Verwaltung und Stadtrat stehen massiv in der Kritik

Brandbrief Aachener Architekten : In Sachen Stadtentwicklung „so gut wie nichts bewegt“

Bushof, Büchel, Bedarf an Wohnraum – die Steine des Anstoßes sind bekannt. Aachener Architekten bauen jetzt auf die Kraft des Wortes. Ihre Kritik an der Stadtentwicklung und quälend langen Prozessen ist massiv, ihre Enttäuschung groß.

In markanten Sätzen fordert der Vorstand des Bundes Deutscher Architekten (BDA) Aachen in einem Offenen Brief an Oberbürgermeister Marcel Philipp und die Mitglieder des Stadtrats radikales Umdenken und vor allem mehr visionäres Handeln – „sonst entsteht ein Vakuum“.

Entsetzt über fehlende Visionen und quälend lange Entscheidungsprozesse: Professor Klaus Klever, Vorsitzender des BDA in Aachen. Foto: Andreas Steindl

Der BDA-Vorsitzende Professor Klaus Klever sowie seine Architekten-Kolleginnen und -Kollegen vermissen „tragfähige und innovative Leitbilder und Ziele für die künftige Entwicklung Aachens“. Der Brief bringt dies so auf den Punkt: „Masterplan und Innenstadtkonzept haben leider nicht den erhofften Erfolg gehabt, bisher so gut wie nichts bewegt.“

Zwar habe sich aus der Eigendynamik der RWTH, ihrer innovativen Köpfe und der Idee einer Symbiose aus universitärer Forschung und unternehmerischer Kreativität ein beachtlicher Innovationsschub des Campus Melaten ergeben. Hier sieht der BDA bislang die einzigen relevanten Impulsgeber für die Erneuerung und Zukunftsfähigkeit Aachens. Aber: „Für eine moderne, vitale und lebenswerte Großstadt im europäischen Wettbewerb reicht es nicht, sich auf die Hochschulen als Treiber zu verlassen“, mahnt der BDA.

Weniger Einfamilienhäuser, mehr Mut zu Experimenten: Der Bund Deutscher Architekten kritisiert quälend langen Stillstand und fehlende Visionen bei der Aachener Stadtentwicklung – etwa beim Bushof. Foto: Ralf Roeger

Fehlende Führungskraft

Als ein Hauptproblem sehen die Architekten fehlende Führungskraft im städtischen Planungsdezernat. Dort gibt es seit geraumer Zeit personelle Probleme. Dezernent Werner Wingenfeld hatte dort im August 2015 seinen Dienst angetreten. Er war eigentlich gewählt bis Juli 2023 – also für acht Jahre. Schon länger deutete sich allerdings an, dass er sein Amt nicht mehr mit der notwendigen Kraft ausüben konnte. Erst zum 31. Dezember 2018 schied Wingenfeld – laut Stadt „mit Erreichen der Altersgrenze und aus gesundheitlichen Gründen“ – aus dem städtischen Dienst aus.

Die Suche nach einer Nachfolgerin beziehungsweise einem Nachfolger erwies sich als überraschend schwierig. Obwohl ein professioneller Headhunter nach entsprechend qualifizierten Führungskräften fahndete, musste die Bewerbungsfrist verlängert werden – zu wenige kompetente Kandidaten waren auf der Liste gelandet. Jetzt ist die Ausschreibefrist zum Bewerbungsverfahren abgeschlossen, die eingegangenen Bewerbungen werden nun in der Fachverwaltung gesichtet und danach der Politik vorgelegt. Jedoch: Wie lange das Verfahren bis zur Auswahl der Nachfolgerin oder des Nachfolgers auf dem wegweisenden Posten des Baudezernenten läuft, kann die Stadtverwaltung derzeit nicht sagen. Alles offen.

Umso deutlicher und präziser wird der BDA: „Die Neubesetzung des Planungsdezernats muss entschlossen und effektiv als Chance genutzt werden, dringend notwendige Impulse für eine zukunftsfähige und enkeltaugliche Stadtentwicklung zu setzen, die Entwicklungs­blockaden, insbesondere in der Innenstadtplanung zu überwinden, Hindernisse aus dem Weg zu räumen.“

Die Experten bezweifeln, dass in Aachen Politik und Verwaltung geeignete Entscheidungswege nutzen, um die Stadt spürbar nach vorne zu bringen. „Erst nach Jahren oder Dekaden erreichen manche Projekte Realisationsreife“, heißt es in dem Brief. Und weiter: „Sie werden in zahlreichen Gremien zerredet, durch zwischenmenschliche Unverträglichkeiten zerbrochen oder verzögert.“ Damit spielen Klever und der BDA etwa auf die festgefahrenen Verhandlungspositionen bei der Überplanung des Rotlichtbezirks Büchel/Antoniusstraße von Politik und Stadtverwaltung auf der einen und privaten Investoren auf der anderen Seite an.

Der BDA fordert mutiges, kreatives „Vor- und Querdenken“. Dazu gehören unter anderem ganz konkrete CO2-neutrale Visionen bis zum Jahr 2030: eine autofreie Innenstadt, wie es Oslo plant. Statt Vermeidungsstrategien für Dieselfahrverbote und der Debatte über Grenzwerte müsse man sich – auch nach dem Vorbild Zürichs – folgendem Ziel verschreiben: Der motorisierte Individualverkehr einschließlich Elektromobilität werde auf 25 Prozent reduziert. „Öffentlicher Personennahverkehr, Radfahr- und Fußverkehr machen 75 Prozent aus“, schreibt der BDA.

Weil Aachen dank der Hochschulen wachse, soll laut Klever die Innenstadtentwicklung Vorrang vor dem Wachstum an den Rändern haben. Dabei gelte es, den viel zu hohen Flächenverbrauch – vor allem durch nicht mehr zeitgemäße Einfamilienhausgebiete – einzudämmen. Vielmehr gehe es um „sozial verträgliche Konzepte der Nachverdichtung“, auch durch „experimentelle Wohn- und Architekturformen“.

Zudem müssten Fragen der Digitalisierung als „Aachen 4.0“ erfahrbar, sichtbar und konkret nutzbar werden. Für solche Vorhaben und mehr könne man Expertisen aus dem Ausland zu Rate ziehen – gefragt sei für Aachen ein „Hotspot“ der Kreativszene. All dies müsse laut BDA eine „charismatische und emphatische Persönlichkeit“ als neuer Baudezernent innovativ angehen.

Der BDA schlägt vor, drei bis fünf unabhängige Fachleute als Berater in das Auswahlgremium zu berufen. Damit Problemfelder wie Bushof, Büchel und Wohnbebauung nicht länger brachliegen.

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