Aachen: Videoüberwachung am Aachener Bushof: Weniger Straftaten

Aachen: Videoüberwachung am Aachener Bushof: Weniger Straftaten

Wenn Andreas Berg in dem kleinen Büro in der Polizeiwache im Mariental sitzt, hat er den Aachener Bushof ganz scharf im Blick. So scharf, dass er in dem doch ein paar hundert Meter Luftlinie entfernten Stück Stadt problemlos nachschauen kann, welche Sonderangebote der dortige Drogeriemarkt gerade ins Schaufenster gehängt hat.

Allerdings wird der Polizeioberkommissar nicht als Schnäppchenjäger bezahlt, sein Metier ist eher das Schnappen von Straftätern. Denn auf seinen Monitoren laufen die Bilder ein, die sieben Kameras im und am Kriminalitätsbrennpunkt Bushof aufnehmen. Und so sieht Andreas Berg regelmäßig viele bekannte Gesichter, wenn er auf die Bildschirme starrt. „Denn ich kenne meine Pappenheimer“, sagt der erfahrene Polizist.

Achtung Kameras: Mit Schildern weist die Polizei darauf hin, dass der Aachener Bushof mit Videokameras überwacht wird. Sieben Kameras nehmen seit einem halben Jahr den Betonklotz und die angrenzenden Straßenräume scharf ins Visier. Seitdem ist laut Polizei die Zahl der Straftaten gesunken. Foto: Michael Jaspers

Dass die Aachener Polizei den hässlichen Betonklotz in der Aachener Innenstadt und die direkt angrenzenden Straßen seit einem knappen halben Jahr mit Kameras ins Visier nehmen darf, ist eine direkt Folge der heftigen Übergriffe an Silvester 2015 in Köln. Seinerzeit reagierte die damalige rot-grüne Landesregierung auf die schockierenden Ereignisse mit einem 15-Punkte-Plan. Dazu gehört auch die Videoüberwachung, die man im NRW-Innenministerium und bei der Polizei aber lieber Videobeobachtung nennt, wohl weil es nicht ganz so nach Überwachungsstaat klingt.

Am Monitor auf Verbrecherjagd: Andreas Berg beobachtet in der Wache Mariental das Geschehen rund um den Bushof. Foto: Michael Jaspers

In mehreren NRW-Städten wurde das polizeiliche Hilfsmittel, das aus Datenschutzgründen engen gesetzlichen Regelungen unterliegt, dort installiert, wo Straftäter besonders häufig zuschlagen. In Aachen guckte man dafür den Bushof aus, und das aus gutem Grund: Denn zuletzt war rund um den belebten Verkehrsknotenpunkt die Straßenkriminalität rasant gestiegen — binnen zwei Jahren um fast 30 Prozent, wie die Polizei bei Inbetriebnahme der Kameras mitteilte.

Allein in den ersten fünf Monaten des vorigen Jahres ereigneten sich dort, wie unsere Zeitung seinerzeit berichtete, 20 Raubüberfälle, 18 gefährliche Körperverletzungen und 119 Taschendiebstähle. In die Schlagzeilen war der Bushof aber auch schon 2013 geraten, als dort ein 16-Jähriger mit einer abgebrochenen Flasche lebensgefährlich am Hals verletzt worden war.

Nun entwickeln sich die Zahlen, die die Polizei auf Anfrage unserer Zeitung veröffentlicht, genau in die andere Richtung. Im ersten Quartal dieses Jahres sanken die Fälle, die der Straßenkriminalität zuzurechnen sind, im Vergleich zum Vorjahr von 314 auf 209, im zweiten Quartal von 248 auf 184. Dass diese Entwicklung auf die Kameras zurückzuführen ist, „davon gehen wir aus“, sagt Polizeisprecher Paul Kemen. 25 Mal wurden bislang überdies von den Beamten, die vor der Mattscheibe sitzen, Einsatzkräfte losgeschickt — etwa bei Schlägereien oder Diebstählen. „Wir verzeichnen am Bushof jetzt mehr Polizeieinsätze, zählen aber weniger Straftaten“, sagt Kemen.

Langweilig wird es für Andreas Berg vor seinen Monitoren aber trotzdem nicht — auch wenn sich das Programm immer ähnelt. Insbesondere Drogenhandel werde rund um den Bushof nach wie vor betrieben, erzählt er, wobei es mitunter erstaunlich sei, wie dies vor laufenden Kameras geschehe. „Offenbar bezieht nicht jeder von denen eine Tageszeitung“, sagt der Polizeioberkommissar mit einem Schmunzeln und vermutet, dass sich die Observation womöglich tatsächlich noch nicht überall herumgesprochen hat.

Freundlich in die Kamera winken jedenfalls hin und wieder allenfalls seine Kollegen, nicht aber seine Pappenheimer. „Dafür sind diese in der Regel aber auch nicht clever genug“, meint er. Sein persönliches Highlight in dieser Hinsicht war ein junger Mann, der mit einer prall gefüllten Plastiktüte in der Hand aus einer Shisha-Bar kam. Berg kam das spanisch vor, er alarmierte die Kollegen. Der Mann ergriff die Flucht und ließ die Tüte fallen. Darin war rund ein Kilo Marihuana. Volltreffer.

Speziell in den Abendstunden verlagere sich das Geschehen dann mehr in Richtung Körperverletzung, erzählt Berg: „Dass dort das Faustrecht herrscht, kann man oft beobachten.“ Waffen allerdings kämen kaum zum Einsatz, auch wenn in der kriminellen Szene kaum einer unbewaffnet unterwegs sei, wie man bei Durchsuchungen immer wieder feststelle.

Ob sich der Trend zu weniger Straftaten fortsetzt, will die Polizei weiter fest im Blick behalten. Insbesondere schaue man dabei auch an Elisenbrunnen und Elisengarten genau hin, sagt Kemen, um zu sehen, ob es einen unerwünschten Verdrängungseffekt gibt — also dass die Täter sich andere Tatorte suchen. „Aber das ist bislang nicht der Fall“, sagt der Polizeisprecher.

Nach einem Jahr wird dann zum ersten Mal richtig Bilanz gezogen, nach zwei oder drei Jahren könnte es sein, dass die Kameras wieder abgebaut werden — falls der bisherige Trend anhält. Denn wenn der Bushof kein „Angstort“ mit hoher Kriminalitätsrate mehr ist, darf er von Gesetzes wegen auch nicht mehr mit Videokameras überwacht werden.