwei Speisezimmern, streng getrennt nach gesellschaftlichen Klassen. Für die Herren wurden zusätzlich ein Rauch- und ein Billardzimmer eingerichtet. Darüber gab es zwei Geschosse mit Schlafzimmern für ungefähr 40 Patienten.

„In der ersten Klasse für Bessergestellte wie Gewerbetreibende, Beamte und Lehrer gab es Doppelzimmer. In der zweiten Klasse standen vier bis sechs Betten in jedem Zimmer”, beschreibt Historiker Dux die damalige Zwei-Klassen-Medizin. „Die Therapie bestand im wesentlichen aus frischer Luft und der Versorgung mit ausreichender und gesunder Ernährung.”

Zudem richtete man bei den beiden Genesungsheimen eine Tageserholungsstätte für Männer ein. Jedoch kamen nur wenige täglich in den Wald. „Sie scheuten die Kosten für die Straßenbahnkarte oder einen längeren Fußmarsch bei Regenwetter. Außerdem wollten sie nach dem Krankenhausaufenthalt direkt wieder arbeiten gehen, um ihre Familie zu versorgen”, erklärt Historiker Dux.

Auf Bestreben des Bürgermeisters Dr. Talbot, wurde noch eine Tageserholungsstätte für „schwächliche Kinder” eingerichtet. Weil der Transport der Kinder morgens und am frühen Abend sehr aufwendig war, überlegte man bald, Übernachtungsmöglichkeiten einzurichten. Nachdem der Speisesaal in eine Baracke verlegt worden war, konnten im alten Saal zehn Kinder untergebracht werden.

Kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges stifteten die Angehörigen der verstorbenen Clemence Talbot, Gattin des Waggonbauers Georg Talbot, das Geld für den Neubau einer Kindererholungsstätte. Im September 1916 wurde das Haus, später „Talbotheim” genannt, eröffnet. Im Laufe der 20er Jahre wurden pro Jahr rund 350 Kinder im „Städtischen Kinderheim Stadtwald” betreut, wie es ab 1927 hieß.

Das Männerheim wurde im April 1934 wieder geschlossen. Das Gebäude diente danach für die Unterbringung der Volksschule des Ortsteils Bildchen. Im Oktober 1935 wurde das Genesungsheim für Frauen durch die NSV-Gauleitung Köln/Aachen mit erholungsbedürftigen, auswärtigen Frauen belegt und bekam 1936 den Namen „Erholungsheim Stadtwald”. Für das Kindererholungsheim wurden die Kinder seitens der Sozialverwaltung unter „Mitwirkung der NS-Volkswohlfahrt und der Hitlerjugend” ausgesucht.

Nach dem 2. Weltkrieg, am 27. März 1945, kamen die Schwestern vom „Armen Kinder Jesu” aus ihrem belgischen Exil wieder in die Stadt. Wegen der Zerstörungen konnten sie nicht in das Kloster beim Wehrhaften Schmied zurück. Caritasdirektor Dr. Firmenich schlug vor, den Schwestern das bisherige NSV-Kinderheim, nun St.-Josefs-Haus, zur Verfügung zu stellen. „Im Oktober 1945, fast genau ein Jahr nach Ende des Kriegs in Aachen, unterschrieben die Schwestern den Mietvertrag mit der Stadt”, sagt Dux.

In jenen Jahren lebten etwa 190 Kinder in Maria im Tann. Im Laufe der 1950er Jahre änderte sich dann die Vorstellung über die Betreuung von Kindern: „Bei Kindergärten, Schulen und anderen Einrichtungen sprach man plötzlich vom kindgerechten Bauen”, sagt Dux.

Für das Kinderheim Maria im Tann entstanden nach Dezember 1958 sechs neue Wohnhäuser für Säuglinge, Krabbelkinder und größere Kinder bis zum 14. Lebensjahr. Die Heimleitung achtete darauf, dass in jeder Gruppe Jüngere und Ältere zusammenlebten, getrennt nach Jungen und Mädchen. Die Ordensschwestern bezogen derweil das teilweise renovierte Hauptgebäude, in dem auch heute noch die Verwaltung untergebracht ist.

Im ehemaligen Talbotheim unterhielten die Schwestern eine staatliche Haushaltungsschule. Hier konnten Mädchen nach Abschluss der Volksschule alles zur Haushaltsführung erlernen. Die Mädchen schliefen in den beiden oberen Etagen. 1966 erfolgte die Umstellung auf eine zweijährige Berufsfachschule der sozialpflegerischen Richtung, die noch von 1974 bis 2007 weiter als Clara-Fey-Schule an der Michaelsbergstraße bestand.

„Als die Schwestern 1995 das Haus wegen Nachwuchsmangel aufgeben mussten, hat die Stadt Aachen die Gebäude übernommen”, erläutert Dux. Die Aufgaben der Schwestern wurden vom Katholischen Erziehungsverein für die Rheinprovinz weiter geführt, während im ehemaligen Talbotheim die Werkstätten der Jugendberufshilfe untergebracht sind.

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