Aachen: WC-Not: Die Rollstuhlfahrer schlagen Alarm

Aachen : WC-Not: Die Rollstuhlfahrer schlagen Alarm

„Das Malheur ist passiert, bevor man auf der Toilette ist“, sagt Willi Elsen. „Keine Chance, dann hast du in die Hose gemacht.“ Was mehr als peinlich ist. Viele Schwer- und Gehbehinderte beschweren sich über die Toilettensituation in der Stadt Aachen. Dass es in der Innenstadt kaum Möglichkeiten gebe, außerhalb der üblichen Geschäftszeiten sein Geschäft zu verrichten, sei unzumutbar.

„Eigentlich existiert in der Altstadt nur eine einzige Behindertentoilette, die 24 Stunden nur für uns als Rollator- oder Rollstuhlfahrer zugänglich ist. Das geht doch nicht!“, klagt der 72-Jährige. Und erntet dafür nicht nur von seinen Leidensgenossen Claus Ulf Jendreiek und Klaus-Dieter Hohmann eifriges Kopfnicken. Caline Strack, Vorsitzende der Kommission für barrierefreies Bauen in Aachen, stimmt zu: „Wir brauchen dringend mehr Toiletten für Schwerbehinderte, wir fordern das nachdrücklich“, sagt sie.

Enttäuscht: Willi Elsen, Claus Ulf Jendreiek und Klaus-Dieter Hohmann fühlen sich als Schwerbehinderte nicht ernst genommen, weil es für sie nur eine einzige brauchbare Toilette im Aachener Altstadtkern gibt. Foto: Robert Esser

Den Bedarf untermauert eine simple Rechnung: Unter den rund 253.000 Aachenern leben laut amtlicher Statistik genau 43.188 Menschen mit anerkannter Behinderung, davon 28.089 Schwerbehinderte und 2064 „außergewöhnlich Gehbehinderte mit Merkzeichen aG“. Hinzu kommen Behinderte aus der Städteregion und ungezählte Gäste der Stadt. Demgegenüber steht eine Liste der Stadt Aachen, die nebst Lageplan immerhin 34 öffentlich zugängliche Toiletten für Menschen mit Behinderung ausweist. Diese Liste wird als Faltblatt an behinderte ausgehändigt.

Vorbildlich: Leider genießt die spezielle 24-Stunden-Behindertentoilette im Centre Charlemagne — die hier der Abteilungsleiter beim Gebäudemanagement, Robert Schmidt, zeigt — im Stadtkern Ausnahmestatuts. Foto: Robert Esser

60.000 Euro für ein Klo

Bloß: Nur drei dieser Toiletten sind per „Euroschlüssel“ (ein spezieller Zugangsschlüssel nur für Schwerbehinderte) zu öffnen und damit ausschließlich Behinderten vorbehalten — und nur zwei sind im Stadtzentrum 24 Stunden nutzbar: erstens die vorbildliche, für rund 60.000 Euro im Jahr 2012 ins Centre Charlemagne gebaute Behindertentoilette (Zugang nur für Gehbehinderte von der Ritter-Chorus-Straße gegenüber der Domsingschule). „Dieses WC erfüllt alle Anforderungen, verfügt über mehr als ausreichend Platz und zudem über eine direkte Notfalltelefonverbindung zur Leitstelle der Feuerwehr“, erläutert Robert Schmidt, städtischer Abteilungsleiter für technische Instandhaltung beim Gebäudemanagement.

Zweitens die — auch behindertengerechte — öffentliche Toilette am Rande des Elisengartens auf der Hartmannstraße. Dieses Klohäuschen zählt zu den sechs behindertengerechten WCs, die der Stadtmöblierer und Werbeflächenvermarkter Reclame Bureau Limburg B.V. (RBL) bereitstellt (weitere Standorte: Hermann-Löns-Allee am Hangeweiher, Kapellenstraße/Ecke Von-Pastor-Straße, Wilmersdorferstraße, Abteigarten/Kreuzung Kor-neliusmarkt, Marktplatz in Brand). Standorte im Herzen der Altstadt bleiben also rar.

Umso schlimmer, dass die Behindertentoilette hinter dem Elisenbrunnen oft in schlechtem Zustand ist. Beim Ortstermin in diesen Tagen: Deckenlicht defekt, die Signallämpchen außen ramponiert, der Boden nass und mit gebrauchtem Toilettenpapier verschmutzt. Außerdem ließ sich die WC-Anlage nicht korrekt verriegeln. Kommissions-Vorsitzende Strack war entsetzt: „Eine Toilette in diesem Zustand ist nicht benutzbar.“ Elsen erklärt: „Es sieht regelmäßig noch schlimmer aus, weil Alkoholkranke und Drogensüchtige das WC-Häuschen blockieren.“

Jonas Alexander, Sprecher des Stadtmöblierers RBL, bestätigt das. „Es ist ausgesprochen schwierig, Toilettenanlagen die von Behinderten und Nicht-Behinderten — dann per Münzeinwurf — benutzt werden können, durchgehend in einem perfekten Zustand zu halten“, sagt er. Die Anliegen und die Kritik von Betroffenen nehme man sehr ernst, bekräftigt er. Gerade die WC-Anlage im Elisengarten, die jährlich rund 25.000 Euro Unterhaltskosten verschlingt, werde täglich kontrolliert — und eigentlich nach jeder Benutzung automatisch gereinigt. „Wenn aber Spritzen oder haufenweise Toilettenpapier verstreut sind, kommt die Hygiene-Technik der Anlage natürlich an ihre Grenzen“, erklärt Alexander. Die WC-Anlage auf der Hartmannstraße sei zudem hochfrequentiert, die Schäden werde man schnellstmöglich richten, betont der RBL-Sprecher.

Elsen, Jendreiek, Hohmann und Strack plädieren trotzdem für weitere WC-Anlagen im Stadtkern, die ausschließlich Behinderten vorbehalten bleiben. Eine einzige 24-Stunden-Behindertentoilette sei einfach viel zu wenig. Außerhalb der üblichen Öffnungszeiten von Museen und öffentlichen Gebäuden, wenn fast alle Behinderten-Toiletten unerreichbar seien, könne man sich als Rollstuhlfahrer oder Rollator-Nutzer eigentlich nicht mehr durch Aachen bewegen. „Die Gefahr, dass man ein dringendes Bedürfnis hat und damit auf der Strecke bleibt, ist einfach zu groß“, kritisiert Elsen. „Die meisten Gastronomen zeigen nämlich überhaupt kein Verständnis, wenn man abends ihre barrierefreien Toiletten benutzen will, ohne dass man im betreffenden Restaurant etwas trinkt oder verspeist“, sagt er.

Alternativen — durchaus lobenswert etwa von der RWTH im Pontviertel oder am Hauptbahnhof — seien unterdessen einfach zu weit vom Altstadtkern entfernt. Man sei deswegen bereits mehrfach bei den politischen Fraktionen im Stadtrat vorstellig geworden. Alle Vorstöße dieser Art sind allerdings bislang laut Elsen, pardon, „in die Hose gegangen...“.