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Neues Entwicklungskonzept in Aachen: Warum Friedhöfe auch wichtige Lebensräume sind

Neues Entwicklungskonzept in Aachen : Warum Friedhöfe auch wichtige Lebensräume sind

Der Trend zum Urnengrab hat dazu geführt, dass große Friedhofsflächen gar nicht mehr gebraucht werden. Die Stadt will die Entwicklung ökologisch sinnvoll nutzen.

Aachens Friedhöfe sind schon heute mehr als reine Ruhestätten. Geschätzt werden sie auch als ansprechende Grünanlagen oder wertvolle Lebensräume und sogar als Naherholungsgebiete für lärmgeplagte Städter. „Im Gegensatz zu den städtischen Parks, die meist sehr stark frequentiert sind, finden die Menschen hier ruhige Erholung“, sagt Ilse Savelsbergh.

Beim Aachener Stadtbetrieb ist sie zuständig für die Grün- und Freiflächenpflege. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Wolfgang Berg, Bereichsleiter Friedhofswesen, verfolgt sie aktuell das Ziel, die Friedhöfe als Orte der Trauer zugleich stärker auch als Erholungsräume ins Bewusstsein der Menschen zu bringen.

Allein in den Bezirken machen die Friedhöfe mit einer Gesamtfläche von rund 42 Hektar immerhin knapp die Hälfte der dortigen Grünflächen aus. Höchste Zeit also, auch die ökologische Seite stärker in den Blick zu nehmen und das Potenzial im Sinne der Biodiversität, zum Schutz der Artenvielfalt und auch zur Abmilderung der Folgen des Klimawandels zu nutzen.

Denn der Anteil der nicht genutzten Flächen ist immens und heute weitaus größer als bei der Planung vieler Friedhöfe vorhergesehen. Zurückzuführen ist das vor allem auf eine grundlegend veränderte Bestattungskultur. Während in den 1970er Jahren die Urnenbeisetzung neben der klassischen Sargbestattung im Grunde noch keine nennenswerte Rolle spielte, hat sich das im Laufe der Jahre nahezu ins Gegenteil gekehrt. Heute macht die Urnenbestattung laut Berg einen Anteil von rund 70 Prozent aus.

Und weil die preiswerteren und pflegeleichten Urnengräber nur einen Bruchteil des Platzes brauchen, der für einen Sarg nötig ist, bieten sich auf vielen Friedhöfen völlig neue Entwicklungsmöglichkeiten. „Für die heutige Zeit sind die Friedhöfe viel zu groß und überdimensioniert“, sagt Savelsbergh. Belegt wird dies durch eine bereits abgeschlossene Flächenerfassung. Allein auf dem größten Friedhof in Brand an der Kolpingstraße kann auf zehn Prozent der gut 15 Hektar großen Fläche verzichtet werden.

 Stellen die städtischen Pläne vor: Ilse Savelsbergh und Wolfgang Berg vom Aachener Stadtbetrieb.
Stellen die städtischen Pläne vor: Ilse Savelsbergh und Wolfgang Berg vom Aachener Stadtbetrieb. Foto: MHA/Harald Krömer

Eben deshalb hat der Stadtbetrieb ein Entwicklungskonzept in Arbeit, mit dem er auf den Wandel der Zeiten reagieren will. Denkbar ist es etwa, überzählige Flächen auszugliedern und einer anderen Nutzung zu überlassen – etwa Wohnungsbau – oder eben auch behutsam umzugestalten und ökologische Nischen für die Tier- und Pflanzenwelt zu schaffen. Aachen folgt damit einem Trend, der in nahezu allen bundesdeutschen Städten eingesetzt hat.

Unterstützt wird das Projekt vom Bundesumweltministerium, das einstweilen 350.000 Euro für die Entwicklung von zehn Friedhöfen in allen Aachener Bezirken bewilligt hat. Ausgenommen sind vorerst noch die großen innerstädtischen Friedhöfe, doch auch für sie sind bereits Fördermittel beantragt.

Denn vor allem auch die vielen zentral liegenden freiwerdenden Friedhofsflächen sollen dauerhaft ansprechend und ökologisch verträglich umgestaltet werden. Wo ganze Gräberreihen samt Grabsteinen verschwinden, könnten schon bald heimische Sträucher und Bäume Wurzeln schlagen oder insektenfreundliche Blühstreifen entstehen. Auch viele asphaltierte Wege könnten schon bald entsiegelt werden.

Dafür hat der Stadtbetrieb Rat bei dem bundesweit anerkannten Kasseler Experten Martin Venne gesucht, mit dem in den kommenden Monaten die passenden Konzepte für die jeweiligen Friedhöfe erarbeitet werden sollen. Zunächst geht es um die zehn größeren Bezirksfriedhöfe in Brand, Eilendorf, Haaren, Verlautenheide, Kornelimünster, Walheim, Schleckheim, Laurensberg und Richterich.

Bevor die Planer ihre Arbeit aufnehmen, will der Stadtbetrieb allerdings noch die Stimmungslage in der Bevölkerung einfangen. So startet er in diesen Tagen sowohl online als auch vor Ort eine kleine Befragung zu den Nutzungsgewohnheiten der Friedhofsbesucher: Wie lange halten sie sich dort auf? Kommen sie in Begleitung? Sind Kinder dabei? Und würden sie sich über mehr Tische und Bänke oder gar kleine Spielgelegenheiten überhaupt freuen?

Zum Auftakt gibt es am Sonntag, 20. November, zwischen 10 und 12 Uhr eine zentrale Veranstaltung am Friedhof Kolpingstraße in Brand. „Wir wollen die Reaktionen testen“, sagt Berg. Er betont zugleich, dass das neue Friedhofsentwicklungskonzept „zur nachhaltigen Steigerung der Biodiversität und ruhigen Erholung“ lediglich die Freiflächen betrifft, nicht jedoch die jeweiligen Regularien für die individuelle Grabgestaltung.

Im Herbst nächsten Jahres soll klar sein, wohin sich die bezirklichen Friedhöfe entwickeln und wie das Nebeneinander von Trauernden und Erholungssuchenden funktionieren kann. Bis Ende 2025 sollen die wichtigsten Vorhaben umgesetzt sein.