Aachen: Unterricht für minderjährige Flüchtlinge in Aachen

Aachen : Unterricht für minderjährige Flüchtlinge in Aachen

Der 16-jährige Arian aus Afghanistan musste zusehen, wie sein Vater aus politischen Gründen hingerichtet wurde. Daraufhin ergriff er mit seinem Bruder die Flucht in Richtung Europa. Auf dem Wasserweg von Griechenland nach Italien ging sein Bruder über Bord und ertrank.

Dies ist Jahr für Jahr eine von rund 400 Geschichten, die unbegleitete minderjährige Flüchtlinge im Gepäck haben, wenn sie über die deutsche Grenze einreisen. Sie sind in der Regel zwischen 13 und 17 Jahre alt und zu 98 Prozent männlich. Sie stammen überwiegend aus Afghanistan, Syrien oder Nord- und Zentralafrika. Viele von ihnen kommen mit schweren Traumata an und sind häufig körperlich wie emotional vernachlässigt. Seit Dezember 2013 ist die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Aachen um rund 50 Prozent gestiegen.

Aachen liegt auf der Hauptreiseroute zwischen Süd- und Nordeuropa. Die Flüchtlinge werden meist am Bahnhof aufgegriffen. Nach einer Befragung seitens der Bundespolizei nach Alter oder Dokumenten werden die Flüchtlinge in die Hände des Jugendamts übergeben. Brigitte Drews (Abteilungsleiterin für soziale Dienste und Jugendpflege) Ulla Knops (Leitung des Sozialraums Aachen speziell für Flüchtlinge) und Klaus Ebbertz, (Teamleiter des Fachbereichs sozialer Dienst vom Jugendamt) haben Studenten der FH Rede und Antwort gestanden, wie mit den Flüchtlingen in Aachen umgegangen wird.

Zunächst wird ihnen ein Vormund zugewiesen. Auf einen Vormund kommen etwa 50 Kinder und Jugendliche. Sollte das Jugendamt nicht erreichbar sein, kommt die sogenannte Familienbetreuungsbereitschaft zum Zuge. Das sind Familien, die die Jugendlichen in ihren Häusern aufnehmen und versorgen, solange bis das Jugendamt wieder öffnet.

Schwierig gestaltet sich die Suche nach geeigneten Unterkünften. Maria im Tann ist ein Kinderheim, das Flüchtlinge aufnimmt und ihnen einen Schlafplatz, Integrationshilfe und soziale Kontakte bietet. Stefan Küpper (Heimleiter Maria im Tann): „Dass zu wenig Heimplätze zur Verfügung stehen, ist Fakt.“ Küpper spricht offen über das Problem mangelnder Heimplätze.

„Unsere Kapazitäten sind begrenzt, deswegen müssen viele Kinder in Hotels untergebracht werden.“ Doch fehlt ihnen dort eine Bezugsperson, die rund um die Uhr zur Verfügung steht. Die Stadt Aachen arbeitet daran. Sie stellt Wohnungen zur Verfügung, um WGs für die Jugendlichen zu gründen.

Nicht nur die mangelnden Heimplätze stellen ein Problem dar, sondern auch fehlende Schulplätze. Die Jugendlichen nehmen zwar in den betreuten Unterkünften an Deutschkursen teil, weiterführende Bildung ist jedoch momentan nicht ausreichend abgedeckt. Immer wieder müssen neue so genannte Internationale Förderklassen (IFK) eingerichtet werden.

Im Mai 2014 konnten in der Sekundarstufe I 72 Schülerinnen und Schüler nicht betreut werden, in der Sekundarstufe II vier. In den Schulen mangelt es oft nicht an Platz, sondern an Lehrkräften für die IFK. Das Problem existiert nicht nur in Aachen, sondern in ganz NRW.

Im Kinder- und Jugendzentrum Maria im Tann werden die Flüchtlinge im sogenannten „Haus 1“ in untergebracht. Es herrscht WG-Flair. Die Zimmer erinnern nicht an ein Heim, sondern sind gemütlich und hell. Auf Einladung hin schauen sich die FH-Studenten mit den „Jungs“ einen von ihnen selbst gedrehten Film über minderjährige Flüchtlinge in Aachen an. Begeistertes Klatschen am Ende, man merkt, wie stolz die jungen Flüchtlinge auf ihr Werk sind.

Doch auch hier fällt wieder auf, dass alle Mitbewohner männlich sind. „Bei den jungen Mädchen spielen Zwangsverheiratung und -Prostitution eine große Rolle“, erklärt sich Küpper den Umstand, dass kaum weibliche Flüchtlinge Deutschland erreichen. Das Jugendamt äußert sich ähnlich: „Die auffällig kleine Anzahl an weiblichen Flüchtlingen ist schwierig zu erklären. Oft werden sie durchgeschleust, um in der Prostitution zu arbeiten.“

Auch Arians Schicksal hat ähnliche Facetten angenommen. Nach dem Tod seines Vaters wurde er verschleppt und in die Rolle eines „afghanischen Tänzers“ gezwungen. Bei Männerveranstaltungen werden Jungs als Frauen verkleidet und müssen für die Anwesenden tanzen. Anschließend werden sie dann meist missbraucht.

Jugendliche wie Arian, aber auch Flüchtlingsfamilien, kommen oft ins Café Zuflucht. Juliane Hoppe, die in der Anlauf- und Beratungsstelle als Sozialarbeiterin tätig ist, erklärt die Fluchtgründe: „Die Syrier fliehen vor dem Krieg. Afghanen haben Angst vor den Taliban. Eher humanitäre Gründe haben die Nordafrikaner. Dort leben viele Straßenkinder, oft durch zweite Ehen aus der Familie ausgeschlossen, die ein besseres Leben in Europa in Aussicht haben.“

Aber was ist mit den Jugendlichen, die noch Verwandte in anderen europäischen Ländern haben? „Wir kümmern uns auch um die Familienzusammenführung“, sagt sie. „Beispielsweise hatten wir eine Familie, die in Schweden anerkannte Flüchtlinge waren. Über den offiziellen Weg hat es ein dreiviertel Jahr gedauert, bis das Kind an die Behörden überstellt werden konnte.“ Was passiert, wenn die Flüchtlinge volljährig werden? „Ab diesem Moment kann es sein, dass der Flüchtling wieder ausgewiesen wird. Dies ist abhängig von der Situation in seinem Land“, sagt Brigitte Drews vom Jugendamt.

Der Moment der Volljährigkeit löst bei vielen Flüchtlingen Angst aus. Sie müssen die Behördengänge und das Leben nun alleine bewältigen. Das Jugendamt leistet in den ersten sechs Monaten noch ambulante Hilfe. Auf die Frage, ob Mitarbeiter von Maria im Tann nach Volljährigkeit weiterhin Kontakt zu den nun Erwachsenen pflegen, antwortet Tim Polmann: „Viele ziehen in die nahegelegene Wohnsiedlung im Preuswald. Diese kommen noch oft vorbei, was uns natürlich sehr freut. Die Jugendlichen, die in die Stadt ziehen, lassen sich nicht mehr so oft blicken, was einerseits schade, aber andererseits auch gut ist, da ihre Selbstständigkeit sehr wichtig ist.“ Auch Arian zog in den nahen Preuswald und macht nun eine Ausbildung zum Chemielaboranten.

„Länder wie Spanien und Griechenland bieten Flüchtlingen eine Versorgung und nach einigen Monaten werden sie mit Geld versehen und weitergeschickt.“, sagt Ulla Knops vom Jugendamt. Als eine positive Entwicklung der letzten Zeit bewerten die Experten, dass die Verknüpfung zwischen den einzelnen Behörden in Deutschland immer besser werde. Dadurch gelinge die Zusammenarbeit in Bezug auf unbegleitete minderjährige Flüchtlinge immer effektiver.

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