Vor zehn Jahren wurde Bildungsnetzwerk in der Städteregion gegründet

Ein Vorbildprojekt mit Startschwierigkeiten : Bildungsnetzwerkes der Städteregion findet landesweit Beachtung

Aller Anfang ist schwer, heißt es in einem Sprichwort. Das können Gabriele Roentgen und Dr. Sascha Derichs bestätigen. Und im Rückblick darüber auch herzlich lachen. Besonders spaßig war die Startphase für das Bildungsnetzwerk in der Städteregion nämlich nicht.

Am 22. Januar 2009 zunächst in der Stadt Aachen ins Leben gerufen und mit der Gründung der Städteregion neun Monate später von dieser übernommen, hatten es die Vorreiter mit ihrem neuen Ansatz der regionalen Bildungsarbeit nicht leicht.

„Wir haben unser Vorhaben in den politischen Ausschüssen vorgestellt, aber die Resonanz war nicht gut“, erinnert sich Roentgen. Man könnte auch sagen: Die Pläne wurden verbal zerrissen. Doch das änderte sich schnell. Heute gilt das Bildungsnetzwerk weit über die Grenzen der Städteregion hinaus als Erfolgsgeschichte. Das soll gefeiert werden – anlässlich des zehnten Geburtstags des Bildungsnetzwerkes. Im Herbst gibt es deshalb eine Veranstaltungsreihe des Bildungsbüros, das der organisatorische und konzeptionelle Kern des Bildungsnetzwerkes ist. Schon jetzt aber hat sich das Leitungsduo den Fragen unserer Zeitung gestellt.

Frau Roentgen, Sie waren 2009 stellvertretende Leiterin der Aachener Montessori-Gesamtschule und sind dann ins neu gegründete Bildungsbüro gewechselt. Wie oft haben Sie das anfangs bereut?

Roentgen: Bereut habe ich es nie, weil ich davon überzeugt war, dass da etwas Neues, wirklich Innovatives entstehen würde. Ich hatte immer wieder erlebt, wie schwierig es ist, Schule für andere Experten zu öffnen. Dieses neue Modell bot eine einmalige Chance, das zu ändern.

Worin lag das Neue und Innovative?

Roentgen: In dem Grundsatz, Dinge gemeinsam zu entwickeln und dabei die Expertise aus der Gesellschaft, von Institutionen und Verbänden, in die Gestaltung von Bildungsangeboten einzubeziehen. Es gab noch keine systematische Kooperation für ein gemeinsames, zielorientiertes Arbeiten. Uns ging es darum, eine Gemeinschaft zu schaffen, in der nicht in Zuständigkeiten gedacht wird, sondern die gemeinsame Verantwortung für die bestmögliche Bildung an erster Stelle steht. Das ist letztlich an vielen Stellen gelungen.

Allerdings mit Anlaufschwierigkeiten. Und mit einem anfänglich sehr überschaubaren Personalbudget.

Derichs: Der Kooperationsvertrag, den die Stadt, der damalige Kreis Aachen und das Land unterzeichnet haben, sah die Schaffung von drei Stellen vor, davon eine vom Land finanzierte. Deutlich aufgestockt werden konnte das Bildungsbüro dann 2010 dank der Teilnahme am Bundesprogramm „Lernen vor Ort“. Es wurden fast zehn neue Stellen und damit natürlich ganz andere Möglichkeiten geschaffen. Auf dieser Basis haben wir uns dann kontinuierlich weiterentwickelt. Und als „Lernen vor Ort“ 2014 ausgelaufen ist, haben wir von der städteregionalen Politik große Unterstützung für die Fortführung unserer Arbeit erhalten. Heute haben wir – auch dank der Finanzhilfen aus verschiedenen Förderprogrammen – 14 Stellen im Bildungsbüro.

Roentgen: Inhaltlich haben wir den Fehler gemacht, nach außen zu wissenschaftlich aufzutreten. Das stieß auf Skepsis. Glücklicherweise haben wir es aber doch noch zügig geschafft, die Menschen von unserem Konzept zu überzeugen, das auf eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe setzt und auf Freiwilligkeit. Freiwilligkeit bei der Mitarbeit und Freiwilligkeit bei der Annahme von Angeboten und Dienstleistungen.

In welche Richtung sollte es denn grundsätzlich gehen?

Derichs: Es gab von Anfang an zwei große Themen. Zum einen ging und geht es darum, die Übergänge zu gestalten – zwischen Kita und Grundschule, Grundschule und weiterführender Schule und letztlich den Übergang zu Ausbildung und Beruf. Diese Schnittstellen sind unglaublich wichtig, um Bildungsbiografien erfolgreich zu gestalten. Außerdem war und ist die Stärkung außerschulischen Lernens ein zentrales Anliegen, zum Beispiel im Bereich der MINT-Fächer – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik – und der Kultur.

Hat sich die Rolle des Bildungsbüros im Laufe der Jahre gewandelt?

Derichs: Auf jeden Fall. Am Anfang haben wir vor allem die Experten zusammengerufen und Netzwerke gegründet und gemanagt. Mittlerweile sind wir über unsere Kontakte und Partner und die Zusammenarbeit mit ihnen selbst zu Experten und Beratern geworden. Wir haben uns ein Know-how aufgebaut, das auch abgefragt wir. Das passt zu dem Anspruch, uns mit unserer Arbeit am Bedarf zu orientieren.

Roentgen: Darüber hinaus haben wir zunehmend auch Geld aus Förderprogrammen für Einrichtungen akquiriert. Wir kosten also nicht nur Geld, sondern beschaffen auch Geld. Kitas und Schulen können das oftmals allein gar nicht stemmen. Hier sind wir ein Stück weit dann Türöffner und Unterstützer.

Das Landesprogramm „Kultur und Schule“ kam zunächst aber nicht so gut an, es wurden nicht alle Gelder abgerufen.

Roentgen: Das haben wir auch festgestellt und in den Netzwerken hinterfragt. Es stellte sich heraus, dass der zu leistende Eigenteil das Problem war. Die Städteregion hat sich daraufhin bereiterklärt, diesen Anteil zu übernehmen, was zu einer Verdopplung der Anträge geführt hat. Heute können wir jährlich mehr als 50 Projekte mit über 1000 Kindern realisieren.

Als Erfolgsmodell gilt auch die Bildungszugabe.

Derichs: Das ist sicherlich ein Projekt, das maßgeblich dazu beigetragen hat, die Arbeit des Bildungsbüros nach außen zu tragen. Es hat mittlerweile einen Umfang von knapp einer halben Million Euro und erreicht pro Jahr fast 50.000 Kinder in der Städteregion mit unterschiedlichen Bildungs- und Kulturangeboten. Mir ist nicht bekannt, dass es anderswo in Deutschland noch ein solch umfangreiches Programm in diesem Bereich gibt. Über die neue Sozialberichterstattung sind wir darüber hinaus jetzt in der Lage, Einrichtungen, die aufgrund ihrer Lage und ihres Klientels einen höheren Bedarf haben, besonders stark zu fördern.

Roentgen: Beide Programme helfen uns und unseren Kooperationspartnern, kulturelle Bildung systematisch in den Schulen zu verankern. Das heißt, nicht nur sporadisch in Arbeitsgemeinschaften, sondern als festen Bestandteil des Schulprogramms, Dazu gehören große Schulentwicklungsprozesse, bei denen wir sie beraten und begleiten.

Das Projekt Jugendpartizipation läuft etwas anders.

Derichs: Das ist in der Tat ein Sonderfall, weil es sich direkt an Jugendliche richtet. Es wurde von Jugendlichen der Wunsch geäußert, auch sie zu beteiligen. Daraus ist die Idee der Koordinationsstelle Jugendpartizipation entstanden, die wir schon 2010 gegründet haben und die auch heute noch landesweit einzigartig ist und eine unglaubliche Beachtung findet. Die Bezirksschülervertretung hat in sieben städteregionalen Ausschüssen einen Sitz und damit auch eine beratende Stimme. Das gibt es in diesem Umfang meines Wissens in keiner anderen Stadt und in keinem anderen Kreis in Nordrhein-Westfalen.

Das zehnjährige Bestehen des Bildungsnetzwerkes bietet nicht nur Anlass zu einem Rückblick, sondern auch für einen Blick in die Zukunft. Was wird in den nächsten Jahren für Sie und die Kollegen anstehen?

Roentgen: Zunächst einmal, die Menschen bei der Stange zu halten und neue für eine Mitarbeit zu gewinnen. Netzwerkarbeit ist nicht statisch, sie entwickelt sich immer weiter – mit Höhen und Tiefen.

Derichs: Und dann gibt es große und für das Bildungsnetzwerk zum Teil neue Themen, die uns beschäftigen werden. Zum Beispiel die Demokratieförderung, Bildung für nachhaltige Entwicklung oder digitale Bildung. Außerdem werden allgemeine schulpolitische Entwicklungen, zum Beispiel die Probleme bei der Lehrerversorgung in den Grundschulen oder der Wegfall bestimmter Schulformen, im Rahmen der Schulentwicklung sicherlich Auswirkungen auf unsere Arbeit und Angebote haben, die wir jetzt noch nicht abschätzen können.“

Ist das Bildungsbüro so gut etabliert, dass es sich um seinen Fortbestand keine Sorgen machen muss? Haushaltstechnisch handelt es sich schließlich zu 100 Prozent um eine freiwillige Aufgabe.

Derichs: Politik und Verwaltung stehen hinter uns, weil sie wissen, wie wichtig Bildung ist. Die Ergebnisse sprechen für sich. Mit unseren über 70 verschiedenen Angeboten haben wir 2018 mehr als 6000 Fachkräfte erreicht. Und bei den mehr als 30 Maßnahmen, die sich an Kinder und Jugendliche richten, haben über 60.000 von ihnen teilgenommen. Dazu passt, dass die Bildungsregion eine von vier Schwerpunkten im offiziellen Leitbild der Städteregion ist.