Aachen: Turnier vom Besenstiel bis zur topmodernen App

Aachen: Turnier vom Besenstiel bis zur topmodernen App

Die eine zäumt das Pferd von hinten auf, die andere von vorne. Für den CHIO Aachen brennen sie jedenfalls beide. Auf der einen Seite Dr. Doris Beaujean. In ihren Händen liegt die Geschichte des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) und des CHIO Aachen, die sie seit den 1990er Jahren minutiös aufarbeitet.

Auf der anderen Seite Melanie Pyschny. Sie gibt dem Weltfest des Pferdesports auf Facebook & Co. ein digitales Gesicht. Wenn die internationalen Topreiter und rund 350.000 Besucher in diesem Jahr wieder in der Soers zusammenkommen, schreiben beide an einem neuen Kapitel Aachener Pferdesportgeschichte mit. Denn — so verraten sie im Samstagsinterview — das Zusammenspiel von Tradition und Innovation schafft ganz neue Möglichkeiten, den CHIO Aachen ins Rampenlicht zu rücken.

Vor 118 Jahren wurde der ALRV gegründet. Damit begann eine unvergleichliche Aachener Erfolgsgeschichte . . .

Beaujean: In der Tat. Der CHIO hat sich nicht nur zu einem international renommierten Pferdesport-Event entwickelt, er ist nach wie vor das wichtigste und das faszinierendste Großereignis in der Region mit einer einmaligen Geschichte.

Die Sie seit den 1990er Jahren aufarbeiten. Wie kam es eigentlich dazu?

Beaujean: Als Mitglied der „Laurensberger Heimatfreunde“ habe ich 1991 eine Broschüre über die Anfänge des ALRV und die ersten Pferderennen auf der „grünen Wiese“ geschrieben. 1998 hat der ALRV sein 100-jähriges Jubiläum gefeiert. Aus diesem Anlass entstanden mit meiner Unterstützung eine umfassende Chronik und eine Jubiläumsausstellung. Es folgten weitere Ausstellungen, das CHIO Aachen-Museum, das CHIO Aachen-Archiv und die History Tour auf dem Gelände, welche in Text und Bild die Baugeschichte des ALRV thematisiert.

1927, beim ersten CHIO, tippten Journalisten noch auf Schreibmaschinen, Nachrichten wurden per Telegramm oder Fernsprecher übermittelt. 2010 begründete der ALRV mit seiner Innovationsoffensive eine neue Ära.

Pyschny: Genau. Das war der Startschuss für den digitalen CHIO Aachen. Die Idee war, auch diesen Bereich zu etablieren und zu professionalisieren. Denn ohne digitale Medien ist man heutzutage bei vielen Zielgruppen einfach nicht präsent. Mittlerweile sind wir sehr gut aufgestellt. Denn es braucht eine gewisse Zeit, um diesen schnelllebigen Bereich auf ein stabiles Fundament zu stellen, auf das man weiter aufbauen kann. Es ist halt nicht damit getan, einmal die Woche etwas auf Facebook zu posten und die Klicks zu zählen, um dann zu jubeln: Juhu, wir sind digital!

Sondern?

Pyschny: Der CHIO Aachen ist im gesamten digitalen und Online-Bereich präsent. Klar, mit einer — übrigens nigelnagelneuen — Webseite, verschiedenen CHIO-Aachen-Apps, auf den Social-Media-Kanälen Facebook, Twitter, Youtube und Instagram, mit dem virtuellen Kameraflug und der Multimediagrafik. Allein unsere Facebookseite hat mittlerweile knapp 108.000 Fans, die wir auf verschiedene Art das ganze Jahr über auf das Turnier einstimmen, mit Texten, Fotos und Videos, mit unserer Countdown-Kampagne, Informationen zu Reitern, zum Geländeaufbau und Veranstaltungshinweisen. Gerade junge Menschen, aber auch bestimmte Berufsgruppen wie Journalisten nutzen Social Media zunehmend als Informationsquelle.

Beaujean: Nicht zu vergessen die historischen Fotos, die regelmäßig von dir gepostet werden. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto, auf dem Hans Günter Winkler im Hauptstadion abgebildet ist, bekommt oft genau so viele „Likes“ wie ein Foto eines aktuellen Reiters. Historie scheint demnach in besonderer Weise Emotionen zu wecken — auch in der digitalen Welt. Das zeigt: Tradition und Moderne widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich oft hervorragend. Der CHIO ist halt nicht nur ein Traditionsturnier, sondern auch eine moderne Großveranstaltung. Die Kunst besteht darin, Tradition und Geschichte so in die Moderne zu übertragen, dass sie auch dem jüngeren Publikum begreifbar werden.

So wie im CHIO Aachen-Museum?

Beaujean: Ja. Dieses war ja von Beginn an als ein lebendiges Projekt konzipiert. Hier gibt es auf 130 Quadratmetern die geballte Aachener Pferdesportgeschichte zu erleben, und zwar nicht nur in Form der über 400 — oft sehr persönlichen — Exponate, die seit 2007 von verschiedenen Seiten zusammengetragen worden sind, sondern auch anhand verschiedener interaktiver Medien. Dieses Museum ist wohl einzigartig, gerade weil es nicht nur den absoluten Pferdesportkenner anspricht.

Was stand in den vergangenen Wochen auf Ihren jeweiligen To-do-Listen?

Pyschny: Im digitalen und Online-Bereich musste alles permanent auf dem aktuellen Stand gehalten werden. Unmittelbar vor Turnierbeginn und während des Turniers tut sich dort natürlich viel. Gerade sind wir dabei, alle aktualisierten CHIO-Aachen-Apps in die Stores zu bringen, davor haben wir die CHIO-Aachen-Webseite einem inhaltlichen und optischen Relaunch unterzogen. Natürlich ist auch in den sozialen Medien zurzeit besonders viel los. Beaujean: Zum einen habe ich die Klärung externer Anfragen zu historischen Themen unterstützen können, zum anderen natürlich auch die Vorbereitungen der Hans-Günter-Winkler-Gala anlässlich seines 90. Geburtstages. Und gerade erst ist im CHIO-Aachen-Museum die 25 Meter lange Zeitleiste, die bis zum Gründungsdatum des ALRV zurückreicht, mit den aktuellsten Bildern und Texten komplettiert worden. Meinetwegen kann es jetzt losgehen!

Wie sieht es während des Turniers aus?

Pyschny: Mein Hauptaugenmerk liegt darauf, in den sozialen Medien, auf der Webseite, im Intranet, in den Apps, im Newsletter und in den Ergebnislisten die Besucher und Fans mit aktuellen oder Echtzeit-Informationen zu versorgen. Das ist manchmal eine kleine Herausforderung, insbesondere wenn mehrere Prüfungen parallel stattfinden. Und gerade während der Prüfungen sind viele Menschen online und kommentieren fleißig, das Smartphone macht’s möglich. Beaujean: Mich findet man zu der Zeit häufiger im CHIO-Museum, da dieses ja auch während der Turniertage zugänglich ist. Internationale Medienvertreter und Besucher sind von dem Museum völlig begeistert und merken dort so richtig, auf was für einem traditionsreichen Terrain sie sich befinden.

Was lieben Sie an Ihren Aufgaben?

Pyschny: Mein Job wird mit Sicherheit nie langweilig. Man kann sich immer weiterentwickeln, da sich auch die digitale Welt ständig weiterentwickelt. Und gerade über die sozialen Medien hat man viel Kontakt mit den Fans, das ist sehr schön. Beaujean: Bei mir ist es genauso. Ich lerne sehr gerne dazu. Vor allem die Digitalisierung des Archivs, die hier vorangetrieben wird, ist ein Mammutunternehmen. Mit jedem eingescannten Foto kommt Neues zutage über den CHIO Aachen. Das ist manchmal wie Detektivarbeit. Denn oft gelangen Exponate auf verschlungenen und interessanten Wegen in das CHIO-Museum. Ohne die Mithilfe der Aachener, der treuen Turnierbesucher, wäre das Museum jedenfalls nicht so anschaulich, wie es ist. Da wurde manches Erinnerungsschätzchen gerne abgegeben, um das Museum zu bereichern. Erst vor wenigen Tagen brachte ein Paar noch ein Programmheft aus dem Jahr 1946 vorbei. Viele sind froh, eine Adresse zu wissen, wo solche Dinge in guten Händen sind.

Sind denn die historischen und digitalen Ressourcen nicht irgendwann erschöpft?

Beaujean: Die Geschichte des ALRV und des CHIO, das ist auch Stadt- und Wirtschaftsgeschichte. Die Archivalien dokumentieren und illustrieren diese enge Verquickung sozusagen aus Pferdeperspektive. Es bleibt also spannend. Pyschny: Dasselbe gilt für den digitalen Bereich. Moderne Technik erlaubt es uns, die Faszination Pferdesport transparent zu machen, aber auch in Interaktion mit dem Publikum zu treten. Die aktive Teilhabe der Zuschauer, die ja bereits heute via „Judging App“ zu Dressur- und Voltigier-Richtern werden können, wollen wir stetig ausbauen. Auch die einzigartige Geschichte des CHIO Aachen wollen wir erlebbar machen, dazu kommen Themen wie Tracking und Echtzeit-Analysen, an denen wir intensiv arbeiten. Das sind große technische Themen, die wir mit Partnern wie SAP und NetAachen immer weiter ausbauen werden.

Was macht die Faszination CHIO Aachen aus?

Pyschny: Als ich vor zwei Jahren zum ALRV kam, war ich sofort davon fasziniert, wie sehr das Turnier in Aachen und der Region verwurzelt ist. Die Menschen brennen hier einfach für das Turnier. Das hat es mir sehr leicht gemacht, mich mit diesem Event zu identifizieren, obwohl ich weder aus dem Reitsport noch aus Aachen komme. Beaujean: Ich bin Aachenerin und habe den CHIO Aachen schon als Schülerin besucht. Und natürlich wurde nach jedem Besuch zu Hause im Garten das Reitturnier nachgespielt. Jeder hatte dann einen anderen prominenten Namen. Als Hindernis diente ein Besenstiel zwischen zwei Apfelsinenkisten. Diese Begeisterung ist bis heute bei mir geblieben. Das Turnier ist ein Teil von Aachen und das lässt sich nicht ohne Weiteres kopieren. Das macht es, denke ich, einmalig und faszinierend.

Bleibt denn überhaupt Zeit, den Arbeitsplatz ab und zu gegen einen Platz im Stadion zu tauschen?

Pyschny: Ich versuche auf jeden Fall, etwas von der Eröffnungsfeier mitzubekommen. In diesem Jahr wird diese mit Königin Silvia als Gast und dem tollen Programm des Partnerlandes Schweden ein ganz besonderes Highlight. Beim Mercedes-Benz Nationenpreis und beim Rolex Grand Prix möchte ich mir wenigstens ein paar Reiter live ansehen. Ich freue mich ganz generell auf die besondere Atmosphäre auf dem Gelände und auch im Büro. Es ist immer viel los, und die ganze Zeit hängt diese unbeschreibliche Spannung in der Luft! Beaujean: Insbesondere beim Nationenpreis herrscht eine total prickelnde Atmosphäre, die ich in diesem Jahr sicherlich mit meinem Mann genießen werde. Vor drei Jahren habe ich zudem das Vierspännerfahren für mich entdeckt. Und in diesem Jahr bin ich natürlich besonders gespannt auf die Hans-Günter-Winkler-Gala. Ich finde diese Reiterlegende sehr beeindruckend. Insbesondere seine Biografie, an der sich schön ablesen lässt, wie sich der Reitsport entwickelt hat. Und hier kommen auch wieder die modernen Medien ins Spiel. Die werden natürlich für die Gala genutzt. Das wird sehr emotional!

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