Aachen: Vollgelaufene Keller am Boxgraben: Herbe Kritik der Anwohner

Aachen : Vollgelaufene Keller am Boxgraben: Herbe Kritik der Anwohner

Sie hatten zwischendurch ein paar schöne Tage. Buchstäblich, denn die Sonne hat geschienen. Doch angesichts der erneuten Unwetterwarnung wurde manchem Anwohner des Boxgrabens am Donnerstag schon wieder Angst und Bange. „Man schaut zum Himmel und hofft, dass da keine schwarze Wolke ist“, sagt Alfred Quadflieg.

Anita Wodetzkj-Jacobs, die dort eine Arztpraxis hat, fügt hinzu: „Ich wollte eigentlich wegfahren, aber angesichts der Wetteraussichten traut man sich gar nicht.“ Sie fügt hinzu: „Wir haben einfach die Schnauze voll.“ Und die Nase auch, denn haufenweise Fäkalien landen in unschöner Regelmäßigkeit in ihren Häuser — wenn es mal wieder ein „Starkregenereignis“ gibt. Und die gab es in jüngerer Zeit des öfteren.

„Vier Mal ist unser Keller in den vergangenen Jahren vollgelaufen“, erzählt die Ärztin. Vergangene Woche stand die Brühe rund einen halben Meter hoch. Bei ihrem Nachbarn Alfred Quadflieg war es nicht besser. Es musste mal wieder gepumpt werden, die Wände waren mal wieder pitschnass — und mal wieder stank es elend. Dabei lag die letzte Überschwemmung gerade erst einen Monat zurück.

Auch am 29. April waren die Häuser am Boxgraben schon „abgesoffen“. Quadflieg berichtet von Leuten, die es noch weitaus härter getroffen habe als ihn. So sei eine Erdgeschosswohnung dort zwei Mal nacheinander überflutet worden. Ein Nachbar habe sich nach dem 29. April eine neue Waschmaschine kaufen müssen, weil die alte durch das Hochwasser zerstört worden war. Jetzt sei auch die neue Maschine wieder im Eimer. Er selbst habe einen Heizungsschaden gehabt. Kostenpunkt: 1000 Euro.

Über einen solchen Betrag würde man sich bei „Netto“ freuen. In der Supermarktfiliale am Boxgraben kommt eine vielfach höhere Summe zusammen — auch wegen des enormen Umsatzverlustes. Der Markt ist immer noch geschlossen, und immer noch ist man dabei, das Wasser abzupumpen. 90 Zentimeter stand es in der in einer Senke gelegenen Filiale hoch.

Wie hoch der Schaden ist, kann man in der „Netto“-Zentrale noch gar nicht sagen. Das Gutachten eines Sachverständigen stehe aus. Zudem könne man derzeit auch noch nicht sagen, wann die Filiale wieder eröffnen wird. „Klar ist aber, dass die Aufräumarbeiten sowie die anschließenden Reparaturen noch einige Wochen dauern werden“, heißt es.

Die Hausbesitzer am Boxgraben hegen derweil einen Verdacht, warum ihre Keller volllaufen. Denn dieses Phänomen gebe es dort erst seit der Sanierung des Boxgrabens vor knapp zehn Jahren. Damals wurden auch die Kanäle erneuert. „Auf Nachfrage ist uns damals auf der Baustelle gesagt worden, dass die Kanäle verkleinert werden“, so Anita Wodetzkj-Jacobs. Das habe wirtschaftliche Gründe, habe es geheißen. Das Wasser muss zudem reichen, um die Kanäle zu einem gewissen Maß zu spülen. Kurioserweise werden seit Jahren durch den geringeren Wasserverbrauch auch die Kanalgebühren teurer, weil dadurch mehr „externer“ Spülaufwand entsteht.

Vergangene Woche sei aber erneut alles voller Fäkalien gewesen. Das sei anders als früher. Bei einer Überschwemmung 1981 sei das Wasser im Keller klar gewesen, also nicht aus den Kanälen gekommen. Für Quadflieg ein Indiz dafür, dass die neuen Kanäle zu klein für solche Ereignisse seien. Und von 1981 bis zum Neubau habe man keine Probleme gehabt. „Das passiert alles nur aus finanziellen Gründen“, glaubt Wodetzkj-Jacobs stocksauer.

Dabei hätten die Anwohner für die Sanierung des Boxgrabens viel Geld bezahlen müssen — deutlich mehr, als die Stadt einst kalkulierte. „Das waren bei uns dann 8000 statt 3000 Euro“, erinnert sich Quadflieg. Dafür seien dann nach Ansicht der Anwohner auch noch Fehler gemacht worden. So sei der Aufbau der Bürgersteige höher als früher. Was dazu führe, dass die Wassermassen ungehindert in die Lüftungsschlitze an Hauswänden und Treppen stürzen könnten. „Das haben wir damals schon angemerkt. Uns wurde gesagt: Das wird schon“, so die Ärztin.

Auf AZ-Anfrage heißt es bei der Stadt, der betroffene Bereich liege an einem topographischen Tiefpunkt. Man werde sich die Situation anhand der Einzelfälle jedoch noch einmal anschauen, so Harald Beckers vom Presseamt. Für die Kanäle ist indes seit 2006 die Stawag zuständig. Dass der Boxgraben-Kanal verkleinert wurde, sei nicht der Fall. Im Gegenteil sei er etwas größer.

Zudem werde just wegen der Situation am Boxgraben gerade ein Stauraumkanal mit zwei Metern Durchmesser in der Südstraße als „Puffer“ gebaut, so Stawag-Sprecherin Eva Wußing. Auch baue man wegen der zunehmenden Starkregenereignisse mehr Rückhaltebecken. Auf der anderen Seite könne man gerade in der Innenstadt weniger Abwasser wegen dessen Belastung ungeklärt in die Bäche leiten, es gebe deutlich mehr Mischwasserkanäle. Aber selbst da, wo es getrennte Rohre gebe, mische sich bei einem solchen Ereignis trotzdem alles.

Die Kanäle würden nach DIN-Norm auf ein Ereignis ausgelegt, das es statistisch alle 100 Jahre gebe. So etwas wie am 29. April habe es zuvor 100 Jahre nicht gegeben, so Wußing. Da Kanäle für bis zu 100 Jahre Lebensdauer gebaut würden, könne man sie nicht ständig erneuern. Gleichwohl müsse man angesichts der Entwicklungen wohl über einen Systemwechsel in Sachen Hochwasserschutz nachdenken, räumt sie ein.

Das mit der Statistik ist unterdessen eine Frage des Blickwinkels. Ein kleiner Ausschnitt der Starkregenereignisse der vergangenen Jahre (ohne Orkane und Stürme) mit überfluteten Straßen und Kellern: 18. August 2011, 9. Juni 2014, 28. Juli 2014, 20. Juli 2017, 29. April 2018, 29. Mai 2018. Die Leute vom Boxgraben — und nicht nur die — richten immer öfter bange Blicke gen Himmel. Und hoffen, dass da keine schwarze Wolke ist. Es muss nämlich kein „Jahrhundertereignis“ sein, damit ihre Keller wieder „absaufen“.

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