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Aachen: Ungewöhnlicher Frauenchor: Auch nach 30 Jahren immer noch „taktlos“ gut

Aachen : Ungewöhnlicher Frauenchor: Auch nach 30 Jahren immer noch „taktlos“ gut

Ohrenschmaus und Augenweide: Erst war der Frauenchor „taktlos“ ein seltsames Unikum, mit den Jahren gab es aber immer mehr Ensembles, die etwas anderes machten als klassischen Chorgesang. „Ein bisschen waren wir wohl Trendsetter.“ Seit mehr als 30 Jahren gibt es das Aachener Frauen-Gesangsensemble „taktlos“ unter dem Motto „Chorisch gepunktet — kabarettistisch gestreift“.

Von den zwölf Gründungsmitgliedern von 1987 sind noch fünf dabei. Zwei davon: Maria Conze und Sigi Fuhrmann. Mit ihnen sprach unser Mitarbeiter Bernd Müllender über die Anfänge, Marabu-Federn auf dem Kopf, Musik als Labsal, die Leichtigkeit des Textens und die Chorlandschaft in der Region.

Der Frauenchor „taktlos“: Manuela Frey (am Klavier), stehend v.l.n.r.: Bettina Leibfritz, Rike Drieschmanns, Maria Conze (auch kleines Foto links), Irene Nobis, Josie Bockholt, Sigrid Tillmanns, Sigi Fuhrmann (auch kleines Foto rechts) und Adelheid Scherer. Foto: Andreas Steindl

In einer Moderation von 1995 erklärten Sie, was „taktlos“ ausmacht: „Wir arbeiten daran, einzelne Stimmen gemischt stehend zu halten, choreografisch einzubinden und in der Mehrstimmigkeit als durchaus chorisches Erlebnis rüberzubringen.“ Damit ist doch fast alles gesagt, oder?

Fuhrmann: Zumindest viel. Diese Erklärung gehörte zu unserem „Kulturbeutel“-Programm.

Conze: Stimmt alles immer noch.

Fuhrmann: Ja, manchmal üben wir dazu noch synchrone choreografische Ausfallschritte …

Conze: ... ohne dabei ausfallend zu werden.

Wussten Sie denn von Anfang an, dass Sie das alles mal kombinieren wollen — singen, parodieren, ein bisschen Kabarett?

Conze: Natürlich nicht. 1987 saßen vier Frauen in einer Kneipe, hatten vorher einen Auftritt der Rheintöchter aus Köln gesehen und gesagt: „Boah, so was wollen wir auch machen.“ Nach einem Aufruf gab es einen ersten Termin im Frauencafé Schwarze Witwe in der Maxstraße.

Fuhrmann: Mehr als 20 Frauen kamen und haben beschlossen: Wir bilden jetzt einen — ja, was … Chor? Im Prinzip waren wir gesanglich alle Laien, bis auf eine, die noch heute unsere Solistin ist, Adelheid Scherer. Mit elf Sängerinnen und einer Pianistin — Melani Becker — sind wir schließlich als „taktlos“ gestartet.

Conze: Es gab damals fast nichts außer Kirchenchören, Männergesangsvereinen oder klassischen Chören. Nach uns kam bald der Schwulenchor Warme Wellen und zum Beispiel auch der Männerchor The Ten Beers After & One Coke. Die haben sich ganz bewusst uns als Vorbild genommen: „So was wie ‚taktlos‘ wollen wir auch machen!“ Vielleicht waren wir in der Szene ein bisschen Trendsetter.

Heute ist die Chorlandschaft in Aachen riesig.

Fuhrmann: Es gehört ja schon zum guten Ton, wenigstens in einem Chor zu singen. Vor 30 Jahren hieß es: Chorsingen? Wie piefig!

Conze: Mittlerweile gibt es die Chor-Biennale, ein Riesenerfolg. Beim ersten Mal 2011 war bei der langen Nacht der Chöre noch Platz für zwei Auftritte von „taktlos“. 2017 wussten die Organisatoren kaum noch, wie sie all die Chöre unterbringen sollen.

Hat „taktlos“ denn eine Botschaft: politisch, gesellschaftlich?

Conze: Das könnten wir wirklich nicht für uns beanspruchen. Wir wollen unterhalten, aber ohne billigen Klamauk und eben nicht platt.

Fuhrmann: Politisch eher im Kleinen. Eine Ausnahme ist unser Pro-Europastück auf das Trinklied aus „La Traviata“. Prinzessin Europa ist in den Wechseljahren und genervt von ihren Kindern. Das haben wir aus aktuellem Anlass wieder ins Programm genommen. Ansonsten setzen wir immer da an, wo wir selber sind, also lieber Alltägliches und Zeitgeistiges, weniger aktuelle Politik.

Conze: Alltag ist auch Politik.

Fuhrmann: Wie zieht der Mann den Pullover aus, wie die Frau, wie das Kind? Oder beim Wandern, wenn das GPS versagt. Der Mann weiß, wo’s langgeht, die Frau würde lieber mal jemanden fragen.

Der Mann als Technikfreak: Das passt zu Ihrem Lied „Der Systemadministrator“.

Fuhrmann: Das war ein ziemlicher Hit, naja, jedenfalls wollen es die Leute immer wieder hören. Frau sitzt im Büro am PC, irgendwas hakt; dann kommen die wissenden Männer und flüstern sich ihre Mantras ins Ohr. Die Frauen können derweil nichts anderes tun als abwarten und Tee trinken.

Hat sich das Publikum verändert?

Fuhrmann: Mittlerweile sind auch viele Männer im Publikum, bestimmt ein Drittel. Anfangs war „taktlos“ fast eine reine Szene-Frauenveranstaltung, wir sind ja groß geworden in frauenbewegter Zeit. Immer gab es die Interviewfrage: Kriegen denn bei Ihnen die Männer ordentlich eins drauf? Nö, das war nie so. Wir haben immer nur das Geschlechterverhältnis mit viel Ironie aufs Korn genommen. Da sind beide dran.

Conze: Anfangs glaubten viele, das ist bestimmt eine feministisch-radikale Frauengruppe. Oder das Gegenteil: irgendwelche Revue-Girls mit Marabu-Federn auf’m Kopf. Bizarr.

Fuhrmann: Wir holen die Leute da ab, wo sie sind. Aktuell haben wir ein neues Lied über das Älterwerden. Wir stellen uns zur Musik von Abba „The Winner Takes It All“ als alternde Elfen auf die Bühne. Wir schlüpfen einfach in eine andere Rolle: Die armen Elfen haben die Flügel welk. Das Thema ist ja nicht ganz einfach für Frauen …

… der Mann als solcher wird auch älter.

Conze: Männer dürfen reifer werden, zumindest in den Medien.

Und Frau Fuhrmann macht immer die schönen Texte, Frau Conze?

Conze: Ja, macht sie. Mit leichter Hand, Sigi ist eine unschlagbare Texterin. Musikalisch haben wir immer geliehene Stücke aus allen Genres, die wir dramaturgisch inszenieren, lustig in Szene setzen und umtexten: Oper, Schlager, Rock und Pop, Musical, Madrigal.

Fuhrmann: Was Gereimtes passend zu einer Musikstruktur hinzukriegen und auf den Punkt zu bringen, das hab ich ja nun schon 30 Jahre lang. Und bitte, wir haben mit Maria auch eine grandiose Moderatorin. Zum Beispiel wenn sie über das partielle Androgen-Defizit des alternden Mannes referiert, abgekürzt PADAM; und das kennen wir ja von unserer Kollegin Edith Piaf.

Conze: „Suzanne“ von Leonard Cohen haben wir Wort für Wort übersetzt. „You touched her perfect body with your mind…“ Daraus wurde...

Beide: … und du betatschtest ihren perfekten Körper mit deinem Geist ...

Conze: … Der Text läuft über der Bühne mit, können alle mitsingen. Tun sie auch! Ein Riesenspaß.

Fuhrmann: Oder aus „Monotonie in der Südsee“ wird „Monogamie an der Nordsee“ — bei 16 Grad. Ist manchmal ganz simpel.

Gab es nie Streit? Alles wirkt so harmonisch.

Fuhrmann: Es gab durchaus auch heftige Krisen. Wer hat welche Rolle, welche Funktion? Anfangs sagte der Zeitgeist: Alle können alles. Ist natürlich Quatsch. Jede hat ganz spezielle Begabungen.

Conze: Irgendwann sind wir drauf gekommen, dass wir fast alle aus kinderreichen Familien kommen. Da lernt man Kompromisse zu schließen und flexibel zu sein. Gibt ja auch viel zu tun: Bühne parat machen, Requisiten basteln, Plakate gestalten. Und für Bühnentechnik und Beleuchtung haben wir unseren Max.

Warum mögen die Leute Sie nach 30 Jahren immer noch?

Conze: Es gibt ein Stammpublikum über all die Jahre. Aber es kommen auch immer neue Leute. Die sagen dann, wieso kannte ich Euch 30 Jahre nicht?!

Fuhrmann: Warum? Vielleicht, weil wir sehr authentisch sind. Wir brauchen immer den Kontakt zum Publikum. Deswegen ist die Klangbrücke mit ihrer breiten Front auch so gut für uns. Da sind wir nah dran.

Conze: Wir wollen ja nicht nur Ohrenschmaus, sondern auch Augenweide sein. Ich würd uns ja gern mal aus dem Publikum sehen, wie wir so wirken. Aber: geht ja nicht.

Liebevoll anzuguckende Nichtperfektion?

Conze: Perfektion ist nicht unser Anspruch. Aber wir kriegen oft das Feedback: Das ist ja richtig professionell.

Fuhrmann: Dabei haben wir gar keine Chorleitung, aber eine wunderbare Stimmtrainerin und Pianistin, die Manuela Frey.

Conze: Singen ist auch Labsal für die Seele. Das kommt vielleicht auch rüber.

Fuhrmann: Na jedenfalls gilt: das Singen, die Gemeinschaft in der Gruppe, Auswendiglernen, viel lachen — das alles ist auch Schadensbegrenzung beim Älterwerden.