Vor 100 Jahren wurde die erste Waldorfschule gegründet

100 Jahre Waldorfschule : Hoch geschätzt oder als Baumschule verhöhnt

Die einen sind von ihr begeistert, die anderen sehen in ihr eine „Wohlfühlschule“, in der Kinder ja doch nichts Sinnvolles lernen: 100 Jahre nach der Gründung der ersten Waldorfschule, wird immer noch über Sinn und Zweck der reformpädagogischen Schule diskutiert.

Mit dem Löwen geht’s erstmal durch die afrikanische Steppe. Das „Klack klack, klack klack“ der schwarzen, aufeinanderprallenden Steine gibt den Rhythmus vor. Ein sanfter Schlag auf die Schellen. Und Musiklehrerin Brigitte Hensges gibt den Einsatz für das Lied. Es ist ein Liebeslied, das die rund 20 Schüler der zweiten Klasse an diesem Morgen singen. Ein Löwe begegnet einer Löwendame. Und ist sofort von ihr hingerissen.

Musik, Gesang, Hauptsache Rhythmus – so beginnt jeder Schultag an der Freien Waldorfschule Aachen. Die rhythmische Tagesgestaltung soll den Schülern ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit bieten. Etwas, das nach Ansicht von Christian von Wernsdorff, Mitglied des Leitungsteams der Aachener Privatschule, zunehmend wichtiger wird. Außerdem lerne der Körper so gleich mit, und das sei gerade bei den Kleinen wichtig. „Was man rhythmisch macht, ersetzt Kraft. Es bringt den Kreislauf in den Gang“, sagt der Deutsch- und Französischlehrer. Hirnforscher belegen den Zusammenhang von Bewegung und Lernen schon lange. An der Waldorfschule wurde dieser ganzheitliche Lernansatz schon umgesetzt, noch bevor die ersten Elektroenzephalografien, kurz EEG, am Menschen vorgenommen wurden, um Gehirnströme zu messen.

Gegründet wurde die erste Waldorfschule am 7. September 1919 von dem Fabrikanten Emil Molt in Stuttgart. 100 Jahre später gibt es nach Angaben des Bundes Freier Waldorfschulen in Deutschland insgesamt 245 Waldorfschulen, weltweit sind es rund 1150. In unserer Region ist die Waldorfpädagogik neben mehreren Kindergärten an drei Schulen an zwei Standorten vertreten: im Kreis Heinsberg in Wegberg mit rund 150 Schülern, in Aachen gibt es neben der Freien Waldorfschule mit 500 Schülern zudem noch die Parzival-Schule-Aachen mit etwa 100 Schülern mit besonderem Förderbedarf. Bundesweit lernen knapp 90.000 Schüler nach der Pädagogik Rudolf Steiners. Die Lehre des Anthroposophen steht für die Orientierung des Menschen auf seine eigenen Stärken und ist bis heute maßgebend für die Waldorfpädagogik.

Sie ist auch der Grund, weshalb Lehrer wie Christian von Wernsdorff und seine Schüler immer wieder mit denselben Kritikpunkten konfrontiert werden. So werden Waldorfschulen mal als „Baumschule“, mal als „Eliteschule“ bezeichnet. Weil auf dem Zeugnis keine Noten stehen, sondern die Lehrer die Leistung ihrer Schüler bis in die Oberstufe in Textform beurteilen, wird den Schülern oft vorgeworfen, dass sie sowieso nichts lernten. Und die Eurythmie? Die Bewegungskunst, bei der Laute und Töne in tänzerische Bewegung umgesetzt werden, wird nach Ansicht vieler Anhänger der Waldorfpädagogik viel zu vorschnell und vor allem herablassend als „Namentanzen“ abgetan.

Dabei habe, betont von Wernsdorff, „alles Künstlerische“ in der Waldorfpädagogik seinen Sinn. Etwa, dass die Schüler in Klasse eins nicht nur Rechnen und Schreiben, sondern auch Stricken lernen. „Die Feinmotorik ist mit dem Sprachzentrum verknüpft“, erläutert er. Ein geschickter Umgang mit der Nadel schärfe somit das Sprachvermögen.

Auch mit den handwerklichen Arbeiten im Schulgarten in Jahrgangsstufe drei werde der natürliche Entwicklungsprozess der Schüler unterstützt. „In dem Alter kommen die Kinder sozusagen auf der Erde an. Vorher haben sie viel geträumt. Und auf einmal verschließen sie die Zimmertür hinter sich, es ist quasi eine erste Pubertät“, so der Pädagoge.  Dementsprechend stünden auch erdende Tätigkeiten wie der Bau kleiner Häuschen und das Arbeiten im schuleigenen Acker auf dem Stundenplan. „Damit unterstützen wir den Entwicklungsprozess der Erdung.“

Basteln, Malen, Werkeln, eine Schullaufbahn ohne Sitzenbleiben in einem festen, leistungsdifferenzierten Klassenverband von der ersten bis zur zwölften Klasse, bis Klasse acht sogar mit demselben Klassenlehrer: An der Waldorfschule läuft vieles anders als an staatlichen Schulen. „Das pädagogische Konzept ist an den Grundbedürfnissen des Menschen ausgerichtet und nicht an der Wirtschaft“, sagt von Wernsdorff. Und das sei auch richtig so. „Wir wollen selbstbestimmte Menschen entlassen.“ Dazu gehöre auch, jedem Kind die Zeit zu lassen, die es zum Lernen braucht.

Der Leitgedanke der Selbstbestimmung schlägt sich auch in der Organisationsstruktur nieder. Einen Direktor gibt es nicht. Stattdessen gibt es eine selbstverwaltende Lehrerkonferenz. „In ihrer Rechtsform ist unsere Schule ein Verein“, erläutert Anja Ortmanns, eine der beiden Geschäftsführerinnen der Freien Waldorfschule Aachen; gleichwohl unterliege die Schule der Aufsicht durch die Bezirksregierung. Sie ist eine staatlich anerkannte Ersatzschule. Alle staatlichen Abschlüsse können an ihr erworben werden. Eine 13. Klasse bereitet in Aachen gezielt auf das Zentralabitur vor. Und bei diesen zentralen Prüfungen schnitten Waldorfschüler nicht schlechter ab als Regelschüler, sagt von Wernsdorff, im Gegenteil. „Waldorfschüler lernen, sich in neuen Verhältnissen zurechtzufinden und immer neugierig zu bleiben.“

Um in Bewegung zu bleiben, lernen die Zweitklässler der Freien Waldorfschule Aachen nicht an Tischen und Stühlen, sondern an Bänken und auf Sitzkissen. An den reformpädagogischen Schulen sind handwerkliche und kreative Arbeiten ebenso wichtig wie Lesen und Schreiben. Foto: Heike Lachmann

Dass sich das Bild der leistungsschwachen, vor sich hin träumenden Waldorfschüler trotzdem hartnäckig hält, führt Anja Ortmanns auch auf die Struktur der Waldorfschulen selbst zurück. „Viele Missverständnisse sind vielleicht auch dadurch entstanden, dass es zu wenig Kontakt gab“, gibt sie zu bedenken. Zu wenig Kontakt und Verbundenheit mit der Gesellschaft außerhalb der überwiegend kantenlosen Wände der Waldorfschule. Das Jubiläumsjahr soll deshalb auch dafür genutzt werden, die besondere Pädagogik bekannter zu machen und sich als Institution mehr zu öffnen, etwa durch öffentliche Veranstaltungen (siehe Infokasten).

Das Jubiläumsjahr soll aber auch ein Jahr der Selbstbesinnung sein. Die Lehre Rudolf Steiners sei zwar 100 Jahre später immer noch aktuell. Gleichwohl habe sich die Gesellschaft natürlich verändert, betont Ortmanns. Bereits 2007 hatten sich die deutschen Waldorfschulen mit der „Stuttgarter Erklärung“ von jeglicher Form der Diskriminierung distanziert, nachdem einige Formulierungen in Steiners Thesen als rassistisch kritisiert wurden. Auch darüber hinaus müsse die Pädagogik mit der Zeit gehen: So könne etwa die Digitalisierung vor den Türen der Waldorfschulen nicht Halt machen. Auch das Schüler-Lehrer-Verhältnis befinde sich im Umbruch, sagt von Wernsdorff, etwa indem Schülerinitiativen mehr Raum gegeben werde. „Wir müssen überlegen, was Bestand hat“, betont Ortmanns.

Eins dürfte aber klar sein: Auch in Zukunft wird der Morgen an der Freien Waldorfschule Aachen rhythmisch beginnen. Ob nun mit oder ohne Löwen.

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