Aachen: Vierte Gesamtschule: Ganz ohne Gong zum Unterricht

Aachen: Vierte Gesamtschule: Ganz ohne Gong zum Unterricht

Es klingt verrückt, eine Schule ohne Gong zu starten. Es klingt nach einer Idee ohne Erfolgsaussichten, den Schüler die Verantwortung zu übertragen, pünktlich wieder zum Unterricht zu erscheinen. Es klingt nach leeren Klassen und lärmenden Kindern auf dem Pausenhof. Doch Irrtum.

Hanno Bennemann, kommissarischer Leiter der vierten Gesamtschule, führt tatsächlich eine Schule ohne Schulgong. Und er sagt: „Nach Startschwierigkeiten sind wir auf dem richtigen Weg.” Und der führt die meisten seiner 120 Kinder pünktlich in den Unterricht.

Es ist eine von vielen Ideen, die der Schulleiter mit seinen zehn Lehrerkollegen an der neuen Schule umsetzt. Aber mit Sicherheit die beeindruckendste. „Wir wollen, dass die Schüler freiwillig und gerne in den Unterricht kommen”, erklärt er die Idee, auf den Gong zu verzichten. Der ertönt nun nur noch einmal am Tag, denn das muss er, um die Funktion zu testen. Punkt 17 Uhr kommt das Signal, die 120 Gesamtschüler sind dann längst wieder zuhause, denn ihr Unterricht endet um 16 Uhr. Viele wissen gar nicht, wie er klingt. „Nicht schön”, sagt Bennemann. „Wir gestalten den Vormittag lieber ruhiger.”

Seit zwei Monaten arbeitet die neue Schule nun an der Sandkaul-straße. Während Politiker und Planer quasi als Hausaufgabe an einem neuen, fortschrittlichen Raumprogramm für die alten Schulhäuser tüfteln, haben die 120 Schüler in den vier Klassen bereits die ersten Arbeiten geschrieben. Joel (10) und Jana (11) aus der 5d beispielsweise. Mathe und Englisch haben sie hinter sich, heute wird die erste Deutscharbeit in Angriff genommen. Sie sind sozusagen Pioniere an der neuen Schule und haben sich an den gonglosen Alltag längst gewöhnt. Und sie haben Überraschendes zu erzählen. „Ich mag den Unterricht und die Lehrer”, sagen sie.

Von denen haben sie gleich zwei - Jana Lauscher und Franz Kreft. Unterrichtet wird in der Regel nämlich im Doppelpack. Die beiden Lehrer, sie eine junge Kollegin, er ein erfahrener Realschullehrer haben ihr Pult im Klassenraum ganz an den Rand gerückt. Die Kinder sitzen an fünf Gruppentischen jeweils zu sechst. Immer sind es drei Jungen und drei Mädchen. Die Räume sind groß, der Raum wird genutzt, etwa zu Sitzkreisen. „Wir spüren hier jeden Tag die Euphorie des Neuanfangs”, sagt Kreft. Der sorgt aber auch für Kurioses: So unterrichtet Lauscher Technik und Kreft Hauswirtschaft. „Wir können die kleineren Fächer eben nicht sofort abdecken”, erklärt Bennemann. Und die Lehrer nehmen es mit Humor.

Keiner wird ausgeschlossen

Ihre Arbeit nehmen sie dagegen sehr ernst. Gemeinsam arbeiten sie an neuen Konzepten beziehungsweise an der Verfeinerung der vorhandenen. Unterrichtet wird bereits in 60-Minuten-Stunden, für die besondere Förderung des Einzelnen wurden mittwochs vormittags zwei Stunden „Individuelles Lernen” eingerichtet. „Wir haben viel versprochen, aber auch schon viel umgesetzt”, sagt Bennemann.

Davon wird er auch bei einem Informationsabend (Donnerstag, 17. November, 19.30 Uhr) und am Tag der offenen Tür (Samstag, 3. Dezember, 10 bis 14 Uhr) berichten. Am Mittwoch wurde ein Projekt zum Thema Gewaltprävention mit In Via Aachen abgeschlossen. Dabei ging es vor allem um soziale Kompetenzen und mehr noch um das Zusammenwachsen der neuen Klassen. Es muss geglückt sein, denn Joel sagt nach einer Projektstunde: „Bei uns wird keiner ausgeschlossen.”

Die Lehrer hören das gerne. Sie sprechen vom Zusammengehörigkeitsgefühl, dass sich an der Schule rasch gebildet hätte. Die wird übrigens jeden Morgen schon um 7.15 Uhr ausgeschlossen, dann gibt es Brötchen und Kakao. „Dann kommen auch die ersten Schüler schon”, berichtet Bennemann. Schule muss sich mehr denn je den Bedürfnissen der Familien öffnen, die frühe Öffnung der Türen komme den Familie entgegen. Der Unterricht beginnt aber erst um 8 Uhr, dann ohne Gong und mit einem gemeinsam Start von 15 Minuten, in denen Organisatorisches geklärt, Tagesaktuelles aus der besprochen oder bei entsprechendem Anlass ein Geburtstagsständchen gesungen wird. Auch das klingt gut. Meistens.

Halli Galli gibt es im ausgezeichneten Leise-Lese-Spielzimmer

Noch bevor die erste Schulstunde an der vierten Gesamtschule begonnen hatte, hat die Schule ihre erste Auszeichnung erhalten. Die stellvertretende Schulleiterin Claudia Wachholz-Kensmann (Foto) hatte ein Konzept für einen Leise-Lese-Spielraum erarbeitet, in dem sich die Schüler zwecks Lesen oder Spielen in den Pausen aber auch als Instrument des individuellen Lernens im Unterricht zurückziehen können. „Spielen macht Schule” heißt dieser Wettbewerb der gleichnamigen Initiative. Und die Gesamtschule zählt zu den Gewinnern.

„Halli Galli” herrscht dort nun in der Frühstücks- (30 Minuten) oder Mittagspausen (60 Minuten), wenn sich die Schüler für das gleichnamige Spiel entscheiden. „Die Kinder brauchen diesen Bereich, um sich spielerisch entspannen zu können”, erklärt Wachholz-Kensmann, während sie das Geschehen beobachtet. Mit einem solchen Spielezimmer habe sie schon an der Gesamtschule Brand gute Erfahrungen gemacht.

50 Spiele im Wert von rund 1000 Euro konnten im Oktober angeschafft werden. Der Fokus lag vor allem auf Kreativ-Lernspielen aber auch Strategie- und Kommunikationsspielen. „Es wird sehr gut angenommen”, berichtet Wachholz-Kensmann.

Eine Gesellschaftsspiele-AG hat sich bereits gemeldet, Eine Erweiterung des Konzeptes etwa mit Spielenachmittagen, an denen auch die Eltern oder Senioren aus dem Viertel teilnehmen, ist angedacht. „Wir wollen uns im Viertel anbinden”, sagt Schulleiter Hanno Bennemann. Erweitert werden soll der Leise-Lese-Spielraum nun vor allem noch durch neue Bücher.

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