Aachen: Und die Geschenke wurden geschmuggelt

Aachen: Und die Geschenke wurden geschmuggelt

Ja, sie haben geschmuggelt. Alles andere wäre für die Poths extrem umständlich gewesen. Keine Zigaretten, kein Kaffee, schon gar keine Drogen - nein, Weihnachtsgeschenke wurden über Schleichwege von Aachen ins belgische Hergenrath geschafft.

„Die hätten wir ja verzollen müssen - und dann an Heiligabend schon wieder, wenn wir nach Aachen gefahren sind”, erzählen Hans und Silvia Poth. Das war irgendwann Ende der 70er Jahre. Ameröllchen aus einer Zeit, die viele längst vergessen oder gar nicht miterlebt haben. Wie Johannes Poth (19), jüngster Sohn der Familie. Für ihn war Europa schon immer offen. Eine Sache, die ein junger Mensch heute als alltäglich wahrnimmt.

Anders ist das bei seinen Eltern - und auch die anderen Kinder, die 30, 28 und 26 Jahre alt sind. Vor 32 Jahren zog es die Eheleute ins benachbarte Ausland. Auf einer Fahrradtour entdecken sie die Ruine eines Bruchsteinhauses. Was damals nicht ohne Folgen war. „Wir fühlten uns anfangs als Fremde in einem Fremden Land”, erinnert sich die 58-jährige Silvia Poth. Die „Einheimischen” begegneten den Deutschen mit Skepsis. Beschwerte man sich über laute Rasenmäher, bekam auch schon Mal zu hören: „Dann geht doch zurück nach Deutschland.” Das, so Hans Poth (61) sei natürlich längst Schnee von gestern. Genauso wie die lange Zeit, in der die Poths permanent zwei Währungen im Portemonnaie hatten.

Ihr Leben spielte sich in den vergangenen 32 Jahren dies- und jenseits der Grenze ab, die auf kürzestem Weg gerade einmal 1,8 Kilometer von jenem Bruchsteinhaus entfernt ist. Schließlich arbeiten beide im öffentlichen Dienst - im deutschen. Hans Poth ist Pressesprecher der Stadt Aachen, Silvia Poth ist Lehrerin am Käthe-Kollwitz-Berufskolleg.

Und Sohn Johannes geht überdies auf eine deutsche Schule, das Couven-Gymnasium. Da war noch am Donnerstag die Europawahl Thema, bei einer Diskussion mit den Jugendorganisationen der Parteien. Der Zuspruch war groß. Aber wie ist das denn mit Europa so im täglichen Leben? „Trotz der Nähe sind für mich Belgien und Deutschland nach wie vor zwei unterschiedliche Staaten”, so der 19-Jährige. Er hätte sich auch für einen belgischen Pass entscheiden können, tat dies aber nicht. „Ich fühle mich schon als Deutscher, nicht als Belgier”, sagt er. Und auch nicht, wie es oft so pathetisch heißt, als Europäer. „Sondern als Bürger eines europäischen Staates”.

Hans Poth erinnert sich noch lebhaft, als die Entscheidung für Hergenrath fiel. Vor allem für seinen Vater war das gewöhnungsbedürftig. Er nämlich stammt aus dieser Gegend, die damals noch deutsch war. Dann fiel das Gebiet an Belgien, „und war damit Ausland”. Dennoch zog es ihn immer mal wieder dorthin, und den Filius Hans nahm er mit. „Ich kannte das hier also schon”, sagt dieser.

Was er nach dem Umzug kennenlernte, war die permanente Grenzkontrolle. Gerade ganz am Anfang sei das sogar beängstigend gewesen. In Deutschland trieb die RAF ihr Unwesen, an der Grenze waren die Zöllner mit Maschinenpistolen bewaffnet. Nicht selten wurden die Autos von Silvia und Hans Poth durchsucht. Die Schleichwege nach Hause jenseits der Grenzposten kannten sie alle. Hans Poth: „Die braucht man heute zum Glück nicht mehr.” Und Silvia Poth erinnert sich noch, als Umweltschutz in Belgien ein Fremdwort war, es lauter wilde Müllkippen gab, Abfall verbrannt wurde. „Das hat sich durch Europa gründlich geändert.”

Lauter handfeste Vorteile. Und trotzdem sind die Menschen europaskeptisch. Warum bloß? „Weil es viele so empfinden, dass Europa zu schnell zu groß wird”, so Hans Poth. Das schüre Ängste - gerade bei vielen Deutschen, bei denen die Vokabeln abgeben, teilen, zahlen eng mit Europa verbunden sind. Zudem werde in der EU massiv Geld verschleudert, findet Silvia Poth. Wie bei jener Straße auf einer kleinen Insel in Griechenland, die die Poths kennen. Die neue Verbindung zwischen zwei Mini-Orten wurde mit EU-Geld bezahlt. Auf der Insel wohnen allerdings nur zehn Familien - und es gibt nur drei Autos.

Unterschiede in den Gesetzen. gibt es auch heute manche. So müsse man in Belgien bei einem Rechtsstreit immer seinen Anteil an den Prozesskosten tragen - ob man gewinnt oder nicht. Vermutlich deswegen würden in Belgien viel weniger Streitigkeiten vor Gericht ausgefochten. „Aber das kann ja auch ein Vorteil sein”, schmunzelt Hans Poth.

Französisch sprechen die Drei übrigens kaum. Man kommt mit Deutsch klar. Sogar das Straßenschild in „ihrer” Straße ist jetzt nur noch deutsch, die französische Übersetzung ist neulich verschwunden. Die Belgier hingegen seien alle zweisprachig unterwegs. „Darum beneide ich sie”, räumt Silvia Poth denn auch ein.

Am Sonntag gehen Hans, Silvia und Johannes Poth wählen. In Deutschland. Und die Weihnachtsgeschenke, die können sie auch unbesorgt über die Grenze hin- und herkarren. Die Schmugglerzeiten sind für die Poths dank Europa vorbei.