Erster Städteregionsrat Helmut Etschenberg: Vom Holperstart, Gerangel und Erfolgen

Erster Städteregionsrat Helmut Etschenberg : Vom Holperstart, Gerangel und Erfolgen

Geplant war es nicht, dass Helmut Etschenberg im Jahr 2009 als Kandidat der CDU antreten würde, um der erste Städteregionsrat zu werden. Hinter dem Projekt Städteregion steht er auch heute noch, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Bis 2009 hatte Etschenberg noch nie ein politisches Amt innegehabt oder um Wählerstimmen werben müssen. Als ausgewiesener Verwaltungsfachmann stand er eher im Hintergrund. Doch als der ursprünglich ausgeguckte CDU-Bewerber Willi Linkens seine Kandidatur zurückzog, sprang Etschenberg in die Bresche, weil er überzeugt war vom Projekt Städteregion.

Und das ist er noch heute, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung betont, auch wenn er sich vor einem Jahr aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig aus dem Amt verabschieden musste, in das er zwei Mal von den Bürgern in Aachen und dem Altkreis gewählt worden war.

„Landrat Carl Meulenbergh und OB Jürgen Linden hatten damals erkannt, dass unsere Region sich nur weiterentwickeln kann, wenn Kreis und Stadt Aachen enger zusammenarbeiten“, sagt Etschenberg. Von Anfang an sei klar gewesen, dass diese Zusammenarbeit nur allmählich ausgebaut werden könne, dass aber viel mehr möglich sei als anfangs angesteuert. „Das ist auch heute noch so“, erklärt Etschenberg.

Er verweist auf drei aktuelle Projekte, die bereits vor mehr als zehn Jahren als Idee im Raum standen und jetzt angepackt werden: „Ein städteregionales Gewerbeflächenkonzept ist auf dem Weg, weil man begriffen hat, dass es nur gemeinsam geht, weil einzelnen Kommunen die notwendigen Flächen fehlen. Beim Wohnungsbau ist man ebenfalls dabei, über die Grenzen von Kommunen hinweg zu denken. Ein größeres Kompliment und eine größere Anerkennung kann die Städteregion wohl kaum bekommen.“

Das gleiche gilt laut Etschenberg für das Projekt Regiotram, das ­Aachen per Schiene mit Würselen und Alsdorf verbinden soll. „Der Stadt Aachen ist es vor Jahren nicht gelungen, ihre Straßenbahn wiederzubeleben. Als dann die Idee von der Regiotram kam, war aus Aachen zu hören: Wenn es aus dem Umfeld kommt, dann sind wir offen dafür.“ Sicherlich sei das letztlich im Zusammenhang mit drohenden Fahrverboten in der Innenstadt sowie der Umwelt- und Klimadiskussion zu sehen. „Dennoch ist auch dieses Projekt ein Beispiel dafür, wie wichtig es ist, gemeinsam unterwegs zu sein.“ Manchmal dauere es eben etwas länger, bis sich gute Ideen umsetzen lassen. „Wir waren und sind mit vielen Impulsen unserer Zeit ein Stück voraus“, ist Etschenberg überzeugt.

In den zehn Jahren seit Gründung der Städteregion ist laut Helmut Etschenberg „enorm viel erreicht worden“. Dass der Start holprig war, dass es zwischen ihm und Aachens Oberbürger Marcel Philipp Kompetenzgerangel gab, gehört zum Rückblick dazu, nimmt aber keinen breiten Raum ein, hat kein großes Gewicht mehr. Entscheidend für Etschenberg ist, dass die Streitigkeiten mit der Unterzeichnung eines 15-Punkte-Papiers im September 2012 ad acta gelegt worden sind und fortan Stadt und Altkreis gemeinsam die Entwicklung der Städteregion vorangetrieben haben.

Und selbst in der schwierigen Anfangsphase sei es gelungen, Wegweisendes auf die Beine zu stellen. An erster Stelle nennt Etschenberg das Thema Bildung: „Wir waren eine der ersten Regionen, die ein Bildungsbüro eingerichtet haben. Und wir haben als freiwillige Leistung die Bildungszugabe eingeführt, die vor allem Kindern aus einkommensschwachen Familien Zugang zu Theater und Museen erlaubt.“

Die Liste der Beispiele für die erfolgreiche Zusammenarbeit in der Städteregion sei lang, sagt Etschenberg. Dazu gehört für ihn, dass die frühere Sozialdezernentin Prof. Edeltraud Vomberg frühzeitig begonnen habe, die Altenpflegeausbildung in eine Pflegeakademie zu übertragen, um sie mit der Krankenpflegeschule des Rhein-Maas Klinikums zusammenzuführen. „Damit waren wir noch vor der entsprechenden Gesetzgebung unterwegs“, stellt Etschenberg fest.

Stichwort Rhein-Maas Klinikum: Das frühere Medizinische Zentrum der Städteregion mit den Krankenhaus­standorten Würselen-Marienhöhe und Würselen-Bardenberg auf Marienhöhe zu konzentrieren, sei eine „erhebliche Herausforderung“, aber die richtige Entscheidung gewesen. Das zeige nicht zuletzt die bundesweite Diskussion um die Schließung von Krankenhäusern.

Junge Leute reden mit

Ob Entwicklung touristischer Konzepte für die Eifel, aber auch für den Nordkreis, oder Förderung des Ehrenamtes unter anderem durch die Installation eines – ehrenamtlichen – Ehrenamtsbeauftragten, ob neue Ideen in Sachen Tierschutz wie die Einsetzung einer ehrenamtlichen Tierschutzbeauftragten oder die Einbeziehung junger Leute in politische Entscheidungen: Es gebe vieles, was die Städteregion angepackt hat, was Kreisen bundesweit inzwischen als Blaupause diene, steht für den ehemaligen Städteregionsrat fest.

Vor allem die Beteiligung junger Menschen an Entscheidungsprozessen war und ist Helmut Etschenberg wichtig. Mittlerweile haben Vertreter der Bezirksschülervertretung Rederecht in sieben Ausschüssen des Städteregionstages, und das nutzen sie auch. Von den Politikern werden sie geschätzt wegen ihrer konstruktiven Vorschläge. Und die jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Abteilung Jugendpartizipation im Bildungsbüro sind bundesweit unterwegs, um das städteregionale Beteiligungsprojekt vorzustellen.

Auf der Erfolgsliste der Städteregion steht für Etschenberg auch der Ausbau des Flugplatzes Merzbrück zum Forschungsflugplatz und die Entwicklung des Geländes rund um den Flugplatz zum Gewerbegebiet. Fast 20 Jahre sei wenig passiert, in den vergangenen Jahren dann habe das Projekt Fahrt aufgenommen, nicht zuletzt durch die innovativen Ideen von RWTH und Fachhochschule Aachen. Den Spatenstich zum Neubau einer längeren Start- und Landebahn wird nun aber nicht Etschenberg, sondern sein Amtsnachfolger Tim Grüttemeier vornehmen.

Was Helmut Etschenberg betrübt, ist, dass das Atomkraftwerk im belgischen Tihange noch immer am Netz ist. „Wir haben es nicht geschafft, dafür zu sorgen, dass es stillgelegt wird“, bedauert er. Noch immer seien Klagen anhängig. „Anfang nächsten Jahres werden die Betroffenheitsklagen verhandelt, da haben wir vielleicht eine Chance.“ Aber immerhin habe der von der Städteregion angeführte Protest gegen Tihange inzwischen dazu gehört, dass Bund und Land ihre Beteiligungen an dem Energiekonzern verkauft haben, resümiert Etschenberg und betont, dass dieser Protest immer parteiübergreifend getragen worden ist.

Noch viele offene Baustellen

Offene Baustellen sieht der 72-Jährige wie viele Menschen in der Region (siehe Umfrage) allerdings auch noch. So gebe es immer noch keinen gemeinsamen Energieversorger, keine gemeinsame Verkehrs- und Mobilitätsplanung, und die bei der Gründung der Städteregion gewünschte Übertragung der Regionalplanung auf die Städteregion sei auch nicht in Sicht. Der anstehende Strukturwandel nach dem Ende des Braunkohleabbaus sei eine weitere Herausforderung, der sich die Städteregion gemeinsam mit den Kreisen Düren und Heinsberg stellen müsse.

War es angesichts der vielen noch zu bewältigenden Aufgaben richtig, sein Amt als Städteregionsrat vorzeitig aufzugeben? „Für mich war es die richtige Entscheidung, auf meinen Körper zu hören“, sagt Helmut Etschenberg. Natürlich verfolgt er weiter sehr interessiert, was sich so tut. Aber er kann nun auch abschalten, vor allem in Bourg-Saint-Andéol, der Partnerstadt von Monschau. „Aber meine Heimat wird immer Monschau sein, hier fühle ich mich sehr wohl.“