VBE Aachen will auf Unterfinanzierung im Bildungswesen hinweisen

Umfrage an Schulen in der Städteregion : „Was würde Ihre Schule mit 550.000 Euro tun?“

„Was würde Ihre Schule mit 550.000 Euro tun?“ Diese Frage hat der Verband Bildung und Erziehung (VBE) vor den Sommerferien den Schulen in der Städteregion gestellt. Mit der Aktion will die Fachgewerkschaft, die in Aachen und Umgebung mehr als 1200 Mitglieder hat, auf die „chronische Unterfinanzierung im Bildungswesen“ hinweisen.

Die 550.000 Euro sind nicht willkürlich gewählt. Anhand von Zahlen des Statistischen Bundesamts hat der VBE errechnet, dass jeder Grundschule im Vergleich zum Bundesdurchschnitt pro Jahr rund 550.000 Euro fehlen. „Würde das Land NRW in der Schul- und Bildungspolitik ähnlich viel investieren wie der Bundesdurchschnitt, dann hätte jede Schule in der Städteregion 550.000 Euro mehr“, rechnet Matthias Kürten, Vorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) in der Region Aachen, vor. An praktischen Beispielen wolle man den Investitionsstau an den Schulen aufzeigen.

Beteiligt an dem „Gedankenexperiment“ haben sich bisher neben einer weiterführenden Schule rund zwei Dutzend Grundschulen, das macht etwa ein Viertel der Grundschulen in Stadt und Altkreis Aachen aus. „Wir erwarten nach den Ferien aber noch zahlreiche Rückmeldungen“, sagt Kürten. Präsentiert werden sollen alle Antworten anonymisiert bei der Mitgliederversammlung des VBE am Dienstag, 3. September, ab 18 Uhr in der Grundschule Brander Feld, Schagenstraße 40 in Brand.

Trends bei den Antworten lassen sich laut Kürten aber schon jetzt erkennen. „An erster Stelle stehen der Wunsch nach einer besseren Ausstattung der Räume und das Thema Digitalisierung“, sagt der VBE-Vorsitzende. Aus einer Schule komme zum Beispiel der Wunsch nach mehr Toiletten. Dort gebe es nur ein WC für rund 40 Lehrerinnen und Lehrer. „Traurig, dass man so etwas überhaupt fordern muss“, kommentiert Kürten. Und auch das Thema Digitalisierung brennt den Pädagogen offenbar auf den Nägeln. „Die Welt ist digital, viele Schulen der Städteregion sind aber noch analog“, kritisiert Kürten. „Es kann nicht sein, dass es vom Förderverein der Schule abhängt und damit zur Glückssache für Kinder und Jugendliche wird, ob eine vernünftige digitale Ausstattung zur Verfügung steht.“

Mit Sorge beobachtet der VBE-Vorsitzende indes die Situation bei der Lehrerversorgung in den Grundschulen der Städteregion. Im jüngsten Verfahren seien von den ausgeschriebenen Stellen nur noch wenige mit ausgebildeten Lehrkräften besetzt worden, merkt Kürten an. Fünf bis zehn Prozent der Menschen, die an den Grundschulen in der Städteregion unterrichten, verfügen mittlerweile nicht über ein abgeschlossenes Lehramtsstudium mit Referendariat.

Vor diesem Hintergrund geht der VBE-Vorsitzende davon aus, dass im kommenden Schuljahr in großem Stil Lehrkräfte zwangsweise an unversorgte Schulen abgeordnet werden. Bei aller Personalnot: „Zwangsabordnungen müssen möglichst vermieden werden“, erklärt Kürten dazu, auch damit der Beruf des Grundschullehrers nicht noch unattraktiver werde. Im September, kündigt der VBE-Vorsitzende an, wolle man alle Bürgermeister in der Städteregion an einem Runden Tisch in Sachen Lehrermangel zusammenholen. „Denn auch die Kommunen können etwas dafür tun, dass ihre Standorte für Lehrer attraktiver werden.“

Bei der Gewinnung von Lehrkräften für die Grundschulen liegt das Schulamt der Städteregion Aachen laut Kürten deutlich unter der Landesquote. Im Vergleich der elf Schulämter im Regierungsbezirk Köln bilden die Städteregion Aachen (an drittletzter Stelle), der Kreis Heinsberg und der Oberbergische Kreis die Schlusslichter bei der Stellenbesetzung.

Damit in den nächsten Jahren wieder mehr grundständig ausgebildete Grundschullehrer an die Schulen kommen, steht schon länger die Forderung im Raum, in Aachen wieder einen Lehramtsstudiengang für die Primarstufe einzurichten, wie es ihn bis zur Abschaffung der Pädagogischen Hochschule gab. „Das Lehramt für die Grundschule muss man in Aachen studieren können“, fordert auch Matthias Kürten. Viele angehende Lehrer blieben nach dem Studium in ihrer Hochschulstadt. Diesen „Klebeeffekt“ müsse man ausnutzen. Und wer das Grundschullehramt stärken wolle, müsse endlich gleichen Lohn für gleiche Arbeit bieten, heißt es beim VBE. „Die Statistik zeigt, dass es Lehramtsstudenten in besser bezahlte Lehrämter zieht“, erläutert Kürten.

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