Aachen: Umbenennung der Agnes-Miegel-Straße: Anwohner empört

Aachen: Umbenennung der Agnes-Miegel-Straße: Anwohner empört

Als Mitte Januar das Schreiben der Verwaltung in Beate Camiolas Briefkasten flatterte, traute sie ihren Augen nicht. Denn in dem Brief werden die Anwohner der Agnes-Miegel-Straße „nur“ noch dazu aufgefordert, einen von sechs Vorschlägen auszuwählen, den sie als neuen Namen für ihre kleine Stichstraße befürworten würden.

Für Camiola ein „hingeworfenes Leckerli“, auf das sie nicht eingehen möchte. Ein Großteil der 30 Anwohner der Agnes-Miegel-Straße fühlt sich nämlich übergangen und ist daher sauer auf Politik und Verwaltung.

Das Haltbarkeitsdatum der Agnes-Miegel-Straße läuft bald ab. 1970 hat die Stadt die kleine Stichstraße im Bereich Driescher Hof nach der ostpreußischen Dichterin Agnes Miegel (1879-1964) benannt. Doch Miegel ist eine mindestens diskutable Persönlichkeit. Die Autorin stand den Nationalsozialisten nahe, unterzeichnete zum Beispiel 1933 ein „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ auf Adolf Hitler.

Es gibt allerdings auch Expertenstimmen, die Miegels Rolle in der NS-Zeit weniger kritisch bewerten. Nach dem Krieg wurde sie entnazifiziert. Trotzdem: Soll so eine Person den Namen einer Aachener Straße schmücken? Nein, sagte zuletzt die Bezirksvertretung Aachen-Mitte und stimmte für die Umbenennung.

Die Anwohner der Agnes-Miegel-Straße hatte im Vorfeld allerdings niemand befragt, wie sie einer Umbenennung gegenüberstehen. Dabei hatte das Bürgerforum im Mai 2015 genau das beschlossen, nämlich die Anwohner „sowohl an der Grundsatzentscheidung zur Umbenennung zu beteiligen, wie auch in die Entscheidung zur neuen Namensgebung mit einzubeziehen“.

So steht es zumindest im Protokoll des Bürgerforums. Doch Politik und Verwaltung sagen anno 2016 dazu: Es war anders gemeint als gesagt — beziehungsweise in diesem Fall geschrieben. Bei der im Internet einsehbaren Niederschrift habe es sich leider um eine „missverständliche Interpretation“ des Protokollanten gehandelt, teilte das städtische Presseamt am Montag auf AZ-Anfrage mit. Allerdings: Die einhellige Empfehlung, die Straße umzubenennen, gab auch das Bürgerforum schon ab.

Zu der Grundsatzentscheidung — Agnes-Miegel-Straße ja oder nein — durften die Bewohner daher kein Wort sagen. „Wir haben nie die Möglichkeit erhalten, unsere Sachargumente vorzutragen“, kritisiert Camiola. Sie und weitere Nachbarn haben sich daher an die Fachverwaltung, an die zuständige Bezirksbürgermeisterin Marianne Conradt und auch an Oberbürgermeister Marcel Philipp gewandt und ihre Empörung zum Ausdruck gebracht.

Antwortschreiben erhielt man dieses Mal zwar, aber in Form einer „lapidaren Auskunft“, dass eben alles nicht so gemeint war, wie es schriftlich im Bürgerforum festgehalten wurde, ärgern sich Camiola und ihre Nachbarn über die verwehrte Bürgerbeteiligung im Vorfeld. „Ist das der Umgang der Stadt Aachen mit ihren Bürgern?“, fragt Camiola und meint weiter: „Der oft beklagten Politikverdrossenheit kann man so sicher nicht begegnen.“

Die Anwohner bezweifeln zumindest, dass im Falle von Agnes Miegel die hohen Kriterien erfüllt sind, die eine Straßenumbenennung rechtfertigen. „Uns ist bewusst, dass die Dichterin Agnes Miegel sicher nicht unumstritten ist, aber man kann ihr keine erheblich vorwerfbaren Handlungen zuordnen“, schreiben Beate und Salvatore Camiola in ihrem Brief an den Oberbürgermeister und verweisen auf mehrere Quellen, die das Leben und Wirken Miegels sachlich-kritisch einordnen sollen. In einigen anderen Städten, unter anderem in Münster, Delmenhorst und Bottrop, sind entsprechende Umbenennungsversuche letztlich gescheitert, führen die Camiolas weiter an.

In Aachen wird das wohl nicht der Fall sein. Am 13. April soll die Bezirksvertretung Aachen-Mitte über den neuen Namen abstimmen. Welcher es wird? Zur Auswahl stehen Rose-Ausländer-Straße, Selma-Merbaum-Straße, Mascha-Kaléko-Straße, Bettina-von-Arnim-Straße, Berta-von-Suttner-Straße oder Nelly-Sachs-Straße. Die Entscheidung ist noch nicht gefallen. Klar ist nur: Die Agnes-Miegel-Straße ist in Aachen bald Geschichte.