Viele kritische Anmerkungen zu Plänen der Stadt Aachen und der RWTH

Norderschließung des Campus West : Wenn im Bürgerforum die Fetzen fliegen

Da war Dampf im Kessel. Fast 300 Betroffene kamen jetzt zur Sitzung des Bürgerforums, das sich wieder einmal an einen der Brennpunkte der Stadt begeben hatte. Diesmal nach Laurensberg, wo ein Brückenprojekt seit zehn Jahren die Emotionen hochkochen lässt.

Stundenlang wurde darüber im Souterrain des nagelneuen „Center für Teaching und Training der RWTH“ an der Forckenbeckstraße diskutiert, erregt, manchmal aggressiv bis höhnisch, selten auch nachdenklich. Weit lagen die Vorstellungen, aber auch die Informationen von Verwaltung, Politik und Bürgern auseinander, manches Missverständnis konnte ausgeräumt werden, manche Befürchtung erwies sich als übertrieben. Unter dem Strich bleibt aber festzuhalten, dass der Großteil der Anwohner der Brücke einerseits skeptisch gegenübersteht, man andererseits aber der Entwicklung der Eliteuni nicht im Weg sein will.

Allerdings geht es nicht nur um diese (in der ausgewählten Variante gut 100 Meter lange) Brücke, sondern um den Campus West insgesamt, das 170 000 Quadratmeter große Areal zwischen Westbahnhof und Pariser Ring, an dem schon seit 2008 herumgeplant wird und das jetzt endlich in Richtung Realisierung gebracht werden soll.

Es handelt sich um eines der größten Planungsprojekte der Stadt, gegen das sich aber auch eine Bürgerinitiative gebildet hat. Fernziel ist eine Forschungslandschaft, die europaweit Maßstäbe setzt und die zugleich Wissenschaft, Wirtschaft und urbanes Leben miteinander verknüpft. Die Politik legt zum Beispiel viel Wert darauf, dass der Campus West in Zukunft ein lebendiger Stadtteil mit Wohnbebauung wird und in den Erdgeschossen Cafés, Geschäfte oder Gewerberäume einziehen.

Knackpunkt aber ist die verkehrliche Erschließung – die sogenannte Nordanbindung, die über eine Brücke von Melaten zum Campus West führen soll. Sie soll vom Ende der Mathieustraße aus auf eine noch zu schaffende, 26 Meter breite Trasse namens Campusband führen, die parallel zu den Bahnstrecke Aachen-Mönchengladbach verläuft, vorbei an der anderen Gleisseite an einem kleinen Wäldchen in der Nähe der Tennisplätze.

Wer den meist gut situierten Laurensbergern dort eine Brücke hinstellen will, muss früh aufstehen. Wohl deshalb hatte Klaus Feuerborn, Geschäftsführer der eigens gegründeten Campus GmbH, schon eine Stunde vor dem Bürgerforum zur Informationsveranstaltung gebeten. Die groß angekündigte neue Technik mit Animationen brachte jedoch nicht viel Klarheit, sie war schwierig zu bedienen und brachte kaum nachvollziehbare Ausblicke und Perspektiven.

Wenig Glauben fanden deswegen Feuerborns wiederholte Beteuerungen, dass von dem Brückenbauwerk – bis auf die direkte Umgebung – kaum etwas zu sehen sein würde. Am Ende stellte der Geschäftsführer seine Bemühungen ein und versprach Besserung. Wer will, kann einen Standortwunsch mit Brückenblick  unter info-campus@rwth-aachen.de einreichen.

Konkretere Informationen lieferte Gutachter Peter Smeets, der mehrere wichtige Fragen im Zusammenhang mit dem Verkehrsprojekt ansprach. Etwa zur Frage der klimatischen Verhältnisse, die nach seiner Darstellung kaum beeinträchtigt werden. Die Kaltluft sammelt sich entlang des Wildbachs und muss erst den parallel verlaufenden Geländeriegel überwinden, um in Richtung Innenstadt zu fließen. Die geplante dreigliedrige Brücke lasse genug Luft hindurch, so seine feste Überzeugung.

Die prognostizierten Lärmwerte der Straße liegen nach seinen Worten knapp unterhalb der Werte, ab denen der Gesetzgeber Schallschutzmaßnahmen vorsieht – auch diese Erkenntnis stieß auf Vorbehalte. Smeets erläuterte, dass die sogenannte Variante D auch deswegen ausgewählt worden sei, weil sie als einzige die Option offenlasse, dort schienengebundenen Nahverkehr zu installieren.

Es gibt nämlich Überlegungen, die Regiobahn, die einmal bis zum Bushof fahren soll, in Richtung Uniklinikum zu verlängern. Auch sind über diese Variante D Sondertransporte möglich, die sechs bis acht Mal pro Jahr anfallen und bis zu 40 Meter lang sind (Windturbinenteile oder Eisenbahnwaggons) – mitunter mit einer Bodenfreiheit von nur zehn Zentimetern, wie Campus-Geschäftsführer Feuerborn erläuterte. Dazu kommen noch bis zu 25 Meter lange Schwerlaster, die alle zwei Wochen unterwegs seien und auf die man aus Gründen der Zukunftsfähigkeit auch nicht verzichten wolle, so Feuerborn weiter.

Nicht erfüllen könne diese Bedingungen die ursprüngliche Variante A, die von der Bürgerinitiative favorisiert wird, 2011 aber einstimmig vom Rat wegen unangemessenen Landschaftseingriffs verworfen wurde. Smeets versicherte, dass der Eingriff in die Landschaft so gering wie möglich sein werde. Er sei, mit dem Blick auf St. Laurentius nicht nur durch die angrenzenden Wohnbereiche wie die Solarsiedlung an der Schurzelter Straße gegangen und habe Aufnahmen per Drohnen gemacht, die er gerne bereitstellen könne.

Alle Berechnungen und Gutachten müssen, so versprachen es die Stadtvertreter, neu erstellt werden, da die schon vorhandenen veraltet sind und das so auch gesetzlich vorgeschrieben ist. Betont wurde von offizieller Seite auch, dass die Information im Bürgerforum, die auch mit Handzetteln bekanntgemacht worden war, sehr früh erfolge und die eigentliche Bürgerbeteiligung erst noch anstehe, während des Bebauungsplanverfahrens.

Weitgehend Übereinstimmung bestand im Auditorium, dass die Entwicklung der RWTH nicht beeinträchtigt werden soll. Doch schon vorhandene Probleme werden durch den Campus West weiter verschärft, und diese gehen weit über die beabsichtigten Flächen hinaus – wohlgemerkt in einer Stadt, die den Klimanotstand ausgerufen hat, wie ein Besucher anmerkte.

Die Verkehrsverhältnisse in Laurensberg sind nämlich zu bestimmten Zeiten jetzt schon katastrophal, angefangen bei der Autobahnabfahrt, oft auch auf der Roermonder Straße, dem Pariser Ring oder in der Süsterfeldstraße. Kraftfahrzeuge machten nicht nur Lärm, sondern stießen auch Abgase aus, gab eine Anwohnerin zu bedenken. Auch dazu sollen Untersuchungen angefertigt werden, sicherte man seitens der Politik zu. CDU-Fraktionsvorsitzender Harald Baal machte deutlich, dass die Stadt für die Verkehrserschließung insgesamt 20 Millionen Euro zahlt, den Rest muss die Campus GmbH als privater Vorhabenträger entrichten.

Rund 14 Millionen wird allein die Brücke samt Anbindung kosten. Offene Fragen bleiben aber noch genug, die auch im Bürgerforum noch gar nicht beantwortet werden konnten. So sollen am Westbahnhof fünf Forschungscluster angesiedelt werden, jeder soll ein Parkhaus und ein 50 Meter hohes Gebäude erhalten. Der Campus Tower am neu zu schaffenden Kongressplatz soll gar 70 Meter in die Höhe ragen – insgesamt darf aber der Blick auf das Weltkulturerbe Dom nicht beeinträchtigt werden. Sind so viele Stellplätze wirklich notwendig, muss nicht Radverkehr und ÖPNV stärker hervorgehoben werden, lautete eine weitere Anregung.

Es ist eine Abwägungsfrage

Letztlich handele es sich um eine Abwägungsfrage, fasste Harald Baal am Ende zusammen. Die Stadt setze die Rahmenbedingungen im weiteren Planverfahren: „In der Summe wird man versuchen, zu einer Reduzierung der Probleme für alle zu kommen. Das heißt aber nicht, dass es keine Probleme für einzelne geben wird.“ Stadtplanerin Gabi Hergarten: „Wir sind wieder ganz am Anfang des Verfahrens, obwohl schon zehn Jahre vergangen sind. Wir werden Sie noch einmal beteiligen.“ Zugesichert wurde, alle Informationen, etwa aus Gutachten, zur Verfügung zu stellen, sobald sie vorliegen. Im schnellsten Fall kann das Bauleitplanverfahren bis Ende 2020 geschlossen werden, erst dann würden die Entscheidungen getroffen.

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