40 Jahre Weltkulturerbe: Über geistige und irdische Werte des Aachener Doms

40 Jahre Weltkulturerbe: Über geistige und irdische Werte des Aachener Doms

Man kann ihn komplett umrunden, zu ihm aufblicken, ins magische Dämmerlicht eintauchen und drinnen einfach einmal verharren, Kraft tanken: Wenn in diesen Tagen vom Unesco-Weltkulturerbe in Deutschland die Rede ist, rückt der Aachener Dom in den Vordergrund — das erste deutsche Bauwerk auf der Liste der erhaltenswerten Kulturgüter.

Es ist das architektonische Statement Karls des Großen, das die Unantastbarkeit seiner von Gott gegebenen Herrscherwürde untermauern sollte. Marienkirche, Pilgerort, Mittelpunkt eines Bistums, einer Stadt und Ziel von Menschen aus aller Welt. „Durch seinen Status als Weltkulturerbe hat der Dom eine nochmalige Aufwertung erfahren, die deutlich spürbar ist“, betont Dompropst Manfred von Holtum.

Über eine Million Besucher besuchen das Gotteshaus jährlich, das im September 1978 ohne Diskussionen von der Unesco ausgezeichnet wurde. Mit einer Festwoche vom 23. bis 30. September wird jetzt gefeiert. Es gibt eine virtuelle Open-Air-Show, Musik, Vorträge, Besichtigungen und mehr. Prominente Gäste geben sich die Ehre. So wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erwartet, zum Auftakt spricht NRW-Ministerpräsident Armin Laschet.

Aber wie war das damals, als der Antrag gestellt wurde, den Dom in die berühmte Liste der Unesco aufzunehmen, und was haben der Tempel von Abu Simbel, Heiligtum des Pharaos Ramses II., und der Bau des Assuan-Staudamms in Ägypten mit dem Dom zu tun?

Dombaumeister Helmut Maintz, seit 1986 am Aachener Dom und als Welterbemanager in der Verantwortung, wirft einen Blick zurück. „Die Unesco hat damals nicht nur den Rettungsplan für Abu Simbel entwickelt“, erklärt Maintz. „Als Folge der Rettungsaktion wurde 1972 durch die Unesco-Kommission das Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt verabschiedet.“

Kunsthistoriker und Denkmalpfleger

Über 190 Staaten haben dieses Übereinkommen bisher ratifiziert. Deutschland war frühzeitig Mitglied der Kommission. „Für uns war damals Landeskonservator Georg Mörsch vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege dabei. Wir erwarten ihn zum Jubiläum“, sagt Maintz. Der in Aachen geborene Kunsthistoriker und Denkmalpfleger hat die Kriterien mitentwickelt, die zu erfüllen sind, damit ein Bauwerk auf die Welterbeliste gesetzt wird — etwa der Aachener Dom. Mörsch setzte sich für den Antrag ein, den der damalige Dombaumeister Leo Hugot schließlich ausfüllte. „Mehr als fünf Schreibmaschinenseiten waren das nicht“, erzählt Maintz.

Die konkrete Antragstellung erfolgt bis heute über die Kultusministerkonferenz der Bundesregierung. Bereits in der ersten Kommissionssitzung gab es kein Veto. Es schien klar: Der Aachener Dom gehört auf die Welterbeliste. Hat die Auszeichnung den Dom auch spirituell auf eine neue Stufe gehoben? „Mit Sicherheit“, sagt der Dompropst.

„Wenn wir von Weltkulturerbe sprechen, benutzen wir eng miteinander verbundene Begriffe: Kultur und Kultus. Die Pflege der Liturgie und die seit Jahrhunderten entwickelte Dommusik gehört dazu.“ Nicht nur das Gebäude mit dem karolingischen Kern sei Welterbe. „Wir haben ein Alleinstellungsmerkmal. Chorhalle und Kapellenkranz gehören dazu, ein geschlossenes Ensemble, mit einer Ausstattung wie Karlsthron, Barbarossaleuchter, Schreinen, Orgel, Pala d‘Oro und Heinrichskanzel inklusive der Kostbarkeiten der Domschatzkammer, die in der Liturgie eingesetzt werden, das Lotharkreuz zum Beispiel“, zählt von Holtum auf. „Das sind geistliche Werte.“

Karlspreis und Karneval

Der Dombaumeister erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass der Dom unter dem „Kriterium 6“ in die Welterbeliste eingetragen ist. „Darin sind Glaubensbekenntnisse, Spiritualität, überlieferte Lebensformen, wichtige Ereignisse aufgeführt, alles, was in diesem Welterbe passiert.“

Hier denkt Manfred von Holtum an die bis heute im Dom gelebte geistliche Verbindung mit gesellschaftlichen Begebenheiten: Keine Verleihung des Internationalen Karlspreises ohne Pontifikalamt und selbst die designierten neuen Ordensritter „Wider den tierischen Ernst“ kommen am Tag der Ehrung morgens in den Dom. „Hier in Aachen geht eben nichts am Dom vorbei“, versichert der Propst.

„Ich finde es angemessen und richtig, dass die Karlspreisträger den Dom besuchen. Und der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat mich sehr bewegt, da spürte man einen starken geistigen Hintergrund.“ Dass es Steinmeier nun zum Jubiläum ein zweites Mal in diesem Jahr nach Aachen zieht, ist für von Holtum eine Bestätigung seines Eindrucks.

1978, im Jahr, als der Dom auf die Welterbeliste gesetzt wurde, war von Holtum in Kempen, wurde dort im Oktober zum (damals jüngsten) Dechanten von Kempen-Tönisvorst gewählt. „Ich war in der Schule tätig, da spielte Aachen natürlich eine Rolle“, meint er. In den letzten Jahren habe sich sein Blick vertieft — unter anderem im Kontakt mit Menschen aus Ländern, wo kostbares Weltkulturerbe zerstört wird. „Ich bin kürzlich mit zwei syrischen Gästen durch den Dom gegangen. Sie haben mir von den Zerstörungen in ihrer Heimat berichtet. Das hat sich mir eingebrannt.“

Er werde alles daran setzen, dass der Dom nicht nur als Bauwerk, sondern auch das geistliche Leben erhalten bleibe. Als Dombaumeister und Welterbemanager sind für Maintz Pflege und Erhaltung des Doms gleichermaßen wichtig. In 40 Jahren hat sich auf dem Gebiet der Sanierung eine Menge getan, wurden durch Institute der RWTH „diagnostische Verfahren“ zur Untersuchung der Bausubstanz entwickelt. „Wichtig war die Möglichkeit der Radaruntersuchung von Mauerwerk“, betont Maintz.

„Wir können jetzt erkennen, wo etwas nicht stimmt und dann die Stellen genauer untersuchen.“ Inzwischen werden graue Gipskrusten schonend mit dem Laser entfernt, gibt es Steinfestigungsmaterial.“ Doch es sind Wünsche offen. Grundsatz des Welterbemanagers: „Wir geben vielen Methoden eine Chance, aber wir wählen nicht blind jede Methode.“

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