Aachen: Trotz Simulation: Plötzlich gibt es eine echte Festnahme

Aachen : Trotz Simulation: Plötzlich gibt es eine echte Festnahme

Die Schüler des Couven-Gymnasiums staunten nicht schlecht, als aus einer Trockenübung, die die Beamten vom Zoll und der Bundespolizei für sie am ehemaligen Grenzübergang Köpfchen in Raeren simulierten, plötzlich Ernst wurde.

Eigentlich wollten die Beamten den Schülern lediglich demonstrieren, wie damals die Zollkontrollen auf der Aachener Straße abliefen, bevor im Jahr 1990 das Schengener Abkommen in Kraft trat und die stationären Grenzkontrollen zwischen den teilnehmenden Staaten — darunter auch Deutschland und Belgien — abgeschafft wurden.

Bernd Küppers, Pressesprecher der Bundespolizeiinspektion Aachen, sollte recht behalten, als er den Schülern kurz zuvor erklärt hatte: „Die Mitarbeiter von Zoll und Bundespolizei müssen ein gutes Gespür haben, die haben viel Erfahrung und sehen sofort, wenn etwas faul ist.“ Das stellten die Beamten prompt unter Beweis. Sie zogen ein Auto aus dem Verkehr, überprüften die Personalien des Fahrers und stellten fest, dass gegen den Mann ein Haftbefehl vorlag. Kurzerhand wurde er vor den Augen der Schüler festgenommen.

Schüler halten Autos an

Eigentlich waren die Schüler vom Couven-Gymnasium gekommen, um sich anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Europäischen Zollunion den Grenzübergang Köpfchen einmal genauer anzuschauen und die Geschichte für kurze Zeit wieder aufleben zu lassen.

Gemeinsam mit dem Abgeordneten des Europäischen Parlaments, Arndt Kohn (SPD), und Oliver Paasch, dem Ministerpräsidenten der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens, verbrachten die Schüler einen Vormittag am Grenzübergang. Mitarbeiter von Bundespolizei und Zoll hatten extra für die Schüler wieder eine Grenzkontrolle eingerichtet.

Einige Autofahrer staunten nicht schlecht, als sie von den Schülern mit einer Polizeikelle aus dem Verkehr gezogen und nach Zielort und Papieren gefragt wurden.

Schnell bildete sich eine längere Autoschlange auf der Aachener Straße, die Autofahrer wurden ungeduldig. Doch die Schüler, die am Straßenrand standen und selbstgebastelte Plakate in die Luft hielten, die die Vorzüge der Zollunion aufzählten, riefen den Autofahrern bloß zu: „So war das eben früher. Da mussten auch alle warten.“ Im Politikunterricht hatten die Schüler der Jahrgangsstufe 9 bereits gelernt, welche Vorteile die Zollunion für Menschen und Wirtschaft gebracht hat, denn sie selbst sind in einem Europa ohne Grenzen geboren und aufgewachsen.

„Die Schüler haben so etwas nie mitbekommen. Wir möchten, dass sie solche Kon­trollen erleben, damit sie den hohen Wert der Europäischen Union und der offenen Grenzen verstehen“, sagte Schulleiter Michael Göbbels.

Geschichte erleben

Dafür hatten sie sich den „Prämienstandort“ in Eynatten ausgesucht, wie es der Historiker Herbert Ruland formulierte: „Ganz wenige Orte in der Euregio sind so gut geeignet wie dieser Grenzübergang, um die Geschichte zu erläutern.“ Seit 1439 verlaufe dort die Grenze, und bis 1962 sei das der wichtigste Übergang von Deutschland nach Belgien gewesen.

Ruland erzählte den Schülern bei einem Rundgang genau, „wer sich hier die Klinke in die Hand gegeben hat“, er erzählte von Belgiern, Franzosen und Spaniern, von Juden und politisch Verfolgten, die vor den Nationalsozialisten flohen, und von Schmugglern, die sich in Lebensgefahr brachten und ein gefährliches Katz-und-Maus-Spiel mit den Kontrolleuren vom Zoll spielten.

Für die Schüler erinnerten die Geschichten eher an Szenen aus einem Abenteuerfilm als an tatsächliche historische Begebenheiten. „Die Vorstellung, dass das Leben in unserer Region damals so sehr von der Grenze geprägt wurde, ist schon komisch“, sagte Schülerin Ronja. Auch ihre Klassenkameradin Lily konnte sich das kaum vorstellen. „Ich fahre jede Woche über die Grenze zum Reiten. Das ist ganz selbstverständlich für mich“, sagte sie.

Die Kindheit von Herbert Ruland sah da schon anders aus: „Ich bin in einer typischen Grenzlandfamilie aufgewachsen, wir hatten Verwandte auf allen Seiten der Grenzen im Dreiländer-Eck. Das Thema hat mich also schon früh geprägt“, sagte er.

Heute ist das genaue Gegenteil zum Alltag geworden: offene Grenzen ohne Kontrollen. Für die Schüler ist das seit diesem ungewöhnlichen Schultag nicht mehr ganz so selbstverständlich.

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