Aachen: Vom Hunger nach Erleben: Clueso kommt nach Aachen

Aachen : Vom Hunger nach Erleben: Clueso kommt nach Aachen

Als Ossi“, erinnert sich Clueso, „bin ich 1989, nachdem die Grenze geöffnet worden war, mit meinen Eltern einfach drauflosgefahren, in irgendeine Stadt im damaligen Westdeutschland. Nur um zu sehen, wie es dort aussah.“ Mittlerweile kennt der inzwischen 38-jährige Thomas Hübner, wie er abseits von der Bühne heißt, zwar beinahe alle gesamtdeutschen Städte.

Seine Neugierde aber ist geblieben. Auf Länder, Städte, Ideen und Menschen. Er mag die Gedanken des spirituellen Lehrers Eckhard Tolle, lässt sich gerne von der mächtigen Stille in Wäldern einnehmen und besucht regelmäßig eine Kirche in seiner Heimatstadt Erfurt, die einen so genannten „Raum der Stille“ bietet. Beten sei nicht so sein Ding, weil er kein gläubiger Mensch sei, sagt er. Aber dieser Raum biete ihm Platz, „mich irgendwo hin zu denken“.

Vermutlich sucht er ihn gerne auf, weil Clueso im Alltag ein Getriebener ist, wie er meint. „Das ist aber bei vielen Leuten so, die einen ähnlichen Beruf ausüben wie ich. Mein Geist nimmt zu viel Ruhe als Gefahr wahr. Er suggeriert mir: Vorsicht, Junge! Diese Stille bringt dich um.“

Lachen muss er selber, wenn er seine Rastlosigkeit schildert. In Sri Lanka war er einmal zu Kur. Nicht aus einer Notwendigkeit heraus. Vielmehr interessierte ihn, wie das so ist mit der Stille. Wie er die ertragen kann. Da herrschte striktes Redeverbot während des Essens, und es wurde viel meditiert.

Spannend war die Erfahrung. Aber in Panama, wo er kürzlich war, um sich dort umzuschauen, war es dann doch interessanter. Da ließ er sich in Fischerbooten umherfahren, um seinen Hunger nach Erleben stillen zu können. Die Frage, was er erlebt, ist dabei zweitrangig, meint er. Als treibende Kraft hinter seinem Drang nach Bewegung vermutet er die Möglichkeit, sich frei zu fühlen, noch näher an dem dran zu sein, wer er ist.

Nichts ist in Stein gemeißelt, alles bleibt im Fluss bei Clueso. Bar jeder aufgesetzten coolen Pose. Wenn er sich dabei ertappt, die einzunehmen, rauscht er schnell weiter. Hin zum Piano beispielsweise. An dem sitzt er dann stundenlang, spielt einfache Töne. Im Grunde genommen für nichts. Musik, Songs, müssen dabei nichts zwangsläufig entstehen.

Es geht ihm ums Wahrhaftige, ums Abkoppeln von den Wirren und Niederungen des modernen Seins. Auch auf der Bühne, wenn er die Augen schließt und singt. Dann ist er unterwegs zu sich selbst. Und zu seinen Zuhörern, weil er denen, die ihn pro Konzertreise hunderttausendfach beobachten, nur etwas geben kann, wenn er aus sich schöpft. Dass er herzhaft über sich selbst lachen kann, wenn er sich unter die Lupe nimmt, macht ihn sympathisch und menschlich. Ums Stilisierte macht er einen großen Bogen. Sowohl in seinem Duktus, wenn man mit ihm spricht, als auch in seiner Musik.

„Neuanfang“

Sein bislang letztes Album hieß „Neuanfang“. Auf die Feststellung, dass der Titel eigentlich quatsch ist, weil bei ihm, dem Dauerreisenden, sowieso jeder Tag, jedes Album ein Neuanfang ist, reagiert er mit wohlwollendem Gelächter. „Meine Musik ist eine große Spirale, deren Runden immer größer werden“, erzählt er. „Wenn man ein E-Piano kauft, beschäftigt man sich erstmal mit der Werkseinstellung, bevor man es selbst programmiert.

Irgendwann muss man vielleicht wieder zurück zur Werkseinstellung. Auf mich übertragen bedeutet es, dass ich mich hier und da daran erinnern möchte, wo ich eigentlich herkomme, um wieder Neues auf mich wirken zu lassen. Neujahr ist auch nur ein Tag wie jeder andere, mit dem wir aber zu Recht oder vollkommen blauäugig unsere Illusionen an einen Neustart verbinden.“

Die Frage, wo Clueso herkommt, ist nicht mit einem griffigen Slogan zu beantworten. Mitte der 90er Jahre ließ er sich von der Popularitätswelle des Hip-Hop mitreißen und rappte mit einer Formation aus Erfurt. Dem Sprechgesang zwar niemals müde geworden, verdankte er seinen Schub zum allgegenwärtigen deutschsprachigen Popstar aber vor allem seiner Singstimme und seinen eigenen Songs, die er vor 17 Jahren erstmals zu Gehör brachte.

„Text und Ton“ hieß sein Einstandswerk, das auf dem Label der Fantastischen Vier veröffentlicht worden war. Auch einer dieser Ritterschläge, von denen es in Cluesos Karriere nur so wimmelt. Mit seiner Coverversion von Udo Lindenbergs „Cello“ schuf er sich nicht nur einen eigenen Hit, sondern ließ im Unplugged-Duett auch den Altrocker frisch aussehen.

Kreative Freiheit

Was er sich mit dem ganzen Hin und Her schuf, ist Unabhängigkeit. Clueso betreibt ein eigenes Label, kann nach eigenem Gutdünken singen, schalten und walten. Seine Unberechenbarkeit ist Ausdruck seiner persönlichen und kreativen Freiheit. Die bei ihm spürbare Verbindung zwischen Clueso und Thomas Hübner, öffentlicher Person und Privatmensch, schafft Greifbarkeit, ohne eine allzu große Beleuchtung seiner Privatsphäre zulassen zu müssen. Ein schöner Zustand.

Er redet, wie er singt, er singt, wie er ist. Sämtliche seiner letzten sechs Alben wurden mit Gold oder Platin prämiert. Manche sogar mehrfach. Für sein Geld kauft er sich ungerne Unbewegliches. Lieber nutzt er es, um Abkürzung zur Freiheit zu schaffen. Gutes Essen lässt er sich etwas kosten. Aber in seiner „Bude“, wie er seine Wohnung nennt, befinden sich nur Dinge, die er wirklich braucht. Für ihn sind mehr als zwei Weingläser oder der Kartoffelschäler auch Ausdruck der Sesshaftigkeit. Er besitzt nicht mal einen Fernseher. Auch, weil er sich nicht berieseln lassen mag.

Sein „Ferienhaus-Style“, wie er sein Angehen gegen das Bürgerlich-Unbewegliche nennt, ziehe sich durch sein ganzes Leben, erklärt er. Bekehrungsversuche zur Abwendung vom Materiellen sind seine Lieder nicht. Er hat nie mit dem Zeigefinger gewedelt. Der theologische Philosoph Meister Eckhart könnte für viele Aspekte seiner Weltsicht Pate stehen. Eckharts Gedanke, dass das Leben lebt und nicht fragt, warum es lebt, gefällt Clueso.

Mit der Musik verhält es sich für ihn genauso. Was er aufnimmt, entspringt seiner Intuition, es muss raus. Ungeachtet jeglicher Moden. Über 400 Lieder hat er bislang geschrieben. Nur ein Bruchteil derer wurde bislang aufgenommen. Und es kommen immer wieder neue dazu. Irgendwann in diesem Jahr soll sein neues Album erscheinen, seine lange angekündigte Reise-Platte. Wo immer er auf dem Planeten unterwegs war, in Malaysia, in Paris oder Kolumbien, hat er Songs geschrieben und teilweise sogar schon vor Ort aufgenommen. Sogar Schlagzeug hat er für zwei Nummern selbst eingespielt. Alles andere ist zum Großteil nur Gitarre und Gesang oder nur Piano und Gesang.

Weiteres Albumprojekt

Und noch ein weiteres Albumprojekt schwebt dem Umtriebigen vor. Ein exakt Entgegengesetztes, das ausschließlich urbane Klänge enthalten soll, also viel Programmiertes und Synthetisches. In Los Angeles will er sich dafür mit dort ansässigen Klang-Forschern treffen. Den Raum, viel Musik „rauszuhauen“, hat er sich geschaffen. Dem Plattenfirmen-Diktat, nachdem pro Künstler nur alle zwei Jahre ein Album erscheinen darf, muss er sich nicht mehr beugen. Er besitzt die Deutungshoheit über seine Musik. Und über sich.

Manchmal nervt ihn der Clueso, sagt der Thomas Hübner. Weil sein Charakter noch viel mehr Facetten umfasst. Aber sein Ego ist auch stolz auf die Bühnenfigur. Ein Typ für Masken oder projektbezogene Fremdnamen ist er nicht. Lieber will er vermitteln, dass bei Clueso in Sachen Kreativität alles passieren kann.

Empfindet er sich als Musikreisender oder Lebensreisender? Der Eloquente pausiert. Dann lacht er und sagt: „Was meine Macke und meine Lust betrifft, ist es eher eine Musikreise. Es zieht mich pausenlos, auch körperlich, in die Ferne. Aber immer mit dem Gedanken im Hinterstübchen, dass mir die dabei gewonnen Eindrücke erlauben, neue Musik machen zu können. Bowie hat gesagt, dass das Reisen der Kraftstoff für gute Songs ist. Ich will mich nicht wiederholen, und deswegen ist mein Weg als Musiker gleichzeitig auch eine Lebensreise. Die ist nicht immer bequem, aber sie ist meine selbstbestimmte Art zu leben.“

Es ist wahrscheinlich, dass Clueso während seines allerersten Konzerts im Sommer in Aachen im Rahme der Reihe „Kurpark Classix“ schon wieder ein gutes Dutzend neuer Songs geschrieben hat. Vielleicht wird er ein paar davon auch schon live vorstellen. Noch wahrscheinlicher ist, dass er sich das eine oder andere Café anschauen wird, wenn er schon mal hier. Er ist nämlich auch leidenschaftlicher Kaffeetrinker. Alles für ihn Neue, wie eine Stadt, die er noch nicht kennt, reizt ihn ja sowieso.

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